Wenn die Unterkunft der Reiseanlass wird: Wie die Agentur “Von Raum und Zeit” Tourismus als Experience Business versteht

In Frauenwald am Rennsteig stand lange ein Freibad, das niemand mehr nutzte. Die Anlage war geschlossen, das Grundstück lag brach. Für die meisten ein Dorn im Auge – für Claudia Weidner der Anfang einer Idee, die sechs Jahre auf ihre Baugenehmigung warten musste.

Heute ist an diesem Ort das Naturcamp Lenkgrund. Vier Tinyhouses mit eigenem Bad und Kamin, Zeltplätze mit Blick in den Wald, eine zentrale Lagerfeuerstelle, ein Gemeinschaftsraum für ruhige Abende. Und draußen: der Thüringer Wald, der Rennsteig, die Stille. Gäste kommen aus Schleswig-Holstein, aus Bayern, aus Holland und der Schweiz. Viele sagen hinterher, sie wussten gar nicht, was man im Thüringer Wald alles erleben kann.

Genau darum geht es Claudia Weidner und Adrian Seeber, den beiden Gründern der Agentur „Von Raum und Zeit". Nicht darum, Thüringen zu erklären. Sondern darum, Unterkünfte so zu gestalten, dass sie selbst zum Grund werden, herzukommen.

Adrian Seeber & Claudia Weidner

Sechs Jahre auf eine Entscheidung

Wer Claudia und Adrian fragt, wie das Naturcamp entstanden ist, bekommt eine Antwort, die viel über das Unternehmertum in Thüringen erzählt. Der Plan war ursprünglich, 2022 zu eröffnen. Alle Genehmigungen schienen in Reichweite. Dann kam ein Fullstop aus der Behörde. Die Genehmigungen wurden zurückgezogen, der Prozess begann von vorn.

„Es lag letztendlich an Entscheidern", sagte Claudia. Der zuständige Beamte habe konsequent zum größtmöglichen Nachteil entschieden – bis er in Rente ging. Sein Nachfolger betrachtete das Projekt anders, sah die nachhaltige Bauweise, die Solaranlage, die Regenwassernutzung, das durchdachte Konzept. Und genehmigte.

Das klingt nach einer kleinen Geschichte. Es ist aber eine, die viele Gründerinnen und Gründer im ländlichen Raum kennen. Das Thüringer Waldgesetz, die Waldabstandsregelungen, die Artenschutzgutachten – alles Prozesse, die notwendig sind, aber in der Praxis dazu führen, dass aus zwei bis drei Jahren schnell sechs werden. Claudia hat diese Zeit überbrückt. Finanziert, durchgehalten, weitergemacht. Und parallel dazu die Idee einer Ferienhausvermietungsagentur entwickelt, die heute das eigentliche Kerngeschäft ist.

Ein Markt, der auf Professionalisierung wartet

In Deutschland gibt es rund 555.000 Ferienimmobilien. Über 80 Prozent davon werden privat betrieben – häufig nebenbei, ohne Strategie, ohne professionelles Marketing, manchmal mit Preisen, die seit Jahren nicht angepasst wurden. Das ist nicht nur wirtschaftlich ineffizient. Es ist eine vertane Chance für ganze Regionen.

„Wir erleben im Thüringer Wald einen Schwund von Ferienwohnungen", sagte Adrian. Die Gastgeber werden älter, die Objekte nicht mehr modernisiert, die digitale Buchbarkeit fehlt. Wer heute spontan entscheidet, irgendwo zu übernachten, sucht auf dem Handy – und findet im schlimmsten Fall gar nichts oder ein Inserat mit veralteten Fotos und einem Preis aus dem Jahr 2014.

Genau hier setzen Adrian und Claudia an. „Von Raum und Zeit" ist eine Full-Service-Agentur für Ferienimmobilien: Marketing, Buchungsmanagement, Gästebetreuung, Reinigung, Interior Design – alles aus einer Hand, wenn der Eigentümer es möchte. Das Modell dahinter ist konsequent partnerschaftlich: Die Agentur verdient nur dann, wenn die Immobilie tatsächlich vermietet wird. Keine Fixgebühren, keine Vorauszahlungen. Nur Provision auf Erfolg.

„Wenn wir eine Ferienwohnung vermietet bekommen, erst dann verdienen wir Geld", sagte Claudia. Das klingt selbstverständlich, ist es im Markt aber nicht. Es setzt voraus, dass die Agentur selbst an die Qualität der Objekte glaubt – und die Gastgeber entsprechend begleitet.

Die DNA einer Unterkunft

Was Adrian und Claudia von klassischen Buchungsportalen unterscheidet, ist ihr Blick auf die Substanz einer Immobilie. Sie nennen es die DNA.

