Wenn der Lockdown dein bestes Geschäftsmodell erzwingt: Jonas Schneider und der 6-stellige Gewinn mit minimalem Marketingbudget
In der Erfurter Schlachthofstraße sitzt Jonas Schneider in einem Podcaststudio, das besser ausgestattet ist als die meisten Radiosender in Thüringen. Wer hier ankommt, begreift schnell: Das ist kein klassisches Fitnessstudio. Jonas Schneider ist der einzige Fitness-Unternehmer im EASTSIDE HEROES Podcast-Portfolio – eine Lücke, die jetzt geschlossen wird.
© Jonas Schneider
Der Sportler, der nicht wusste, was er werden sollte
Mit fünf Jahren begann Jonas Handball zu spielen. 15 Jahre lang Leistungssport, Sportabitur - und dann? "Es gab nicht so wirklich viele Alternativen", sagte Jonas im Interview. Ein Freiwilliges Soziales Jahr, dann ein duales Studium der Fitnessökonomie in Hamburg – parallel Arbeit in einem Fitnessstudio. Dort lernte er das System kennen, das er heute bekämpft.
Fünf Minuten Zeit für die Kundenanamnese. Fertigen Trainingsplan aus der Schublade ziehen. Name drauf, unterschreiben lassen, nächster Kunde. "Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass das nicht das ist, was mich mein Leben lang erfüllt", sagte Jonas. Nach neun Monaten beendete er das Kapitel. Aber der Gedanke blieb: Personal Training, nur anders. Individuell. Persönlich. Ehrlich.
Es folgte ein Wirtschaftswissenschaften-Studium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Alles was mit Zahlen, Statistik und Planung zu tun hatte, interessierte ihn sehr. Im Juni 2019 meldete er dann sein Gewerbe an. "Rückblickend eigentlich die beste Zeit überhaupt, ein Unternehmen anzumelden", sagte Jonas – mit einem Lächeln, das andeutet, dass er genau weiß, was ein Jahr später kam.
November 2020: Der Moment, der alles veränderte
Der dritte November 2020. Zweiter Lockdown. Für Personal Trainer eine Katastrophe. Für Jonas Schneider der Wendepunkt. "Da war der Punkt, wo ich mir gedacht habe: Entweder du ziehst es in der Selbstständigkeit durch, du gibst jetzt richtig Gas, oder es klappt nicht und du machst etwas anderes", sagte Jonas. Über zwei Nächte bastelte er einen kompletten Online-Homeworkout-Guide. Nicht nur Training – ein ganzheitliches Konzept mit Ernährung, Schlafoptimierung, Stressmanagement.
Dann ging er auf LinkedIn. Nicht mit bezahlter Werbung. Sondern mit Vernetzungsanfragen. Hunderte. Jeden Tag. "Ich habe die Anzahl an Vernetzungsanfragen, die man schicken darf, ausgereizt", sagte Jonas. Der Vorteil von LinkedIn gegenüber Instagram: Standortfilter. Er konnte gezielt Menschen in Jena erreichen. "Das war für mich eine ganz pragmatische Entscheidung." Zwei Kunden meldeten sich für den Dreimonatskurs. Das war der Startschuss.
Die Jahre 2021 und 2022 waren geprägt von systematischer Kaltakquise über LinkedIn. "LinkedIn in der Zeit 2021, 2022 hat sehr gut funktioniert", sagte Jonas. Heute sei das anders – jeder werde täglich mit Coaching-Angeboten bombardiert, Automatisierungstools hätten das Persönliche zerstört. Aber damals baute er so einen Kundenstamm auf, der bis heute trägt. 2022 eröffnete er sein eigenes Gym in Erfurt, Schlachthofstraße 2. Das Hybridmodell war geboren: Lokale Kunden vor Ort, deutschlandweite Betreuung online.
