Das stille Weltreich aus Thüringen: Was Sponeta uns über echtes Unternehmertum lehrt
Es gibt Unternehmen, die mit lauten Kampagnen und großen Versprechen auf sich aufmerksam machen. Und dann gibt es Sponeta. Ein Unternehmen aus Schlotheim im nördlichen Thüringen, das du vielleicht noch nie gehört hast – das aber mit ziemlicher Sicherheit Tischtennistische für fast jede Weltmeisterschaft gebaut hat, auf der du je einen Ball fliegen gesehen hast. In unserer neuesten EASTSIDE HEROES Episode haben wir Maximilian Naumann getroffen, die dritte Generation des Familienunternehmens, und dabei eine der inspirierendsten Unternehmensgeschichten Ostdeutschlands entdeckt.
Ein Weltmarktführer, der still seinen Weg geht
Stell dir vor, du gehst in eine Halle in einem kleinen thüringischen Städtchen – und findest Schweißroboter, ein vollautomatisches 25 Meter hohes Hochregallager mit 5.500 Stellplätzen und Fertigungslinien, die Produkte in über 90 Länder schicken. Das ist Sponeta in Schlotheim. Europas größter Hersteller von Tischtennistischen – und trotzdem so gut wie unsichtbar für die breite Öffentlichkeit.
„Wir haben uns die Philosophie gesetzt, die eigene Marke relativ zurückzuhalten, weil wir durch andere Marken gelebt haben und auch immer noch leben. Wir fokussieren uns aufs Eigentliche – und das ist die Produktion", sagte Maximilian im Gespräch mit uns.
Diese Haltung ist kein Zufall. Sie ist Strategie. Sponeta produziert Tischtennistische unter der eigenen Marke, aber auch als OEM-Hersteller für Weltmarken wie Joola, Butterfly, Donic Schildkröt und STIGA. Das Ergebnis: maximale Auslastung, tiefes Produktions-Know-how, kaum Abhängigkeit von einer einzigen Markenidentität. Wer den Weltmarkt beliefert, muss nicht laut sein – er muss gut sein.
Aus der DDR in die Welt: Eine Geschichte, die es verdient, erzählt zu werden
Die Wurzeln von Sponeta reichen weit zurück. Bereits im 16. Jahrhundert wurde rund um Schlotheim Flachs angebaut und zu Seilen verarbeitet. 1837 entstand die erste mechanisierte Seilerwarenfabrik – der Grundstein für das, was später unter dem Namen Sponeta (aus Sportartikel, Netze, Taue) Weltbekanntheit erlangen sollte.
In der DDR wuchs das Unternehmen zum VEB Kombinat Sponeta mit 4.000 Mitarbeitern an 14 Standorten. Dann kam die Wende, die Treuhand – und der freie Fall. 1993 wagten drei Manager des Unternehmens, darunter Siegfried Naumann, Maximilians Großvater, einen Management-Buyout mit nur noch 120 Mitarbeitern. Eine Entscheidung, die enormen Mut erforderte.
„Mein Opa war von frühestens sechs Uhr bis 23 Uhr hier im Haus. Teilweise hat er hier geschlafen. Meinen Vater habe ich am Wochenende mal gesehen", erinnert sich Maximilian. Diese Offenheit ist selten. Und sie macht spürbar, was hinter den Zahlen und Erfolgsgeschichten steckt: eine Familie, die jahrzehntelang für ein Unternehmen alles gegeben hat.
Heute beschäftigt Sponeta rund 200 Mitarbeiter, erzielt einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereich und beliefert Händler und Marken auf der ganzen Welt – alles produziert in Schlotheim, alles „Made in Germany".
Maximilian Naumann: Aufgewachsen mit dem Unternehmen im Blut
Maximilian war sich früh sicher, wohin sein Weg führt. „Ich hatte eigentlich schon als kleines Kind immer die Vision, dass ich mal Chef von Sponeta werden möchte", sagte er. Aber er hat diesen Weg nicht als Selbstverständlichkeit behandelt, sondern bewusst gestaltet.
Statt direkt ins Familienunternehmen einzusteigen, absolvierte er seine Ausbildung zum Industriekaufmann bei EON in Erfurt – bewusst außerhalb des eigenen Betriebs. Der Grund: „Im eigenen Unternehmen wirst du als Sohn vom Chef angefasst. Ich wollte aber 110 Prozent geben, nicht 100. Und ich wusste, dass man mir das hier nicht immer so direkt sagen würde." Diese Klarheit über sich selbst ist bemerkenswert.
Danach arbeitete er sich bei Sponeta von Grund auf durch – Schweißroboter, Lager, Versand, Produktion, Schulmöbelmontage. Jede Abteilung, jeder Handgriff. „Das hat mir geholfen, weil ich wusste, wovon ich rede. Egal ob in der QM-Runde oder in Gesprächen mit Konstrukteuren – ich konnte immer meine eigene Erfahrung einbringen", sagte er.
