Alle gingen. Er blieb – Nils Büchner berät heute mit der ICONTEC DAX-Konzerne aus dem Thüringer Wald heraus
Als 80 Prozent seiner Kommilitonen nach dem Studium Thüringen den Rücken kehrten, blieb Nils Büchner. Er hatte ein hoch dotiertes Beraterangebot auf dem Tisch – und lehnte ab. Stattdessen gründete er in Ilmenau ein Unternehmen. Dann noch eins. Heute berät seine ICONTEC GmbH DAX-Konzerne, Marktführer und große Mittelständler – aus einer knapp 40.000-Einwohner-Stadt im Thüringer Wald. Die Geschichte eines Mannes, der seine Heimat nicht verlassen wollte und genau deshalb Außergewöhnliches geschaffen hat.
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Der Junge aus Jena, der schon in der DDR programmierte
Nils Büchners Weg in die IT begann nicht mit einem Startup-Pitch oder einem Silicon-Valley-Traum. Er begann in einer Computer-AG an der Universität Jena – zu DDR-Zeiten. Als Schüler saß er vor Robotron-Rechnern und entdeckte seine Leidenschaft fürs Programmieren. Eine Leidenschaft, die ihn nie wieder losließ.
Doch der Weg war alles andere als vorgezeichnet. Nils bekam keine Delegation an die Erweiterte Oberschule – kein Abitur auf dem ersten Bildungsweg. Also suchte er sich eine Ausbildung am Rechenzentrum der Uni Jena, lernte Facharbeiter für Datenverarbeitung und holte parallel das Abitur nach. Schon damals zeigte sich, was ihn bis heute auszeichnet: Er lässt sich nicht aufhalten. Er findet einen Weg.
Nach der Wende – inmitten von Arbeitslosigkeit und Umbruch – programmierte er wie besessen. Datenbanken, Mietvertragsverwaltungen, Rechnungseingangssysteme für die Univerwaltung in Jena. Die ersten PCs kamen gerade an, und Büchner war einer der wenigen, die wussten, was man damit anfangen konnte. Als das Klinikum Jena SAP einführen wollte, war er mittendrin in seinem ersten großen IT-Projekt. Noch vor dem Studium. Während andere noch überlegten, wohin die Reise gehen könnte, hatte Nils Büchner seinen Weg bereits gefunden – auch wenn er ihn sich Stück für Stück selbst bauen musste.
Ilmenau statt München: Eine bewusste Entscheidung
Die TU Ilmenau wurde für Nils zur Heimat. Die Universität, die in den 90er Jahren regelmäßig in den Spiegel-Rankings auf Topplätzen landete, bot genau die Kombination, die er suchte: starke Informatik gepaart mit Wirtschaft und Recht. Wirtschaftsinformatik – das Fach, das seine praktische SAP-Erfahrung mit akademischem Fundament verbinden würde.
Das Studium war hart. Die Mathematik in Ilmenau sei berüchtigt, erzählt NIlsBüchner. Viele hätten das Fach gewechselt oder ganz aufgehört. Doch wer durchkam, war bestens vorbereitet. Siemens hatte quasi ein Abo auf Elektrotechnik-Absolventen aus Ilmenau
Nach dem Studium stand Nils Büchner vor der klassischen Entscheidung: der gut bezahlte Beratervertrag in der Großstadt – oder bleiben und aufbauen. Er entschied sich für das Zweite. Gemeinsam mit Dr. Lutz Schmidt, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, gewann er den Businessplan-Wettbewerb „Get Up" der TU Ilmenau und gründete die X-CASE GmbH. Experts in Consulting and Software Engineering – der Name war Programm.
Die Kulturrevolution: Von der patriarchalischen Führung zur Schwarmintelligenz
Über ein Jahrzehnt bauten Nils Büchner und sein Team bei X-CASE ein erfolgreiches SAP-Beratungshaus auf. Doch 2021 kam die Zäsur. Ein zweijähriges Führungswechselprojekt scheiterte. Die Mitarbeiter wünschten sich einen grundlegenden Wandel. Was folgte, war keine feindliche Übernahme – es war ein mutiger Neuanfang.
Nils gründete die ICONTEC GmbH – mit erheblichen finanziellen Risiken, einer Fremdfinanzierung über die Sparkasse Ilmenau und die Thüringer Bürgschaftsbank im Rücken. Der Name steht für Consultants und Technology Experts. Zahlreiche Mitarbeiter folgten ihm – nicht weil sie mussten, sondern weil sie wollten. Sie investierten Freizeit in den Ausgründungsprozess, beteiligten sich am neuen Unternehmen und zeigten eine Performance bei den Kunden, die den geordneten Übergang erst möglich machte. Es war, so Nils Büchner, ähnlich aufregend wie die Aufbruchsstimmung der 90er Jahre.
Was Büchner bei ICONTEC anders macht, ist mehr als ein neues Logo. Es ist ein komplett anderes Führungsverständnis. Wo vorher eine einzelne Person die Richtung vorgab, entscheidet heute die Gemeinschaft. Die Corporate Identity? Haben die Mitarbeiter ohne sein Zutun entwickelt. Die strategische Ausrichtung? Wird jährlich gemeinsam bestimmt. Die Spendenempfänger? Per Mitarbeiterumfrage ausgewählt. Das KI-Thema? Kam von den Mitarbeitern – Büchner hätte es nach eigener Aussage eher noch vor sich hergeschoben.