Die Premium-Positionierung
Jonas Schneider macht nicht den Fehler, den die meisten Fitness-Unternehmer machen: Er versucht nicht, alle anzusprechen. Seine Zielgruppe ist glasklar: Geschäftsführer, Unternehmer, Führungskräfte. Menschen mit wenig Zeit und hoher Zahlungsbereitschaft. "Mein allererster Kunde hat 65 Euro für die Personal-Training-Stunde bezahlt", sagte Jonas über seine Anfänge. "Das war auch nicht komplett Dumpingpreis, aber jetzt auch noch nicht in einem Bereich, wo ich heute bin."
Die Positionierung im Premium-Segment ist kein Zufall. "Die größte Herausforderung ist, den Menschen erstmal klar zu machen, dass es super wichtig ist, Zeit in sich zu investieren", sagte Jonas. Bei den meisten seiner Kunden steht die Familie an Position 1 und das Unternehmen an Position 2. Die eigene Gesundheit? Irgendwo dahinter. Bis der Körper deutlich Grenzen aufzeigt. "Die allermeisten Menschen kommen zu mir, weil sie dringend abnehmen möchten, weil sie Rückenschmerzen oder ein niedriges Energielevel haben", sagte Jonas. Präventives Arbeiten sei die Ausnahme.
Der ganzheitliche Ansatz: Mehr als Gewichte stemmen
BE PROUD Fitness ist kein Ort, an dem man nur trainiert. Es ist ein System, das alle Lebensbereiche betrachtet. Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stressmanagement, Blutwerteanalyse, Zeitmanagement. Seit Ende 2024 gehört auch Mental-Training dazu – betreut von Jonas’ Mitarbeiterin Anja, einer Wirtschaftspsychologin, die er über LinkedIn gefunden und angestellt hatte. "Sie hat mir eine Vernetzungsanfrage geschickt und ich habe in ihrem Profil gesehen, sie hat eine B-Lizenz und sie hat Wirtschaftspsychologie studiert", sagte Jonas. Eine schicksalhafte Fügung.
Der Kern des Erfolgs liegt in der persönlichen Beziehung. "Das Öffnen muss stattfinden, mir gegenüber", sagte Jonas. Ein 45-jähriger Geschäftsführer, der sein Unternehmen aufgebaut hat, wird nicht einfach seine Probleme teilen. "Das funktioniert nur, wenn man gemütlich in zwei Sesseln sitzt und sagt, komm, lass uns erst mal über etwas anderes sprechen, komm mal runter." Kein Frontalunterricht. Keine 20-Personen-Gruppenstunden. Kein standardisierter Plan.
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Content statt Werbung: Der Podcast als Vertriebsmaschine
2023 startete Jonas den "BE PROUD Talk". Mittlerweile über 100 Folgen auf Spotify und Apple Podcasts. 4,70 von 5 Sternen bei 31 Bewertungen. Thematisch geht es um Gesundheit, Karriere, Familie – die Lebenswelt seiner Zielgruppe. "Die Grundidee vom Podcast ist, dass andere Menschen davon berichten, wie ihnen Sport, Bewegung, Gesundheit geholfen hat", sagte Jonas. Keine Verkaufsshow. Authentische Storys. Das überzeugt mehr als jede bezahlte Anzeige.
Die Website ist gespickt mit Kundeninterviews. Videos, in denen Menschen erzählen, was sich verändert hat. "Was man nicht faken kann, ist ein Interview, wo sich eine Person hinsetzt und mal erzählt, was haben wir denn eigentlich so im Kopf gemacht", sagte Jonas. Mit KI werde das schwieriger werden, aber aktuell sei es das qualitativ hochwertigste Feedback. Wer sich zwei, drei Videos anschaut, weiß genau, was hinter dem Coaching steckt.
Das Ergebnis: Über 140 erfolgreiche Coachings. Ein sechsstelliger Gewinn 2025 – bei minimalen Marketingausgaben. Organisches Wachstum durch Content, LinkedIn-Präsenz und Kundenempfehlungen. "Mittlerweile ist es zum Glück so, dass durch Erfolgsempfehlungen und meine Website die Leute zu mir kommen", sagte Jonas. Das System trägt sich selbst.
Die KI-Frage: Kann eine Maschine einen Coach ersetzen?