Dann, mit 26 Jahren, entschloss er sich noch einmal zum Studium – duales Bachelor-Studium an der DHGE Eisenach, mitten in der Corona-Zeit. „Ich musste wieder lernen, zu lernen. Das fiel mir ungemein schwer. Meine Kommilitonen waren frische Abiturienten, die hatten noch Vektorrechnungen im Kopf." Trotzdem zog er es durch – und nutzte die Praxisarbeiten direkt für konkrete Verbesserungen im Unternehmen.
Corona als Stresstest: Gewinner auf Schmerzkurs
Als die Welt stillstand, boomte der Tischtennismarkt. Die Menschen saßen zu Hause, hatten Freizeit – und kauften Tischtennistische. Sponeta produzierte zeitweise das Mehrfache eines normalen Jahresumsatzes.
Klingt gut. War aber auch brutal. „Wir wussten nicht, wo wir den Stahl herbekommen sollten. Keine Spedition ist mehr gefahren. Man hat die Zeit damit verbracht zu telefonieren, wer uns beliefert", erinnert sich Maximilian. 50 Zeitarbeiter wurden eingestellt – für ein Unternehmen, das sonst nie Zeitarbeiter hatte. Maximilian selbst stand wochenlang wieder an der Produktion, weil das Personal fehlte. „Ich hab das halt gemacht, weil es gemacht werden muss."
Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Gespräch. Kein Jammern, kein Zurückweichen – anpacken, entscheiden, weitermachen.
Zwei Standbeine, ein Standort
Was Sponeta besonders widerstandsfähig macht, ist die konsequente Diversifizierung. Bereits 1991 – kurz nach dem MBO – wurde die Schulmöbelproduktion als zweites Geschäftsfeld eingeführt. Die Logik dahinter war bestechend einfach: Die Maschinen für Holz- und Metallbearbeitung sind dieselben. Die Auftragslage bei Möbeln glättet saisonale Schwankungen im Sportartikelgeschäft.
Heute macht Tischtennis rund 65 Prozent des Umsatzes aus, Schulmöbel den Rest – wobei die Investitionen der Kommunen zuletzt zurückgegangen sind, wie Maximilian offen einräumt. Trotzdem: das Prinzip trägt. Ein Unternehmen, das nicht alles auf eine Karte setzt, überlebt auch Stürme.
Und Sponeta denkt dabei in beide Richtungen: vom günstigen Einsteigermodell bis zum ITTF-zertifizierten Turniertisch, der selbst den Sprung des Balls und die Reibung der Oberfläche nach Weltverbandsregeln erfüllt. Für die Premium-Linie hat Sponeta sogar mit einem Berliner Designbüro zusammengearbeitet, das auch für Porsche und Abus tätig war.
Die Philosophie dahinter: Lieber entschieden als gezögert
Am Ende des Gesprächs gab Maximilian ein Credo mit auf den Weg, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch zieht: „Lieber etwas entschieden, auch wenn es am Ende vielleicht falsch ist. Aus falschen Entscheidungen lernt man. Ich finde es gut, Bauchgefühl-Entscheidungen zu treffen."
In einer Zeit, in der viele Unternehmen und Institutionen in Lähmung verharren, weil die Datenlage noch nicht vollständig ist oder die nächste Regulierung noch aussteht, ist das eine erfrischend klare Ansage. Sponeta hat nicht auf den perfekten Moment gewartet. Der Großvater hat mit 120 Mitarbeitern das Ruder übernommen. Maximilian hat sich vom Werker zum kaufmännischen Betriebsleiter hochgearbeitet. Das neue Hochregallager ist entstanden, weil man erkannt hat, dass Kapazitätsgrenzen keine Option sind.
Was du mitnehmen kannst
Sponeta ist kein Unternehmen, das du in großen Anzeigen siehst. Es ist kein Unternehmen, das auf LinkedIn seine Strategie verkündet. Es ist ein Unternehmen, das liefert – im wahrsten Sinne des Wortes, in 90 Länder.
Und genau das macht Maximilian Naumann zu einem so wichtigen Gast für EASTSIDE HEROES. Er zeigt, dass Weltmarktführerschaft kein Privileg der großen Metropolen ist. Dass „Made in Germany" aus einem kleinen Ort in Nordthüringen kommen kann. Dass drei Generationen Fleiß, Mut und Bodenständigkeit mehr aufbauen können als jede Wachstumsstrategie auf dem Papier.
Ostdeutschland hat solche Unternehmen. Es hat solche Menschen. Du hörst sie nur selten – weil sie zu beschäftigt damit sind, die Welt zu beliefern.
Die neue Episode mit Maximilian Naumann ist jetzt überall verfügbar, wo es Podcasts gibt. Hör rein – und lass dich von der stillen Kraft aus Schlotheim inspirieren.