Wenn KI zum Münzwurf wird: Konstanze Olschewski wacht in Jena über alternde Algorithmen

Stell dir vor, du setzt in deiner Produktion eine KI ein, die anfangs zuverlässig arbeitet – und ein paar Wochen später liefert sie Ergebnisse, die nicht besser sind als ein Münzwurf. 50 Prozent Trefferquote. Kopf oder Zahl. Genau dieses Phänomen hat Konstanze Olschewski aus Jena zu ihrem Thema gemacht, lange bevor der Rest der Welt überhaupt anfing, über KI zu sprechen. In der neuen Folge von EASTSIDE HEROES erzählt sie, warum KI-Modelle altern, wie aus einer Bioinformatikerin eine Unternehmerin wurde und weshalb ausgerechnet die EU-Regulierung für ihr Unternehmen Rückenwind bedeutet.

KI wird nicht von allein besser – sie driftet

Wir alle kennen das Gefühl: Man tippt eine Frage in ein Sprachmodell, bekommt in Sekunden eine Antwort und denkt, diese Technologie wird von Tag zu Tag klüger. Konstanze räumt mit diesem Bild gleich zu Beginn des Gesprächs auf. KI-Modelle werden auf einem bestimmten Datenausschnitt trainiert – und nur dort leisten sie gute Arbeit.

„Unsere Welt dreht sich natürlich weiter. Und da kann es schnell mal passieren, dass wir uns in einem Bereich bewegen, wo es ein bisschen anders aussieht, vielleicht ein bisschen wärmer ist, etwas andere Bedingungen herrschen", sagte Konstanze. Das Modell gerät in Regionen, für die es nie Trainingsdaten gesehen hat. Fachleute nennen das Drift. „Umso weiter wir uns in diesem Driftbereich bewegen, umso ungenauer wird die Antwort", sagte Konstanze.

Im Extremfall landet die Genauigkeit bei besagten 50 Prozent – und dann ist Schluss mit Statistik: „Wenn diese Ungenauigkeit erreicht ist, dann ist das System eigentlich nutzlos", sagte Konstanze. Die gute Nachricht: Wer den Drift sichtbar macht, kann rechtzeitig reagieren. In der Praxis schlagen ihre Systeme deshalb nicht erst beim Münzwurf-Niveau Alarm, sondern schon in den hohen 90er-Bereichen. Nachtrainieren, aktualisieren, validieren – so bleibt ein Modell fit. Man könnte sagen: KI braucht regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wie wir Menschen auch.

Detektivarbeit in der Produktionshalle

Wo das konkret einen Unterschied macht? Überall dort, wo Präzision zählt und Ausschuss teuer ist – in der Fertigung, in der Medizintechnik, bei komplexen und lang laufenden Prozessen. Konstanze beschreibt ihre Arbeit charmant als „manchmal auch ein bisschen Detektivspielen".

Ein Beispiel aus ihrer Praxis: Ein Kunststoff-Spritzgussprozess mit stark schwankenden Zykluszeiten – mal 30 Sekunden, mal 200 Sekunden. Eine enorme Spreizung, die Produktionszeit und Kosten in die Höhe treibt. Ihr Team analysierte die Daten, baute ein Machine-Learning-Modell und heute erkennt das System solche Abweichungen im laufenden Prozess. Der Betrieb kann gegensteuern, bevor die Zykluszeiten davonlaufen. Das ist KI, wie sie im Mittelstand wirken kann: unspektakulär im Auftritt, spürbar im Ergebnis.

Erst Viren, dann Maschinen

Der Weg dorthin begann nicht in der Industrie, sondern im Labor. Konstanze studierte Bioinformatik in Jena und beschäftigte sich schon in den ersten Vorlesungen mit Machine Learning und Mustererkennung. Danach forschte sie in der Biophotonik: Mit Raman-Spektroskopie und Machine-Learning-Verfahren untersuchte sie, ob sich Bakterien und Viren deutlich schneller identifizieren lassen als über eine klassische Laborkultur. Ihre Rolle dabei: nicht die Proben, sondern die Auswertung. Komplexe Daten, hoher Aufbereitungsaufwand, Modelle, die absolut zuverlässig sein müssen – schließlich hängen im Klinikkontext Diagnosen daran.