Die Frage liegt nahe: Wenn KI Trainingspläne erstellen, Ernährungspläne schreiben und sogar Avatar-Coaches generieren kann – wozu braucht es dann noch Jonas Schneider? Seine Antwort ist klar: "Das Thema Verbindlichkeit ist der Punkt, wo ich sage, da wird KI zumindest in den nächsten fünf bis zehn Jahren mir den Job nicht wegnehmen."
Eine App kann dir sagen, dass du um 17 Uhr trainieren sollst. Aber wenn du bis 19 Uhr arbeitest, ignorierst du die Push-Nachricht. Am nächsten Morgen siehst du auf dem Handy das Power-Up: Training verpasst. "Wenn ich aber sehe, dass meine Kunden nicht trainiert haben, dann schreibe ich", sagte Jonas. "Und wenn ich keine Antwort kriege, rufe ich irgendwann an. Und dann muss die Person mit mir darüber sprechen." Diese menschliche Verbindlichkeit kann keine Maschine ersetzen.
Der zweite Punkt: Preispsychologie. "Wenn du sagst, okay, ich investiere jetzt 500 Euro monatlich in meine Gesundheit, dann überlegst du dir auch zweimal, ob du den nächsten Kundentermin ausfallen lässt", sagte Jonas. Das finanzielle Commitment sorgt für mentales Commitment. Wer viel zahlt, zieht durch. Eine 20-Euro-App wird nach zwei Wochen gelöscht.
Was andere Unternehmer von Jonas lernen können
Drei strategische Muster stechen heraus. Erstens: Nischen-Positionierung schlägt Masse. Jonas hätte versuchen können, alle anzusprechen – Studenten, Rentner, Hausfrauen, Sportler. Stattdessen fokussierte er sich auf eine zahlungskräftige Zielgruppe mit spezifischen Problemen. Das ermöglicht Premium-Preise und verhindert Preiskampf.
Zweitens: Krisen als Katalysator nutzen. Corona hätte sein Geschäft zerstören können. Stattdessen nutzte er den Lockdown als Zwang zur Innovation. Das Online-Coaching öffnete den deutschlandweiten Markt und reduzierte die Abhängigkeit vom Standort. Antifragilität in Reinform.
Drittens: Content-Marketing statt Werbebudget. Mit über 100 Podcast-Folgen und aktiver LinkedIn-Präsenz generiert er Leads organisch. Der Claim "6-stelliger Gewinn bei minimalen Marketingausgaben" illustriert die Kraft von Personal Branding. In einer Branche, die traditionell auf Flyer und Facebook-Ads setzt, ist das ein Differenzierungsmerkmal.
Die nächsten fünf Jahre: Wachstum mit Bedacht
Jonas plant nicht, von 5 auf 20 Mitarbeiter zu skalieren. "Mir ist wichtig, dass das Ganze organisch und gesund wächst", sagte er. Das Ziel: Eine größere Fläche finden. Das Podcast-Setup aus dem Trainingsraum auslagern. In jedem Fachbereich einen Experten im Team haben. Vielleicht irgendwann einen Arzt, der Blutwerteanalysen macht, Vitamindiffusionen gibt, bei Bedarf Rezepte ausstellt. Ein Gesundheitshub statt einer Gesundheitsklinik.
Die Philosophie bleibt: "Präventives Arbeiten ist immer angenehmer als reaktives Arbeiten. Es ist immer einfacher, einen Bandscheibenvorfall zu verhindern als durch die Therapie zu gehen." Das gilt für Körper und Unternehmen gleichermaßen. Wer früh investiert, zahlt später nicht den vollen Preis.
Jonas Schneider ist ein Beispiel dafür, dass man in Ostdeutschland ein profitables Unternehmen aufbauen kann – ohne Venture Capital, ohne große Marketingbudgets, ohne Preisdumping. Mit klarem Fokus, guter Positionierung und dem Mut, Dinge anders zu machen als alle anderen. Erfurt hat jetzt seinen ersten Fitness-Unternehmer im EASTSIDE HEROES Portfolio. Und das ist erst der Anfang.