Er nennt das Prinzip Schwarmintelligenz. Und es funktioniert.
Ernst Abbe als Vorbild: Wenn Geschichte inspiriert
Woher kommt dieser Antrieb, Erfolg zu teilen? Nils Büchner erzählt von Ernst Abbe, dem Mitbegründer der Carl-Zeiss-Stiftung in Jena. Wie Abbe dafür sorgte, dass die Gewinne der Firma Zeiss den Mitarbeitern und der Stadt zugutekamen. Wie er Volkshaus und Volksbad gründete. Wie er die Mitarbeiter am Unternehmenserfolg beteiligte. Diese Geschichte aus seiner Heimatstadt Jena hat Büchner tief geprägt.
Bei ICONTEC spiegelt sich das in konkretem Handeln wider: Spenden gehen an das Kinderhospiz Mitteldeutschland, an Schulen, Sportvereine, die Tafel und das Tierheim – ohne Erwartung einer Gegenleistung. Es ist altruistisch im besten Sinne. Die Vorgabe an die Mitarbeiter war klar: Nennt Vereine, die Unterstützung brauchen, aber bitte ohne Sponsoring-Gedanken.
Fachkräfte aus der eigenen Uni: Das Modell ERP Academy
Eine der cleversten Strategien von ICONTEC ist die enge Verzahnung mit der TU Ilmenau. Im Rahmen der ERP Academy bietet das Unternehmen Vorlesungen am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik an – praxisnah, an einem echten SAP-System. Die TU Ilmenau ist die einzige Hochschule Deutschlands mit einem selbst gehosteten SAP-System. Dieses Alleinstellungsmerkmal nutzt ICONTEC, um Studierenden zu zeigen, wie reale SAP-Projekte funktionieren.
Sieben bis zehn Werkstudenten pro Jahr arbeiten bei ICONTEC mit. Regelmäßig werden Absolventen eingestellt. Gerade erst hat Nils wieder zwei Arbeitsverträge unterschrieben. Das Modell funktioniert – auch wenn der Wettbewerb um Talente härter geworden ist. Die Studierendenzahlen in Ilmenau sind zurückgegangen, die Leistungsbandbreite hat sich verändert. Doch Nils Büchner klagt nicht. Er handelt.
Und er nutzt die Gelegenheit, eine Botschaft zu senden, die junge Informatiker aufhorchen lassen sollte: Du musst nicht nach Frankfurt, Hamburg oder München umziehen, um SAP-Beratung auf Konzernniveau zu machen. Das geht auch von Ilmenau aus.
Ausgezeichnet: Wenn die Jury bestätigt, was das Team aufgebaut hat
Die Zahlen und Preise sprechen für sich: Beim Großen Preis des Mittelstandes war ICONTEC die beste Thüringer Firma unter den Finalisten. Beim ThEx Award schaffte es das Unternehmen unter die Top 10 von 121 Bewerbungen. Als frischer Markenbotschafter für THÜRINGENS SÜDEN trägt ICONTEC die Botschaft weiter, dass der Thüringer Wald ein Ort ist, an dem Karrieren entstehen – nicht enden.
Nils Büchner sieht diese Auszeichnungen nicht als persönlichen Erfolg. Es ist die Breite des Engagements, die die Jury überzeugt hat: Fachliche Exzellenz, soziales Engagement, Mitarbeiterentwicklung, regionale Verantwortung. Das volle Programm – und alles getragen von einem Team, das mitentscheidet.
Die Zukunft: Informatiker, die sich nicht festnageln lassen
Auf die Frage nach der Zukunft reagiert Büchner gelassen. ICONTEC sei nicht festgenagelt auf SAP. Man mache auch Umsätze mit anderen Systemen, bilde Fachinformatiker aus, richte WLAN ein und ziehe Kabel, wenn es sein muss. Von der hochfliegenden Managementfolie bis zum Netzwerkkabel – dieses Unternehmen ist breit aufgestellt. Auch das Thema Künstliche Intelligenz wird aktiv vorangetrieben. ICONTEC arbeitet bereits an KI-gestützten Lösungen, die SAP-Berichte mit Marktdaten anreichern und Reportings intelligent aufbereiten – ein Feld mit enormem Potenzial für die Kunden.
Und genau das macht ICONTEC so widerstandsfähig. In einer IT-Welt, die sich ständig neu erfindet, setzen Nils Büchner und sein Team auf das, was sie am besten können: Zuhören, verstehen, Lösungen entwickeln. Nicht als Verkäufer eines Produkts, sondern als Experten, denen es egal ist, ob der Kunde am Ende mit SAP, Excel oder Papier arbeitet. Hauptsache, es funktioniert.
Nils Büchner hat mit ICONTEC in fünf Jahren über 30 Arbeitsplätze in Ilmenau geschaffen. Er berät von dort Unternehmen, die sonst nur die großen Beratungshäuser aus Frankfurt oder München auf dem Schirm hätten. Er beweist, dass man nicht in die Metropole ziehen muss, um Großes zu leisten. Manchmal reicht es, zu bleiben – und mit dem richtigen Team den Unterschied zu machen.
Hör dir die ganze Geschichte von Nils Büchner im EASTSIDE HEROES Podcast an – überall, wo es Podcasts gibt.