Auf dem Sprungturm: Wie Alexander Kulik den Maschinenbau ins Headset holt

Es gibt diesen Moment, in dem aus einer Idee ein Werkzeug wird. Bei Alexander Kulik hat dieser Moment ungefähr zwei Jahrzehnte gebraucht — und genau das macht seine Geschichte so spannend. Wir haben uns mit ihm in der Bauhaus.Factory in Weimar getroffen, mitten in einem Umfeld, das so wissenschaftlich-technologisch tickt, dass man als Gast erst einmal kurz schluckt. Was am Ende blieb, ist aber keine Vorlesung, sondern eine Einladung: einen Blick in eine Welt zu werfen, in der Virtual Reality endlich dort ankommt, wo sie spürbaren Nutzen stiftet. Eine Welt, in der Forschung und Unternehmertum keine Gegensätze sind, sondern zusammengehören.

Erst der Hype, dann die Arbeit

Steigen wir da ein, wo viele aussteigen würden — beim Metaverse. „Das Metaverse ist tot, es lebe das Metaverse", war der Einstieg ins Gespräch, und Alexander nahm den Ball gelassen auf. Für ihn folgt die Technologie einem vertrauten Muster: erst der große Hype, dann die Ernüchterung, und erst danach der Boden, auf dem etwas wachsen kann. So war es bei der Dotcom-Welle, so war es bei der Blockchain, so ist es beim Metaverse.

Den Hype rund um Mark Zuckerberg sieht er dabei erstaunlich entspannt. „Ich bin ihm dankbar", sagte Alexander — nicht für die Politik des Konzerns, sondern für den technologischen Schub, den das viele Geld ausgelöst hat. Die Grundlage ist heute eine andere als noch vor wenigen Jahren. Das Spielfeld ist bereitet. Und genau jetzt beginnt für ihn der eigentlich interessante Teil: die Technologie in die Anwendungsfelder zu bringen, in denen sie wirklich gebraucht wird.

Was virtuelle und erweiterte Realität von KI oder dem iPhone unterscheidet, bringt er mit einem schönen Bild auf den Punkt. KI erleichtert dir sofort den Alltag, eine VR-Brille tut das nicht. „Im Prinzip ist es wie ein Anbau an unsere Realität", sagte Alexander. Du investierst Zeit in eine Modellwelt, damit dir diese Zeit später draußen einen Mehrwert zurückgibt. Wie das Fitnessstudio, die Schule, das Museum: Du gehst hinein, um besser vorbereitet wieder herauszukommen.

Die richtige Frage lautet: Ist es relevant?

Wer wissen will, woher Alexanders Klarheit kommt, muss zwanzig Jahre zurückgehen. 2001 startete in Weimar die erste Professur für Systeme der virtuellen Realität in Deutschland, Alexander rutschte als Hardware-Entwickler hinein und durfte in einem Feld forschen, das damals noch viele Fragezeichen hatte. Ab wann nehmen wir etwas als real wahr? Muss man sich daran stoßen können, damit es zählt?

Seine Antwort darauf wirkt fast philosophisch und ist doch zutiefst praktisch. „Das Wichtigste ist eigentlich: Ist es relevant?", sagte Alexander. Nicht der perfekte Realismus entscheidet, sondern die relevante Information. Und relevante Modelle haben Tiefe — eine Informationstiefe, die sich technisch oft kaum abbilden lässt. An dieser Spannung hat er sich über Jahre abgearbeitet. 2016 kam der Doktortitel, und um 2020 herum stellte sich die Frage, wie es weitergeht. Die Technologie hatte einen großen Sprung gemacht, der Markt war reif. Es war der Punkt, an dem aus Wissen ein Produkt werden durfte.

Consensive: den Berg zum Propheten tragen

Aus dieser Überzeugung entstand Consensive. Das Unternehmen baut Anwendungen, mit denen sich Maschinen, Räume und ganze Wasserkreisläufe als interaktive digitale Zwillinge erleben lassen — auf der Messe, beim Kunden, in der Ausbildung. „Wir tragen den Berg zum Propheten", sagte Alexander. Statt eine tonnenschwere Maschine durch die Republik zu fahren, steht sie plötzlich virtuell auf dem Hof. Und wenn sie sich verhalten muss, kann man genau daran trainieren.

