Die Mitte ist kein Kompromiss

Simone Cramer und Ines Winkler haben mit mhezo ein Unternehmen gegründet, weil sie gemeinsam ein Büro mieten wollten. Was danach kam, ist eine der bodenständigsten Antworten auf die Frage, was schlechte Strukturen ein Unternehmen kosten.

Es gibt Gründungsgeschichten, die auf einem Whiteboard beginnen, und es gibt Gründungsgeschichten, die in einem Mietvertrag beginnen. Die von mhezo gehört in die zweite Kategorie – und genau das macht sie so sympathisch.

Simone Cramer und Ines Winkler waren beide bereits selbstständig, arbeiteten in Erfurt in einem gemeinsamen Kollektiv und hatten schon Projekte miteinander gemacht. Dann kam der Punkt, an dem Simones Arbeit mehr Platz brauchte. „Ich arbeite immer mal mit Gruppen, ich brauche einfach einen größeren Raum", sagte Simone. Also suchten die beiden zusammen. Und stolperten dabei über eine Regel, die in Deutschland viel mehr Menschen betrifft, als sie ahnen.

„In Deutschland ist es so, dass wenn man zusammen in einem Mietvertrag steht, man automatisch eine GbR gründet. Das gilt auch für WGs im Übrigen", sagte Simone. „Und dann haben wir gesagt: Gut, wenn wir jetzt eine GbR gründen, dann können wir es auch richtig machen."

Aus der Formalie wurde ein Unternehmen. Die beiden schoben ihre Einzelunternehmen zusammen, jedenfalls den Beratungsteil, und seit Anfang des Jahres firmieren sie gemeinsam. Zwei Frauen, über 40 Jahre Berufserfahrung, ein gemeinsamer Schreibtisch – und eine ziemlich klare Vorstellung davon, was sie im Thüringer Mittelstand ausrichten wollen.

Warum der Name in der Mitte liegt

mhezo kommt vom griechischen „meso" – Mitte. Die Schreibweise mit h und z ist ein Kunstname, und die Begründung dafür ist erfrischend unromantisch. „Das hat natürlich auch eine Marketing-Komponente. Wie gut werden wir gefunden mit dem Namen? Gibt es gegebenenfalls schon andere Eintragungen?", sagte Ines. Markenrecht statt Mythos.

Die Bedeutung dahinter trägt dafür umso weiter. Erfurt liegt in der Mitte Deutschlands und ist von überall gut erreichbar. Und die Räume selbst sollen ein Ort sein, an dem man sich in der Mitte trifft. „Wir wollen ja auch Begegnungen schaffen", sagte Ines. Wer schon einmal in einem Beratungsprozess saß, in dem zwei Abteilungen aneinander vorbeiredeten, weiß, wie viel Arbeit in diesem einen Satz steckt.

60 Quadratmeter, die eine Haltung sind

Wer die Räume in der Erfurter Schillerstraße betritt, merkt schnell, dass hier jemand nachgedacht hat. Bunt, wohnlich, warm, Whiteboard-Wand, große Flächen zum Denken. Moritz erzählte von einem Freund in Düsseldorf, der einen ähnlich eingerichteten Showroom betreibt und inzwischen mehr Anfragen als Meetingraum bekommt als für sein eigentliches Geschäft.

Und trotzdem hakten wir nach. Sebastian brachte die Gegenthese aus einem bekannten Fabrik-Experiment ein: Man drehte das Licht hoch, die Produktivität stieg. Man dimmte es, die Produktivität stieg wieder. Am Ende lag es nicht am Licht, sondern daran, dass sich überhaupt jemand um die Mitarbeitenden kümmerte. Also – ist der schöne Raum am Ende egal?

„Bedingt", sagte Simone. „Gleichzeitig macht es einen Unterschied, ob du in unseren Räumen bist oder in einem ganz klassischen Behördenkontext, wo die Büros aussehen, wie die Büros aussehen. Kennst du einen, kennst du alle." Ihr Argument ist kein Wohlfühlargument, sondern ein Effizienzargument: Wenn Workshop-Gruppen hereinkommen und sich sofort wohlfühlen, entfällt das lange Abholen. „Wir müssen die nicht zwei Stunden abholen. Die sind von vornherein offener. Es macht Dinge leichter."

