Wie ein einziges Buch ein Hermsdorfer Weltunternehmen umkrempelte. Stephan Hilmer und 2 Second LEAN

Es gibt diese Momente, in denen sich eine ganze Geschichte an einem einzigen Detail festmacht. Bei Stephan Hilmer ist es ein Akkuschrauber, der per Magnet direkt am Arbeitsplatz hängt. Klingt unspektakulär. Ist aber der Anfang einer Reise, die heute dazu führt, dass Konzerne aus ganz Deutschland nach Hermsdorf reisen, um zuzuschauen, wie hier gearbeitet wird.

Hermsdorf, mitten in Ostthüringen. 35.000-Einwohner-Region, grünes Herz Deutschlands. Hier sitzt die Tridelta Meidensha GmbH, ein Hersteller von Überspannungsableitern, der seine Produkte in über 120 Länder liefert. Und hier sitzt ein Geschäftsführer, der gleich zu Beginn unseres Gesprächs Widerspruch einlegt, als wir ihn einen Helden nennen wollen.

„Hero sehe ich mich absolut nicht", sagte Stephan. „Ich bin, wenn überhaupt, einer von vielen, die sich bewusst entschieden haben, Zeit, Geld und Arbeit in der Region zu investieren und einfach hier zu bleiben, um das Ganze nach vorne zu bringen."

Genau diese Haltung macht ihn zu einem Eastside Hero, ob er das nun so nennen mag oder nicht.

Ein Kind der Region

Stephans Bindung an das Unternehmen reicht weit zurück, lange vor seinen ersten Arbeitstag. „Meine Tante hat hier gearbeitet, mein Onkel hat hier gearbeitet", erzählte er. Sein Onkel begann mit 14 eine Lehre und ging mit 64 in Rente, also ganze 50 Jahre an einem Ort. Stephan selbst stand mit 15 zum ersten Mal als Ferienarbeiter in der Halle.

Sein Weg war kein gerader. Realschule, ein Jahr im Westen, weil es die gewünschte Lehre hier nicht gab, dann schnell zurück, Fachabitur, Elektrotechnik-Studium in Jena. Seit 2011 ist er durchgängig im Unternehmen, und er hat sich Stufe für Stufe nach oben gearbeitet: Abteilungsleiter, Fertigungsleiter, Einkaufsleiter, operativer Leiter, am Ende Geschäftsführer. Dass dieser Weg einmal an der Spitze enden würde, hatte er anfangs gar nicht im Blick. „Da habe ich mir damals noch nicht so die Gedanken drüber gemacht", sagte Stephan.

Das Unternehmen, das seine Familie über Generationen begleitet hat, blickt auf eine Tradition zurück, die bis ins 19. Jahrhundert reicht. 2015 kam ein einschneidender Schritt: Die japanische Meidensha Corporation übernahm den Standort. Und zwar mit einer bewussten Entscheidung, das Know-how nicht einfach abzuziehen, sondern die Produktion in Hermsdorf zu halten.

„Wir hatten großes Glück, dass uns gerade dieser Konzern gekauft hat", sagte Stephan. „Meidensha denkt sehr langfristig, das Unternehmen gibt es seit weit über 120 Jahren. Die pflegen eine andere Kultur als schnelllebige Aktienkonzerne." Und er stellte klar: „Wir sind immer noch ein ostdeutsches Unternehmen, denn wir bekommen sehr viel Freiheit. Für unsere Mitarbeiter sind wir ein klassisches Unternehmen, das eine große Mutter in Japan hat."

Der Moment, in dem alles kippte

Die eigentliche Wende kam nicht mit dem Verkauf, sondern 2020. Corona legte halbe Lieferketten lahm, Projekte wurden verschoben, Bestellungen nach hinten geschoben. Statt abzuwarten, stellte sich Stephan eine Frage, die viele in der Krise gar nicht erst stellen: Wie nutzen wir diese Zeit, um gestärkt herauszukommen?

Über YouTube landete er bei einem Buch von Paul Akers: „2 Second Lean". Die Idee dahinter ist beinahe banal: jeden Tag einen Prozessschritt mindestens zwei Sekunden besser machen. Klein, konsequent, ohne Ende. Stephan war angefixt. Im Buch stand Akers' WhatsApp-Nummer. Er schrieb hin. „Eine halbe Stunde später hatte ich eine Antwort", erzählte Stephan. Aus dem Kontakt wurde eine Mentorschaft, die bis heute hält.

Wer das japanische Original verstehen will, muss laut Stephan ein anderes Wort kennen. „Für mich ist das eigentliche Wort Kaizen, der japanische Begriff dafür, etwas ins Gute zu ändern", sagte er. „Wir versuchen einfach jeden Tag ein bisschen besser zu werden. Das Ganze sauber über eine lange Zeit, und dann merkt man, was so eine Kultur bewirken kann."

Kultur statt Kosmetik

Was viele Unternehmen falsch verstehen: Bei Kaizen geht es nicht ums Aufräumen, sondern ums Wachsen einer Kultur. Seit fünf Jahren startet bei Tridelta Meidensha jeder Morgen gleich. Zuerst treffen sich die Abteilungen, dann folgt um acht Uhr ein gemeinsames Meeting der gesamten Belegschaft. Jeder kennt die Auftragslage, den Umsatz, was gestern gut lief und was nicht. Es gibt vier Dankbarkeiten, ein Wort des Tages, kleine Rituale, die den Zusammenhalt stärken.

