Wildrausch: Wenn der Körper dir die Idee auf dem Goldtablett serviert - Die Wandlung von Christine Rauch in Survival Siglinde

Manchmal braucht es einen Nierenstein, um das eigene Leben umzukrempeln. Christine Rauch aus Erfurt hat genau das erlebt – und daraus ein Unternehmen, eine Social-Media-Sensation und einen SPIEGEL-Bestseller gemacht.

Es ist ein grauer Herbsttag in Hamburg, als Christine Rauch zum ersten Mal spürt, dass etwas grundlegend anders werden muss. „Hätte ich es nicht besser gewusst, ich hätte gewettet, ein weiteres Kind ist unterwegs", erinnert sie sich an den Moment, als ihr Körper mit Nierensteinen reagiert. Die damalige Industriekarriere läuft eigentlich bestens – zwölf Jahre Solarindustrie bei Ersol und später Bosch liegen hinter ihr. Doch ihr Körper sendet unmissverständliche Signale.

© ESH

„Ich bin der Meinung, dass der Körper auf Umstände reagiert, wenn man zu sehr in irgendetwas festhängt", sagt Christine heute. „Der eine kriegt halt Rücken, wenn er sich zu sehr mit irgendwas stresst. Der andere kriegt halt Bauch. Und ich kriege da halt diese Nierensteine."

Die Ärzte empfehlen ihr, einfach nächstes Jahr wiederzukommen. Doch das ist nicht ihr Weg. Stattdessen macht sie sich auf die Suche nach Antworten – und findet sie in essbaren Wildpflanzen.

Der Pax-Schrank voller Träume

Der Wunsch nach Selbstständigkeit schlummert schon lange in Christine. „Ich hatte immer so einen inneren Drang, mich selbstständig zu machen, und hatte so einen riesengroßen Pax-Schrank voll mit meinen verschiedenen Mindmap-Ideen, was ich werden wollte", erzählt sie. Der Schrank quillt über vor Konzepten und Visionen. Doch erst die Nierensteine bringen Klarheit.

Ihre Reise beginnt mit Ausbildungen – zur Vitalkostzubereiterin, zur Rohkost-Chefin, schließlich zur zertifizierten Fachberaterin für essbare Wildpflanzen. Der Ausbilder Dr. Markus Strauß erkennt ihr Talent sofort: „Hast nicht Bock, mit ins Honorardozententeam einzusteigen? Uns rennen sie hier gerade die Bude ein. Wir brauchen Leute, die so ein bisschen mitnehmen können, die so ein bisschen motivieren können."

Es ist ein sanfter Einstieg in eine neue Welt. Doch Christine denkt größer.

Fake it until you make it

Im Juli 2019 gründet Christine ihr Unternehmen Wildrausch. Die Abfindung von Bosch wird zum Startkapital, der Existenzgründerpass des Freistaats Thüringen gibt zusätzliche Sicherheit. Doch gleich am Anfang steht eine Herausforderung: Zwei Wochen nach der Gründung eine Messe – ohne Visitenkarten, ohne Homepage, ohne alles.

Ihre Großcousine, Marketingverantwortliche einer Bank in Baden-Württemberg, springt ein. „Mir ist gerade zu langweilig", sagt sie und baut über Nacht eine Homepage, designt Visitenkarten und einen Roll-up. „Übelst professionell", lacht Christine bei der Erinnerung.

Auf dieser ersten Messe entdecken die Besucher ihre Gierschkräcker – und sind begeistert. Es folgt ein 100-Tage-Programm beim ThEx, ein Pop-up-Store am Erfurter Fischmarkt. Dann kommt die Bundesgartenschau 2021.

BUGA als Spielwiese

Über Nacht erhält Christine den Auftrag, sieben Produkte für die BUGA-Shops zu liefern. Das Problem: Sie besitzt keine Produktionsstätte. Glücklicherweise kämpft das Nachbarrestaurant gerade mit Corona-Einschränkungen. Der Inhaber kennt sie und bietet seine Küche an. „Dann habe ich mit dem Thermomix alle Mengen, die ich brauchte, für die BUGA produziert", erzählt Christine. „Über 500 Gläser Pesto mit einem Thermomix. Das ist schon crazy."

Die BUGA wird zur Experimentierküche für Christines Konzepte. Über 100 Veranstaltungen, mehr als 2.000 Kinder erreicht sie in ihren Workshops. „Von drei bis 103 war alles dabei", sagt sie. Blinde Besucherinnen, die Kräuter erriechen und Rosensalz mörsern. Gehörlose, die durchs Tasten lernen. Familien, die zum ersten Mal Giersch probieren.

Eine Gruppe blinder Besucherinnen bedankt sich am Ende mit selbstgegossenen Kerzen und einer bewegenden Rede. „Da war ich wirklich gerührt", sagt sie leise.

Die Geburt einer Kunstfigur

Im Herbst 2023 passiert etwas Unerwartetes. Eine 16-jährige Schülerpraktikantin, die zuvor bei „Schloss Einstein" gespielt hat, scheut sich vor Brennnesseln. Christine hat eine Idee: „Ey, komm, wir machen jetzt ein lustiges Video."