Der Hebel dahinter ist greifbar. Stell dir einen Techniker vor, der zu einer stillstehenden Maschine fliegen muss, während die Produktion wartet. Sparst du diesen Flug, ist der Return on Investment schnell erreicht — gerade in Zeiten von Fachkräftemangel, wenn jede Stunde der wenigen Spezialisten kostbar ist. Spannend ist dabei, wer hier zahlt: nicht die Produzenten, sondern die Maschinenhersteller. Sie liefern den digitalen Zwilling künftig gleich mit, so wie früher das Handbuch. „Ich gebe dir einen digitalen Zwilling mit", sagte Alexander — und beschreibt damit ein Unterscheidungsmerkmal, das für Hersteller zum Verkaufsargument werden kann.

Dass das mehr ist als eine schöne Vision, untermauert eine Studie, die Alexander begeistert aufgreift. Wer eine Aufgabe zum ersten Mal am digitalen Zwilling in gemischter Realität lernt, macht rund 20 Prozent weniger Fehler als nach einem klassischen Video. Und beim zweiten Mal genügt oft schon eine akustische Anleitung. Erst üben, bis die Handgriffe sitzen, dann an die reale Maschine — in dieser Reihenfolge liegt der eigentliche Gewinn.

Eine Treppe statt einer Hürde

Was an Consensive auffällt, ist die Liebe zum unscheinbaren Detail. Ein Headset auf einer Messe jemandem aufzusetzen, der vorher schon zehn andere getragen haben — das funktioniert selten gut. Also montiert das Team die Brille kurzerhand auf einen Stiel, fast wie ein Lorgnon, das man sich nur vor die Augen hält. Mittlerweile stecken die Geräte sogar auf Mikrofonständern. Du musst niemanden mehr fragen, du stellst dich davor und schaust durch.

„Diese Hürde machen wir wirklich begehbar, wir haben quasi eine Treppe gebaut", sagte Alexander. Du gehst genau so weit hinein, wie es die Aufgabe verlangt. Vieles lässt sich auf einem 2D-Bildschirm besprechen; und nur in dem Moment, in dem du ein räumliches Gefühl brauchst — passt der Gabelstapler hier vorbei? — setzt du die Brille kurz auf. Danach bist du wieder im Gespräch. Dieser fließende Übergang zwischen den Welten ist es, der die Technologie für viel mehr Menschen zugänglich macht. Beim Publikum eines Theaterprojekts in Greiz, weit jenseits der 60, hat genau das funktioniert.

Warum Weimar — und was jetzt kommt

Technisch steckt hinter all dem ein kluger Grundgedanke: Die Anwendung verarbeitet immer nur so viele Daten, wie nötig sind, um diese eine Perspektive in guter Qualität darzustellen. Lokal, mobil, ohne riesige Serverinfrastruktur. Das hält die Kosten im Rahmen und macht die Lösung skalierbar — auch für zehn oder zwanzig Personen gleichzeitig, an unterschiedlichen Orten. Genau hier liegt der Unterschied zu den teuren Leuchtturmprojekten, deren Wartung am Ende so viel kostet wie das, was sie zeigen sollen.

Heute steht Consensive nach eigener Beschreibung auf dem Startblock. Das Produkt ist skalierbar, die Anwendungsfelder haben sich herauskristallisiert, der Beachhead ist der Maschinenbau im DACH-Raum. Finanziert hat sich das Team bisher etwa hälftig aus Wirtschaft und Forschungsförderung und konnte so organisch wachsen. Für den nächsten Schritt — Vertrieb, Service, Partnernetzwerke — braucht es nun Investment. „Auf diesem Sprungturm stehen wir jetzt", sagte Alexander, „ob wir stolpern oder springen, hat damit zu tun, welchen Schwung wir mitnehmen können."

Und Weimar? Alexander macht keinen Hehl daraus, dass am Ende pragmatische Entscheidungen anstehen. Trotzdem schwingt in jedem Satz die Verbundenheit mit. Er ist bewusst hierhergezogen, weil ihm die Stadt gefällt, seine Kolleginnen und Kollegen sehen das genauso, und die Wirtschaftsförderung im Land funktioniert für ihn vergleichsweise gut. Thüringen bietet etwas, das Hubs wie München so nicht haben: kurze Wege bis ganz nach oben und viel Raum, ganz vorne mit dabei zu sein. Wer hier Deeptech baut, teilt sich die erste Reihe mit kaum jemandem.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Gesprächs. Große Technologie entsteht nicht nur in den lautesten Märkten, sondern auch dort, wo jemand zwanzig Jahre geduldig an einer Frage dranbleibt — und dann den Mut findet, ein Produkt daraus zu machen. Der Sprungturm steht. Anlauf ist genommen. Und es lohnt sich, Consensive beim Absprung zuzusehen — denn was hier in Weimar entsteht, könnte schon bald an vielen Orten gebraucht werden, an denen Maschinen, Wissen und Menschen wieder enger zusammenfinden müssen.

 

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Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

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