Genau diese Denkweise nahm sie 2015 mit in die Gründung von Alpha Analytics. Die Idee: Statistik- und Auswertungsexpertise auch außerhalb der Biophotonik anbieten. Dass die Reise dann in die Industrie führte, war weniger Masterplan als Anpassungsfähigkeit – die Forschung als Kundin sprang nicht schnell genug an, also schaute sich das junge Team um, wo komplexe Fragestellungen und Daten warteten. Die Antwort fand sich in den Produktionshallen.

Gründen, als noch niemand von KI sprach

Man muss sich die Ausgangslage von damals vor Augen führen: Auf Veranstaltungen wurde über Digitalisierung gesprochen, bestenfalls über Automatisierung. Industrie 4.0? Machine Learning? Fehlanzeige. Und Konstanze stand da mit einem Angebot, für das es noch nicht einmal ein geläufiges Vokabular gab.

„Das war tatsächlich recht anstrengend. Eigentlich das, wo jeder sagen würde, das sollte man nicht machen – in eine völlig fremde Branche, ohne jede Kontakte, ohne jedes Netzwerk reinzugehen", sagte Konstanze. Also hielt sie Vorträge, klapperte Veranstaltungen ab, erzeugte Aufmerksamkeit für ein Thema, das seiner Zeit voraus war. Und setzte sich mit ihrem Mitgründer einen bemerkenswerten Meilenstein: Nach drei Jahren wollte man ein halbwegs annehmbares Gehalt erreicht haben – sonst wäre Schluss gewesen. 2018 war es geschafft. Kein Hockeystick, kein Hype, sondern beharrliche Aufbauarbeit. Vielleicht ist genau das die unterschätzteste Gründungstugend überhaupt.

Spannend auch ihre Einordnung des ChatGPT-Booms: Der brachte dem Thema KI zwar enorme Aufmerksamkeit, drängte die komplexeren Industrieprojekte aber zeitweise in den Hintergrund. Viele Unternehmen stürzten sich erst einmal auf die schnellen Erfolge mit Sprachmodellen im Büro. Inzwischen, so ihre Beobachtung, kehrt die Ansprechbarkeit für Produktionsoptimierung zurück – mit realistischeren Erwartungen. Ein schöner Beleg dafür, dass Substanz den Hype überdauert.

Phoenix Alpha: Aus dem Muster wird ein Produkt

Aus den Beratungsprojekten der Alpha Analytics kristallisierte sich über die Jahre ein wiederkehrendes Muster heraus. Jedes Modell, das in einen Prozess integriert wird, braucht dasselbe: Monitoring gegen den Drift, Dokumentation, Qualitätssicherung, einen Plan für Wartung und Aktualisierung. „Da haben wir in guter Start-up-Manier gesagt, dann machen wir da ein Produkt raus", sagte Konstanze.

So entstand 2022 die Phnx Alpha GmbH – benannt nach dem Phönix, dem Vogel, der aus der Asche neu ersteht. Ein passenderes Bild für alternde KI-Modelle, die durch Nachtraining wieder aufleben, lässt sich kaum finden. Und das Timing hätte besser kaum sein können: Am Horizont erschien der EU AI Act mit seinen Qualitätsanforderungen für Hochrisiko-KI-Systeme. Was Konstanze seit Jahren als gute Praxis predigt – KI überwachen, validieren, dokumentieren – wird für viele Anwendungen zur Pflicht.