Ines kennt den Einwand, der in solchen Diskussionen fast immer fällt: „Wenn die Leute sich zu sehr wohlfühlen, dann arbeiten sie ja nicht mehr." Ihre Antwort darauf ist knapp. „Wir sehen es genau anders. Wenn wir ein gutes Umfeld schaffen, ist mehr Kreativität möglich, mehr Produktivität – und das sieht man am Ende auch an den Zahlen."

Was mhezo tatsächlich verkauft

Der Raum ist der sichtbare Teil. Das Kerngeschäft liegt dahinter: Organisations- und Personalentwicklung für Unternehmen mitten im Wandel. Die Anlässe, mit denen Geschäftsführungen bei den beiden anrufen, klingen dabei überraschend konkret.

Fehlzeiten, die sich der Zehn-Prozent-Marke nähern. Fluktuation, die nicht aufhört. Teams, in denen Informationsketten reißen. „Man sitzt sehr häufig zusammen, aber es bringt einfach nicht den Mehrwert, den es bringen soll", sagte Simone. Dazu kommt die Führungskräfteberatung und die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung – eine gesetzliche Pflicht, die laut Ines theoretisch jedes Unternehmen in Deutschland trifft, das mindestens eine Person beschäftigt.

Und dann kam die Zahl, auf die viele Unternehmer in diesem Gespräch gewartet haben dürften. „Jeden Euro, den du in Gesundheitsmanagement investierst, in sinnstiftende Maßnahmen – für den kannst du 2,70 Euro pro Mitarbeitenden rauskriegen", sagte Simone. Vorne stehe ein Invest, hinten stünden die Folgekosten, die man sich spart. „Was ihr letzten Endes bezahlt an Fehlzeiten und an fehlgeleiteten Informationsketten, ist viel, viel höher, als wenn ihr diesen Prozess einmal anfasst."

Was mhezo dabei ausdrücklich nicht anbietet, ist ein Framework von der Stange. „Es gibt kein Gießkannenprinzip", sagte Simone. „Es gibt natürlich relativ viele Beraterfirmen, die sagen: Wenn ihr das macht, dann kommt am Ende das dabei raus. Da sagen wir: Das wird nicht funktionieren." Stattdessen schauen die beiden erst einmal, was schon da ist. Welche Strukturen Sinn ergeben, welche man streichen kann, wo punktuell etwas obendrauf muss. Der Aufwand soll so gering wie möglich bleiben – auch, damit im Unternehmen niemand fragt, was das jetzt eigentlich soll.

Weiche Sprache, harte Haltung

Wer glaubt, hier ginge es um Kuschelkurs, hat das Gespräch nicht zu Ende gehört. Auf die Startup-Formel „hire slow, fire quick" reagierte Simone gelassen, aber deutlich: Fluktuation bringe eine Dynamik ins Unternehmen, die auf jeden Einzelnen und aufs Team zurückschlage. Wer weiß, dass er schnell rausfliegt, arbeite in einer anderen Unsicherheit, mache mehr Überstunden, stehe schneller unter Druck. „Das zahlt sich am Ende selten aus."

Ihr Bild dafür ist unschlagbar bodenständig: „Du kannst den trockenen Schwamm nicht mehr auspressen. Da kommt nichts mehr raus. Da muss schon immer mal auch Wasser rein."

Genauso klar fällt die Ansage in die andere Richtung aus. „Wir gehen schon auch rein mit dem Fokus: Liebe Leute, das ist ein Arbeitsverhältnis. Dafür werdet ihr bezahlt", sagte Simone. „Es geht nicht darum, noch den Maserati als Dienstwagen und den goldenen Wasserhahn auf der Mitarbeitertoilette zu bekommen." Das Ganze müsse unternehmerisch machbar bleiben.