Bei einem Gasthof in Bad Liebenstein etwa stand auf der Website lapidar, dass die Familie früher eine Kofferfabrik betrieben hatte. Kein weiteres Wort. Im Gespräch mit dem Eigentümer stellte sich heraus: Da lagern noch Kataloge aus der alten Produktion, Architektenzeichnungen aus der Ära der Eltern, Familiengeschichte auf Papier. „Dann siehst du das Leuchten in den Augen", sagte Adrian. Das ist das Rohmaterial für eine Unterkunft, die nicht austauschbar ist.

„Es gibt ein Gestaltungshandbuch vom Wirtschaftsministerium für Ferienunterkünfte, wo die DNA Thüringens drin ist – Schiefer, Holz, Keramik, Porzellan, Glas, Bauhaus, Fröbel. Das kennen leider viel zu wenige. Aber wenn du in eine Unterkunft kommst und sagst: Hier atme ich Thüringen – dann hast du gewonnen", sagte Adrian.

Das ist keine Frage von Luxus oder großen Budgets. Es ist eine Frage von Perspektive. Welche Geschichte steckt in diesem Ort? Für welche Zielgruppe ist diese Unterkunft gemacht? Wenn diese Fragen beantwortet sind, entstehen Objekte, für die Gäste bereit sind, mehr zu zahlen – und die in den Bewertungen anders klingen als der Durchschnitt.

Wenn Thüringen das Argument wird

Der Thüringer Wald hat ein strukturelles Problem. Nicht mit der Landschaft, nicht mit den Attraktionen. Sondern mit der Frage, wie man beides sichtbar macht. Über zehn Millionen Übernachtungen pro Jahr verzeichnet Thüringen – aber 95 Prozent der Gäste kommen aus dem Inland, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei 2,5 Tagen. Und der Anteil der Ferienwohnungen und -häuser an den Gesamtübernachtungen beträgt rund 14 Prozent.

Das bedeutet: Die allermeisten Gäste kommen für kurze Zeit, bleiben in Hotels oder Pensionen und kennen die Region nur ausschnittweise. Wer aber in einem Ferienhaus am Rennsteig übernachtet, morgens mit der Thüringer Wald Karte losfährt – kostenfrei, über 170 Attraktionen, von der Wartburg bis zu den Feengrotten in Saalfeld – der erlebt etwas anderes. Der kommt wieder.

„Die wenigsten Gäste, die zu mir nach Frauenwald ins Lenkgrund kommen, sagen: Ich wollte schon immer mal nach Frauenwald", sagte Claudia. „Die sagen: Euer Objekt, eure Webseite, eure Bewertungen – das haben wir uns angeschaut und wollten es erleben."

Das ist der Mechanismus, den Adrian und Claudia nutzen wollen. Nicht Thüringen-Werbung von oben, sondern einzelne Objekte, die so stark sind, dass sie selbst zum Reiseanlass werden. Das Grand Green in Oberhof hat das vorgemacht. Die Leute kommen nicht mehr nach Oberhof – sie kommen ins Grand Green und nehmen den Thüringer Wald mit.

Was man mitnimmt

„Von Raum und Zeit" ist ein junges Unternehmen in einem Markt, der auf Veränderung wartet. Was Adrian und Claudia antreibt, ist nicht der schnelle Exit, sondern die langfristige Frage: Wie stärken wir eine Region durch das, was wir tun? Wie bauen wir Gastgebern eine Infrastruktur auf, die sie alleine nicht schaffen würden? Wie machen wir aus Thüringen eine Destination, über die Gäste am Frühstückstisch in Hamburg oder München sprechen?

Dafür braucht es keine milliardenschwere Kampagne. Es braucht Gastgeber, die in ihre Objekte investieren. Es braucht Strukturen, die Direktbuchungen fördern statt Provisionen an internationale Plattformen abzuführen. Es braucht Menschen wie Adrian und Claudia, die wissen, dass ein gutes Foto, eine sinnvolle Einrichtung und ein durchdachtes Gästeerlebnis den Unterschied machen können.

Und manchmal braucht es auch einfach Durchhaltevermögen. Sechs Jahre auf eine Baugenehmigung zu warten und trotzdem nicht aufzugeben – das ist kein Hinweis darauf, dass das System gut funktioniert. Aber es ist ein Hinweis darauf, was möglich ist, wenn man es wirklich will.

Du willst mehr über die Arbeit von Adrian und Claudia erfahren? Hör in die aktuelle EASTSIDE HEROES Podcast-Episode rein – oder besuche sie direkt unter vonraum-undzeit.de und naturcamp-lenkgrund.de.

 

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Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

Als Nerd für Künstliche Intelligenz und Automatisierung berät Sebastian regelmäßig Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation.

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