Lieber einer von vier als einer von 80.000: Frank Fröschke über Neuanfänge, Förderdschungel und Orte, die KI nicht ersetzt
Es gibt Unternehmerbiografien, die liest du wie einen Bauplan. Ausbildung, erste Stelle, Beförderung, eigene Firma, Wachstum. Und dann gibt es die Biografie von Frank Fröschke.
Wir sitzen auf der Terrasse seines Büros mitten in Erfurt. Der Termin hatte sich mehrfach verschoben — zu viele Projekte, zu wenig Lücken im Kalender. Sonst starte ich das Gespräch mit der Frage, was jemanden zum EASTSIDE HERO macht. Bei Frank habe ich sie umgedreht: Was macht dich eigentlich zum Unternehmer?
„Ich bin seit Gedenken Unternehmer, seit 1991", sagte Frank. „Immer in verschiedenen Unternehmungen. Das war immer das Denken, oder wie man heute so schön sagt, das Mindset: Sachen zu beginnen und zu gucken, wie weit man kommt."
Das mit dem EASTSIDE HERO hatte er übrigens auch vorbereitet. Seine Antwort: ein Superman-Cape, das im Schrank hängt. Manchmal zieht er es an und beobachtet die Stadt aus der Vogelperspektive.
Der erste Deal fand auf dem Schulhof statt
Wenn du wissen willst, wann bei jemandem der unternehmerische Schalter umgelegt wird, musst du weit zurückgehen. Bei Frank bis in die Schulzeit. Ein Klassenkamerad bekam regelmäßig die neuesten Bravos aus dem Westen geschickt — Material, an das sonst niemand herankam.
„Das war natürlich heißer Stuff, den sonst keiner hatte", sagte Frank. „Ich auch nicht. Aber ich habe mir die Bravos ausgeborgt, habe die Bilder und Poster abfotografiert, hochkopiert und auf dem Schulhof verkauft. Und das für viel Geld."
Die Lehre danach war weniger Berufung als Notlösung. Seine Mutter besorgte ihm eine Ausbildung zum Schriftsetzer beim Verlag „Das Volk", der heutigen TA. Man sagte ihm, er gehöre nun zur Elite. Dann saß er an einer Bleisatzmaschine von 1923, im Bleidampf.
Er zog die Ausbildung durch. An dem Tag, an dem ihm das Zeugnis überreicht wurde, kündigte er. Es folgten Jahrmarktsbuden, dann eine Autowäsche — eine volkseigene, aus der er kurzerhand seine eigene machte, samt neuer Dienstleistungen, die es dort vorher nicht gab. „Rückblickend ist ja alles verjährt", sagte Frank und grinste.
Warum du nicht deine Philosophie wechselst, sondern nur die Tätigkeit
Danach ging es Schlag auf Schlag: Direktvertrieb, Autovermietung, Leasing, Gastronomie, Motorsport-Vermarktung. Ich habe ihn gefragt, ob da ein Masterplan dahintersteckte oder ob er von einer Sache in die nächste gestolpert ist.
„Da gab es nie einen Masterplan. Es hat sich immer ergeben. Und meistens ergibt das eine das andere", sagte Frank.
Die kritische Rückfrage liegt nahe: Bleibt so jemand einfach nicht bei einer Sache? Seine Antwort hat mich nachdenken lassen.
„Du wechselst ja nicht deine Philosophie. Die Philosophie bleibt gleich, du machst unterschiedliche Tätigkeiten", sagte Frank. „Und die verschiedenen Tätigkeiten ermöglichen dir irgendwann, dass du weitaus mehr Skills hast, als hättest du nur eine gemacht. Das heißt, du kommst dann in einen Flow, der ganz viele Sachen vereint."
Wenn du bei einer Sache bleibst, kannst du sie verfeinern, sagte er. Du kannst sogar der Beste werden. „Aber dir fehlen viel zu viele Einflüsse von außen, von anderen Branchen, Aktivitäten und Denkweisen, um wirklich etwas Neues entstehen zu lassen."
Gerade im Osten ist das eine steile These. Wir sind eine Region, in der Sicherheit lange als höchster Wert galt: ein Beruf, ein Betrieb, eine Rente. Frank hat das Gegenmodell gelebt, bevor es dafür englische Vokabeln gab.
Ein Markt mit vier Anbietern statt 80.000
Irgendwann kam der Punkt, an dem die Hektik nicht mehr trug. Familie, Verantwortung, der Wunsch nach einem verlässlichen Einkommen. Er fragte sich: Was mache ich jetzt?
„Damals war noch die Denkweise: Du hast nie was lange gemacht und du hast auch nie was gelernt. Damals habe ich noch gar nicht begriffen, was ich alles gelernt hatte", sagte Frank.
Was blieb, war Marketing — der rote Faden durch alle Stationen. Also gab er „Marketingfirma" in die Suche ein und fand 80.000 Treffer. Bei „Immobilienmarketing" waren es vier.
„Da habe ich gesagt: Dann bin ich doch lieber einer von vier als einer von 80.000", sagte Frank.
So entstand DERFROSCH. Fast 15 Jahre lang, rund 150 Projekte, mehrfach ausgezeichnet mit dem Immobilien-Marketing-Award. Und trotzdem antwortet er auf die Frage, was ihn an der Branche fasziniert hat, ohne Umschweife: „Es hat mich nie fasziniert. Es war zum Schluss Mittel zum Zweck."
Sein Blick auf die Branche ist bis heute klar. Ein Großteil plane immer noch die nächste Büroimmobilie, obwohl sich das Spiel längst verändert hat. „Jetzt ändert sich das Game, und die Leute versuchen aber immer noch, mit ihren alten Konzepten in einem neuen Game zu spielen", sagte Frank. Assets müssten nach vorn gedacht werden — nicht rückwärts fortgeschrieben.
