Zehn Jahre Stillstand – und warum genau jetzt der Moment zum Gestalten ist
Zur 100. Episode haben wir etwas ausprobiert, das es bei EASTSIDE HEROES so noch nicht gab: keine Einzelgeschichte, sondern eine Runde. Drei Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven auf dieselbe Region schauen. Konstanze Olschewski, Seriengründerin und KI-Pionierin aus Thüringen. Alexander Kulik-Frölich, Geschäftsführer der Consensive GmbH in Weimar und seit zwanzig Jahren in der virtuellen Realität unterwegs. Und Christian Schädlich, Gründer des Thüringer Geschäftsklimaindexes, der seit Juli 2020 jedes Quartal mehrere hundert Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer im Freistaat befragt.
Herausgekommen ist ein Gespräch, das an einer Zahl hängen bleibt – und das trotzdem mit einer Menge Zuversicht endet.
Die Zahl, an der sich alles aufhängt
Wir sind mit einer harmlosen Frage gestartet: Wie geht es der Thüringer Wirtschaft eigentlich gerade? Die Antwort kam ohne Umschweife.
„Ich würde da ganz klar ein verlorenes Jahrzehnt diagnostizieren", sagte Christian. „Das Thüringer BIP, preisbereinigt, liegt unterhalb von 2016."
Preisbereinigt heißt: Inflation herausgerechnet. Und 2016 heißt: zehn Jahre. Das sind keine Umfragewerte und keine Stimmungsbilder, sondern Meldedaten der Statistischen Ämter, die für alle Bundesländer nach demselben Verfahren erhoben werden. Im ostdeutschen Vergleich steht Thüringen damit auf dem vorletzten Platz. Nur Sachsen-Anhalt liegt noch darunter.
Was Christian dabei mehr beschäftigt als die Zahl selbst, ist die Stille drumherum. „Mich wundert eigentlich, dass wir so wenig Debatte in dem Bundesland darüber haben", sagte er. Er ist seit Monaten mit dem Thema unterwegs – und bisher hat ihm niemand gesagt, das sei doch alles längst bekannt.
Bei den Investitionen wird es noch deutlicher: Die gehen seit 2019 zurück, und dort belegt Thüringen unter den ostdeutschen Ländern den letzten Platz. In seinem eigenen Index hat Christian seit 2020 kein einziges Mal einen positiven Investitionswert für den Freistaat gemessen. Und aktuell, Stand April 2026, nähern sich einzelne Wirtschaftszweige den Tiefstwerten aus der Corona-Zeit an. Bei den Dienstleistern gibt inzwischen jedes vierte Unternehmen an, sich existenzgefährdet zu fühlen – vorher war es jedes fünfte.
Wie sich das im Unternehmensalltag anfühlt
Zahlen sind das eine. Interessant wird es, wenn zwei Unternehmerinnen und Unternehmer danebensitzen und erzählen, wie sich dieselbe Lage anfühlt, wenn man mittendrin steht.
Konstanze arbeitet mit ihren Unternehmen eng an Industrieprozessen. Damit ist sie sehr nah dran an dem, was gerade passiert: „Wir hatten auch ein, zwei Kunden, die existenzbedroht waren beziehungsweise eins ist insolvent gegangen", sagte sie. Dazu kommt ein Muster, das viele Innovationsdienstleister kennen: Was aus dem Innovationsbudget bezahlt wird, fliegt in der Krise als Erstes raus. Auch dann, wenn genau dieser Posten der Hebel wäre, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden.
Und noch ein Punkt, der im KI-Hype gerne untergeht: Die perfekte Ausgangslage gibt es selten. „Viele Unternehmen stehen eben ein ganzes Stück weiter vorne zum Start der digitalen Transformation", sagte Konstanze. Wer KI wirksam einsetzen will, muss oft erst die Prozesse davor sortieren. Das dauert länger, als ein Proof of Concept vermuten lässt – aber es trägt dann auch länger.
Alexander hat 2021 gegründet, mitten in die Krisenjahre hinein. Krisengewinner sei Consensive nicht, sagte er, dafür seien sie zu spät gestartet. Seine virtuellen Umgebungen sind kein Selbstzweck, sondern Abbilder von realen Orten, Fabriken und Maschinen. Das bedeutet: Es braucht Unternehmen, die investieren wollen. „Und das ist momentan sehr zurückhaltend in Thüringen", sagte er.
Bemerkenswert ist, was er daraus gemacht hat. Weil in Thüringen niemand Leuchtturmbudgets verteilt, hat Consensive Systeme gebaut, die ökonomischer und skalierbarer sind als das, was der Wettbewerb anderswo entwickelt hat. In Süddeutschland waren jahrzehntelang größere Budgets normal – und auch dort wird es enger. „Da würde ich sogar sagen, wir sind jetzt gerade in einer ganz spannenden Situation", sagte Alexander. Sparsamkeit als Konstruktionsprinzip wird gerade zum Marktvorteil.