„Ich hatte mich selber satt, in diesem Erklärbär-Modus zu sein", erklärt Christine ihre Motivation. „Es gibt tolle, mega geniale andere Leute, die das super machen, die eine halbe Stunde Video über die Brennnessel machen, mit Studien hinterlegt, bei YouTube alles berichten. Das muss ich nicht nochmal machen."

So entsteht Survival Siglinde – eine Kunstfigur mit breitem Thüringer Dialekt, Comedy und Wildpflanzenwissen in Kurzform. Der Name ist Programm: „Sieg der Linde – das war ja auch früher so ein Dorfplatz, wo die Linde der Gemeinschaftsraum von den ganzen Menschen war, wo die sich treffen konnten, austauschen konnten, wo drunter geheiratet und Gericht gehalten wurde", erklärt Christine. „Ich fand, so ein digitaler Dorfplatz ist doch mal ganz nett."

Die Zahlen explodieren. Von 8.000 bis 10.000 Views pro Video auf 1,5 Millionen, 3,8 Millionen. Heute folgen über 90.000 Menschen dem Wildrausch-Account auf Instagram. Einzelne Videos erreichen über eine Million Aufrufe.

Der Kosmos ruft an

Als der Kosmos Verlag anruft, legt Christine erst mal auf. Zweimal. „Bis ich dann verstanden habe, wie wertvoll das eigentlich ist, wenn ein Verlag anfragt", lacht sie heute.

Die Redakteurin Claudia Salata – „passt ja irgendwie zum Thema" – lässt nicht locker. Das Buchprojekt wird im Mai 2024 beschlossen, im Dezember abgegeben und erscheint im Februar 2025. „Ein Husarenritt", nennt es der Verlag. „Wilde Pflanzen essen mit Survival Siglinde" landet auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste in der Kategorie Ratgeber Natur & Garten.

Die Illustratorin Ernestine „Erni" Donnerberg aus Erfurt, die Christine in einem Sammelspaziergang kennengelernt hat, gestaltet den unverwechselbaren Look. Ein echtes Erfurter Produkt.

Erfurt im Herzen

Warum gerade Erfurt? Christine antwortet ohne zu zögern: „Ich bin super schnell im Park, ich bin super schnell im Steiger. Ich sitze hier schnell auf der Couch, kann einen Podcast machen, sitze bei Radio frei, bin im MDR. Also es ist einfach so, ich erreiche viele Menschen, ich kann mich in vielerlei Hinsicht auf vielen Bühnen austoben."

Die Stadt mit den kurzen Wegen ermöglicht ihr einen Poweralltag, den sie in Berlin, Leipzig oder Dresden so nicht hätte. Und Thüringen? „Ich bin hier groß geworden, bin in Eisenach geboren, habe in Mühlhausen mal gelebt", sagt sie. „Wir sind landschaftlich, aber auch von den Menschen her ein Land, das man unterstützen sollte und wo wir uns gegenseitig wieder ermutigen dürfen, ein fröhlicheres Leben zu leben."

Schneeengel machen

Wenn Christine Rauch eines gelernt hat, dann dies: Erst mal Ja sagen, dann überlegen, wie es geht. Ihr erstes Team-Event war mit 60 Leuten – ohne Erfahrung, ohne Team. „Ich krieg dann immer kurz innerlich Schnappatmung. Ich sag aber immer erstmal Ja. Und überleg mir dann, wie ich's machen kann."

Ihre Botschaft an alle, die noch zögern? „Mir ist wichtig, einfach Mut zu vermitteln. Mut zum Tun, dem zu tun vor allen Dingen, wonach einem ist. Wirklich zu gucken, was möchte ich für andere in die Welt bringen – weil dann ist es ja auch immer gut für andere."

Christine erzählt von einer Freundin, die beobachtet hat, wie eine ältere Frau sich einfach in den frischen Schnee gelegt und einen Schneeengel gemacht hat. „Na klar, bitte macht alle Schneeengel", ruft sie begeistert. „Warum behalten wir nicht dieses fröhliche Kindliche, im Hopserlauf durch die Straßen zu laufen?"

Vielleicht ist das ihr eigentliches Geheimnis: Die Fähigkeit, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, während sie sehr ernsthafte Dinge tut. Wildpflanzenwissen vermitteln, regionale Traditionen bewahren, Menschen ermutigen, ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Wenn wir selber unser eigenes Auto wären, sagt Christine, würden wir uns auch pflegen. „Man müsste sich vorstellen, dass das Auto für immer halten müsste. Es gibt kein Neues."

Manchmal braucht es eben einen Nierenstein, um das zu verstehen. Manchmal reicht auch schon ein Schneeengel.

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Christine Rauch ist Gründerin von Wildrausch in Erfurt, SPIEGEL-Bestsellerautorin und die Stimme hinter der Social-Media-Figur „Survival Siglinde". Mehr Informationen unter wildrausch.de oder @wildrausch auf Instagram.

 

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Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

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