Musik braucht ein Zuhause
Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er an YuGether. Die Ausgangsbeobachtung ist bestechend einfach: In Deutschland macht jeder vierte bis siebte Mensch Musik. In der DACH-Region sind das über 25 Millionen, in Europa knapp 100 Millionen. Und trotzdem fehlt der Ort, an dem sie sich treffen.
Es gibt Bandhäuser, Musikschulen, vereinzelte Proberäume. Die bedienen aber die klassische Zielgruppe: die Band, den Semi-Profi. Der große, bisher unbespielte Markt ist für Frank der Freizeitmarkt — die Menschen, die Musik als Ausgleich, Erlebnis und Begegnung wollen. Seine Analogie: Fitness in den 70er Jahren. Trainieren konntest du auch damals in der Garage. Trotzdem gehen Millionen ins Studio, wegen der Ausstattung, der Kurse, der Trainingspartner.
„Na klar kannst du mit deiner Gitarre zu Hause sitzen und Musik machen. Du wirst aber schnell einsam. Also A: für wen machst du das? B: Willst du es nicht mit anderen zusammen machen?", sagte Frank.
Geplant sind Häuser mit buchbaren Slots statt Mietverträgen, mit einer Bühne in der Mitte, streamingfähigen Räumen, Platz für Musikschulen, Kommunen und Firmen aus der Musikbranche. Und mit einer Idee, die über den einzelnen Standort hinausgeht: lokale Szenen stärken und miteinander verbinden — die Szene in Warschau mit der in Berlin.
Der Antrieb dahinter hat eine kulturpolitische Kante. „Warum konsumieren wir 85 Prozent der Musik von außerhalb Europas? Dasselbe Thema haben wir im Moment mit KI. Wir haben keine eigenen Modelle", sagte Frank.
Und, bemerkenswert für jemanden, der sich auf Instagram „der KI King" nennt: Er beschreibt YuGether als Anti-KI-Projekt. Nicht aus Technikskepsis, sondern aus Menschenkenntnis. „KI bedeutet eine gewisse komplette Autonomie von allem. Ich muss auch niemanden mehr treffen. Mein Avatar agiert mit anderen und ich sitze daneben und gucke zu. Ist aber eigentlich entgegen der menschlichen Natur", sagte Frank. Die Orte, die künftig zählen, sind für ihn die, die einen Gegenpol bilden.
„Herr Fröschke, das ist zu komplex"
Ein Standort kostet rund 20 Millionen Euro — die Größenordnung eines kleinen Boutique-Hotels. Also stellte sich die Frage nach Förderung. YuGether berührt fünf große förderfähige Themen gleichzeitig.
Was als Recherche gedacht war, wurde eine dreimonatige Odyssee. Überall Töpfe mit Unsummen, überall gehobene Hände. Ein Thema? Gern. Vier, fünf, sechs Themen parallel und interdisziplinär gedacht? „Da haben alle gesagt: Ist uns zu komplex", sagte Frank.
An diesem Punkt hätten die meisten das Projekt zusammengestrichen. Frank stellte eine andere Frage: „Warum gibt es kein System, das dir das alles managt? Sodass du als Außenstehender ohne Expertise die Möglichkeit erhältst, dir für eine gute Idee die Unterstützung abzuholen."
Die Antwort auf diese Frage heißt SubvenX. Eine KI-gestützte Plattform, die Programme findet, Fristen überwacht, Anträge vorbereitet und den Prozess begleitet — für alle, die keine eigene Fördermittelabteilung haben.
Sein Blick auf das Fördersystem ist dabei erstaunlich fair. Dass es Regularien braucht, hält er für richtig. Beschädigt worden sei der Ruf vor allem durch die Corona-Hilfen, bei denen Richtlinien im laufenden Verfahren geändert und Fehler auf die Antragsteller abgewälzt wurden. „Aber grundsätzlich ist die Idee gut, und die muss auch beibehalten werden — allein für den Standort Deutschland und Europa", sagte Frank.
Was fehlt, ist Tempo. Ein Satz aus einem Gespräch mit dem Fraunhofer-Institut ist ihm geblieben: „Herr Fröschke, wir brauchen China Speed."
Zum Schluss: Utopie
Wir haben lange über die Zukunft gesprochen — über KI-generierte Content-Fluten, über Spotify, das künftig womöglich kennzeichnet, ob ein Mensch am Werk war, über fehlende gesellschaftliche Konzepte für eine Welt, in der Arbeit nicht mehr die erste Antwort auf die Frage „Was bist du?" ist.
Prognosen gibt Frank keine ab. „Wer darauf eine Antwort geben will, stochert im Nebel." Dystopie oder Utopie? „Mein inneres Herz ist immer Utopie", sagte Frank. „Dann könnte ich ja gleich von der Terrasse springen."
Sein Schlusssatz ist der beste Mitnehmer, den dieser Podcast seit Langem hatte:
„Du musst dir zuallererst immer mehr zutrauen, als du denkst zu können. Und an sich musst du erst mal ein völliges Desinteresse für die Grenzen deiner Fähigkeiten entwickeln. Versuche Dinge zu tun, die du nicht kannst, geh es einfach an, stürz dich rein. Weil das ist ja auch ein Punkt: Die Zeit ist begrenzt."
Wenn du also gerade eine Idee mit dir herumträgst, für die dir angeblich die Qualifikation fehlt — Frank hat mit einer geliehenen Bravo angefangen.