Beim Thema KI und Fachkräfte hält Ines dagegen, dass der Arbeitsmarkt demografisch ohnehin schrumpft – gerade in Thüringen und Sachsen. Und dass Unsicherheit ein schlechter Produktivitätstreiber ist: „Ein Mensch, der in Angst ist, kann der wirklich gut arbeiten?" Ihre Formel für die Mitte zwischen Wohlfühlen und Leistung: work smart, not hard. Es gehe nicht darum, per se mehr zu arbeiten, sondern zu schauen, wo tatsächlich Mehrwert entsteht.

Auch bei Meetings zählt für Ines nicht die Regel, sondern die Struktur. „Kein Meeting ohne Agenda, kein Meeting ohne wirklichen Zweck." Ob täglich, wöchentlich oder gar nicht, hängt vom Unternehmen ab. Simone ergänzte den Teil, den man nicht verordnen kann: Damit Menschen sich zwischenmenschlich austauschen, braucht es einen Rahmen, in dem man sich sicher fühlt und Fehler machen darf. „Wenn du als Unternehmen einen Boden dafür schaffst, ergibt sich das automatisch."

Die zweite Sprache im Haus

Ein Teil von Simone kommt in Beratungsgesprächen selten vor – und lohnt sich trotzdem. Sie tritt künstlerisch als MaNoni auf, hat einen eigenen Verlag und beschreibt sich selbst so: „Ich sammel Worte, wie andere Leute Bierdeckel, Briefmarken oder getrocknete Blumen."

Daraus ist ein Format geworden, das man auf Kongressen, Panels und Festivals buchen kann: Poetic Recording. Statt eines Protokolls verdichtet sie eine Veranstaltung live in poetischer Form – was gesagt wurde, was mitschwang, was hängen bleibt. Für ein Publikum, das nach acht Stunden Bühne aufsteht und sich fragt, was es eigentlich mitnimmt, ist das ein ziemlich kluger Abschluss.

Dazu kommt eine Erfahrung, die im Gespräch spürbar war: Simone hat über Jahre selbst Podcasts moderiert, erst „Loud und Leise", danach „Zopf und Kragen" gemeinsam mit ihrer Freundin Anja. Als sie uns im zweiten Teil der Folge kurzerhand die Fragen stellte, sagte sie einen Satz, den man sich als Führungskraft einrahmen kann: „Ich bin sehr erfahren darin, gute Fragen zu stellen. Das ist auch Teil von Organisationsentwicklung. Es geht nicht darum, die Antworten zu geben, sondern die gute Frage zu stellen."

Zurück in den Osten, mit voller Absicht

Ines' Weg hierher ist lang: geboren in Dresden, studiert in Berlin, danach Stuttgart, ein Praktikum in New York City, ein Erasmus-Semester in Salamanca, ein weiteres Studium in Upstate New York, dann Potsdam, dann Düsseldorf – und schließlich Erfurt. Die Rückkehr in den Osten war eine bewusste Entscheidung.

Was ihr hier auffällt, wiegt umso schwerer, weil sie den Vergleich hat. In Düsseldorf mit seinen Konzernzentralen gebe es die typische Konzernkarriere – vergleichbar, gleichförmig. „Hier gibt es wahnsinnig viele Menschen, die einfach machen und die voran machen und ihren eigenen Lebensweg gehen", sagte Ines. „Das finde ich hier mehr und das finde ich total gut."

Und am 15. September wird es ernst

Simone und Ines unterstützen uns in diesem Jahr bei der Organisation des EASTSIDE HEROES Festivals in der Halle 6 im Erfurter Zughafen. Sie sind am Festivaltag vor Ort die ersten Ansprechpartnerinnen, damit wir moderieren können, ohne dass hinter der Bühne etwas kippt. Simones Beschreibung des Erfolgsfalls trifft es gut: Wenn alle ihren Job richtig machen, passiert einfach gar nichts, und der Tag läuft durch.

Warum sie mitmachen, hat Simone ebenso knapp beantwortet: weil es in der Mitte Deutschlands viele Ressourcen und viel Potenzial gebe – und gleichzeitig Luft nach oben. „Wir fanden es total schön, dass ihr das gewagt habt."

Genau dafür machen wir das hier. Die ganze Folge hörst du überall, wo es Podcasts gibt.

Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

Als Nerd für Künstliche Intelligenz und Automatisierung berät Sebastian regelmäßig Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation.

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