Der ehrliche Blick auf die Transformation
Über Transformation reden gerade alle. Christian hat einen einfachen Gegencheck vorgeschlagen: Wenn wirklich umgebaut würde, müsste die Bauwirtschaft brummen. Jedes Windrad, jedes Solarpanel, jede Halle wird von Bau und Handwerk montiert. Die Branche brummt aber nicht. Und wenn digitalisiert und umgerüstet würde, müssten die Investitionen steigen. Sie fallen seit 2019.
„Es gibt da immer ein großes Auseinanderfallen von Geschichten und Daten", sagte er. Seine Schlussfolgerung ist unbequem und gleichzeitig hilfreich: Vielleicht befinden wir uns weniger in einer Transformation als in einem Zustand, in dem alte Geschäftsmodelle herunterfahren, ohne dass genug Neues nachwächst. Das ist keine Diagnose, mit der man sich hinsetzt. Das ist eine, mit der man aufsteht.
Was jetzt tatsächlich helfen würde
Der spannendste Teil des Gesprächs war nicht die Lagebeschreibung, sondern das, was danach kam. Vier Punkte sind hängengeblieben.
Ein geteiltes Lagebild. „Wenn man nicht mitbekommt, dass man zehn Jahre nicht gewachsen ist, hat man da schon mal was falsch gemacht", sagte Christian. Bevor man über Maßnahmen streitet, braucht es eine Zahl, auf die sich alle beziehen. In Unternehmen ist das selbstverständlich: Wer drei Jahre rote Zahlen schreibt, ist nicht mehr am Markt. Für ein Bundesland fehlt dieser gemeinsame Bezugspunkt bisher.
Förderung, die in der Praxis ankommt. Christians Frage an jedes Programm lautet: Was bleibt am Ende beim Unternehmen hängen? Wenn KI in der Industrie nicht skaliert, weil Daten nicht aufbereitet sind, dann muss Förderung genau dort ansetzen – und danach an die KI-Unternehmen im Land übergeben. Ähnlich beim Fachkräftethema: VR könnte hier als eine Art Schweizer Taschenmesser wirken, um Ausbildungspools zu vergrößern. Der Vorteil wäre doppelt: Die Startups im Land wachsen, und die Industrie wird produktiver.
Skalierung und Vertrieb bündeln. Alexanders Punkt trifft einen Nerv. Thüringer Hightech-Unternehmen können sich nicht auf einen kleinen, investitionszurückhaltenden Heimatmarkt stützen. Sie müssen raus. Nur klingelt aktuell jedes Startup einzeln bei denselben Unternehmen – „spätestens beim dritten sagt man, das ist jetzt zu viel", sagte er. In gebündelten Vertriebsstrukturen liegt aus seiner Sicht eine große ungenutzte Chance.
Eine veränderte Anspruchshaltung. „Das Ziel muss sein, zu den besten Bundesländern zu gehören und sich nicht darüber zu freuen, dass man 0,4 Prozent Wirtschaftswachstum hat", sagte Christian. Dazu gehört ein Zielbild, an dem man sich ausrichten kann, und ein jährlicher, öffentlicher Wettbewerbsvergleich statt einer Auswertung in der Schublade. Alexander ergänzte den strategischen Rahmen: Sachsen hat sich früh für Halbleiter entschieden und ist dabei geblieben. Nicht die eine Branche macht den Unterschied, sondern die Entscheidung, überhaupt eine Richtung zu wählen und sie über Legislaturperioden hinweg zu halten.
Was Thüringen mitbringt
Und jetzt der Teil, den die Statistik nicht abbildet.
Thüringen hat eine starke produzierende Wirtschaft, der es gerade nicht gut geht. Und es hat eine starke Digitalwirtschaft, die ihre Märkte längst außerhalb des Landes bedient. Alexanders Vorschlag: Wenn Thüringer Produktionsunternehmen für ihre eigene Transformation in genau diesen Pool greifen, „dann ist man in den nächsten fünf Jahren vielleicht aufgestellt für die nächsten fünfzehn."
Konstanze denkt in dieselbe Richtung. Ihr Wunschbild für die nächsten zehn Jahre ist eine Region, die ihre Kleinteiligkeit als Flexibilität nutzt: vernetzte Strukturen, gemeinsame Lösungen statt Einzelprodukte, digitale Wertschöpfung, die auf der Produktion aufsetzt. Erste Verzahnungen gibt es bereits, etwa zwischen Digitalwirtschaft und Optikbranche.
Christians Schlusspunkt war der, der uns am längsten beschäftigt hat. Wenn eine Region keine überregionale Öffentlichkeit hat, dann bekommen ihre Themen keine Aufmerksamkeit. Seine Antwort darauf: „Wenn die Öffentlichkeit nicht da ist, werden wir sie halt selber bauen müssen."
Genau deshalb machen wir das hier. 100 Episoden lang haben wir Menschen zugehört, die in Ostdeutschland etwas aufbauen. Ein verlorenes Jahrzehnt ist eine unangenehme Diagnose – aber eine, die man ändern kann, sobald genug Leute sie kennen. Das Reden darüber hat gerade erst angefangen. Und du bist Teil davon.