Eine ganze Stunde am Tag investiert das Unternehmen in Verbesserung statt in Produktion. „Wir haben uns bewusst entschieden, eine Stunde am Tag für Optimierungen zu investieren", sagte Stephan. In dieser Zeit wird nicht am Produkt gearbeitet, keine Kunden-E-Mail beantwortet, sondern nachgedacht: Wie kann ich meine Abläufe besser machen?

Warum interessiert es den Vertrieb, womit die Produktion kämpft? Stephans Antwort ist klar: „Eine Abteilung alleine kann überhaupt nichts bewirken. Am Ende des Tages zahlt unser Kunde die Rechnung, und es ist völlig egal, an welcher Stelle wir das Problem haben. Wir sind alle ein Team."

Dieser Blick hört nicht am Schreibtisch auf. Mitarbeiter haben in ihrer Kaizen-Zeit die eigenen Sanitärräume verschönert. Eine eigene Tischlerei und sogar eine CNC-Maschine entstanden, damit gute Ideen nicht an Angeboten externer Firmen scheitern. „Stell dir vor, du hast die beste Idee deines Lebens, aber sie muss aus Holz oder Metall gebaut werden", sagte Stephan. „Wir holen Leute, die unsere Prozesse kennen, und innerhalb eines halben Tages ist die Idee umgesetzt."

Den Respekt-Gedanken hat er sich übrigens bei Toyota abgeschaut. Bevor er dort eine Werksführung bekam, putzte er gemeinsam mit einem hochrangigen Mitarbeiter die Toiletten. „Egal ob Präsidentenlevel oder Mitarbeiter am Band, das ist dort völlig egal", sagte Stephan. „Das ist einfach Respekt vor Menschen."

Zahlen, die für sich sprechen

Die Ergebnisse dieser Kultur lassen sich messen. Allein in der ersten Jahreshälfte zählte das Unternehmen rund 2.700 dokumentierte Verbesserungen. In den letzten vier Jahren ist Tridelta Meidensha um den Faktor 3,5 bis 3,8 gewachsen, und das mit nahezu gleicher Mannschaftsstärke. Heute arbeiten über 120 Menschen aus 26 Nationen in Hermsdorf zusammen.

Und Stephan denkt größer. „Wir wollen das, was wir erreicht haben, nochmal verfünffachen. Das ist das 10-Jahres-Ziel", sagte er. Der nächste große Hebel heißt für ihn künstliche Intelligenz. Seit dem 1. Mai gilt eine klare KI-Philosophie, das Ziel: in zwölf Monaten ein vollständig KI-gestütztes Unternehmen zu sein. Die Botschaft an die Belegschaft ist dabei dieselbe wie bei Lean. „Du brauchst keine Angst zu haben. Wir werden dich mit KI nicht ersetzen, ganz im Gegenteil, wir wollen mit KI wachsen", sagte Stephan.

Sich selbst überflüssig machen

Es gibt diesen einen Satz, an dem deutlich wird, wie Stephan über Führung denkt. „Man hat es dann geschafft, wenn man selber nicht mehr gebraucht wird", sagte er. Wer Verantwortung wirklich abgibt, macht Mitarbeiter stark genug, dass sie eines Tages selbst Geschäftsführer werden oder sich selbstständig machen. Verliert er sie dann nicht? „Wenn das passiert, habe ich alles richtig gemacht", sagte Stephan. „Was Geileres gibt es doch nicht."

Diesen Gedanken trägt er weiter, als es seine Rolle verlangt. Er ermutigt seine Mitarbeiter, sich um finanzielle Bildung und Vorsorge zu kümmern, ein Thema, das in der Schule kaum vorkommt. „Es macht viel mehr Spaß, mit Freunden Geld auszugeben als alleine", sagte er mit einem Augenzwinkern.

Die Welt kommt nach Hermsdorf

Stephan ist viel unterwegs, allein in diesem Jahr viermal in Japan. Doch sein Zentrum bleibt Ostthüringen. Die Internationalität zieht er nicht weg, sondern her: Mitarbeiter reisen systematisch zu Vorbildunternehmen in den USA und Irland, andere Firmen kommen für Werksführungen nach Hermsdorf. Erst gestern hat eine junge Brasilianerin angefangen, die zuvor an einem der größten Wasserkraftwerke der Welt gearbeitet hat. Stephan traf sie auf einer Reise und überzeugte sie, sich nicht in Holland, sondern in Hermsdorf zu bewerben.

Auf die Frage, was er Menschen mitgeben möchte, die meinen, bei uns sei nichts los, fasst sich Stephan kurz. „Einfach machen", sagte er. Und nach einem Moment: „Und dranbleiben."

Vielleicht ist genau das die Botschaft aus Hermsdorf an den ganzen Osten. Du brauchst keinen großen Plan, keine perfekte Ausgangslage. Du brauchst zwei Sekunden, den Willen anzufangen, und die Geduld, jeden Tag wiederzukommen.

 

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Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

Als Nerd für Künstliche Intelligenz und Automatisierung berät Sebastian regelmäßig Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation.

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