Während andere über Brüsseler Bürokratie stöhnen, liest Konstanze die Regulierung differenzierter. Als Patientin möchte sie schließlich auch nicht, dass ein KI-gestütztes Medizinprodukt unbemerkt wegdriftet und nächste Woche falsch diagnostiziert. Zugleich bleibt sie kritisch: Sie hätte sich vom AI Act mehr Orientierung bei den ethischen Fragen gewünscht, statt diese an die Entwicklerinnen und Entwickler zurückzuspielen. Und sie warnt davor, kleinste Unternehmen zu stark zu regulieren – Räume zum Ausprobieren müssen bleiben. Eine wohltuend unaufgeregte Position zwischen den Lagern.

Bemerkenswert dabei: Beide Unternehmen sind bewusst ohne Investorengeld gewachsen. Gebootstrappt, Schritt für Schritt, mit klaren Fragen an jedes potenzielle Investment: Was will ich damit beschleunigen, und erreiche ich meine Ziele damit wirklich?

Warum Jena? Warum der Osten?

Konstanze ist in der Region tief verwurzelt und nutzt, was das Jenaer Umfeld hergibt: kurze Wege, Forschungsnähe, ein dichtes Netzwerk aus Optik, Photonik und KI. Sie engagiert sich bei OptoNet, im Bitkom, im KI-Verband, bei Jena Digital und weiteren Netzwerken, kooperiert mit dem TÜV Thüringen und dessen AI Lab. Ihr Antrieb dabei geht über den Vertrieb hinaus.

„Es tut mir manchmal fast ein bisschen weh, wenn ich sehe, was da manchmal rumliegt und eigentlich nicht genutzt wird", sagte Konstanze über die Datenschätze in den Unternehmen. Deshalb steht sie auf Bühnen, zuletzt etwa beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum: um sichtbar zu machen, welche Chancen in den vorhandenen Daten stecken – gerade für die vielen spezialisierten KMU im Osten mit ihren individuellen Produkten und Nischen. Genau diese Individualität, die Produktlösungen manchmal erschwert, ist zugleich eine Stärke der hiesigen Wirtschaft.

Ihren Blick auf die Lage beschreibt sie zuversichtlich: Nach einem schwierigen letzten Jahr, gerade im Automobilumfeld, wendet sich das Blatt. „Ich glaube, wir sind über den Punkt hinaus, wo irgendjemand denkt, dass er weitermachen kann wie gehabt", sagte Konstanze. Unternehmen wechseln Branchen, entwickeln Geschäftsmodelle weiter, packen die digitale Transformation an. Nicht alle haben die Mittel dafür – umso wichtiger, dass die, die es können, jetzt loslegen.

Die nächsten fünf Jahre

Der Plan ist klar umrissen: Die Beratung der Alpha Analytics sieht Konstanze perspektivisch als Auslaufmodell, denn die Digitalisierung schreitet voran und Maschinenbauer entwickeln eigene Services. Die Zukunft gehört Phnx Alpha – mit Fokus auf Medizintechnik und kritische Infrastrukturen, also genau die Bereiche, in denen Hochrisiko-KI-Systeme künftig verpflichtend überwacht werden müssen. Gemeinsam mit dem TÜV Thüringen arbeitet sie daran, hier Standards zu etablieren. Prüfsiegel für KI, entwickelt in Jena – das ist die Richtung.

Und falls du dich fragst, mit wem eine KI-Unternehmerin gern zu Abend essen würde: Ada Lovelace wäre dabei, dazu eine Diskussion über Gerechtigkeit in KI-Systemen und ein führender KI-Entwickler unserer Zeit wie Yann LeCun. Eine Tischrunde, bei der wir alle gern mithören würden.

Die ganze Folge mit Konstanze Olschewski hörst du jetzt überall, wo es Podcasts gibt. Hör rein – und lass dich davon anstecken, wie viel Zukunft schon heute im Osten entsteht.

 

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Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

Als Nerd für Künstliche Intelligenz und Automatisierung berät Sebastian regelmäßig Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation.

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