Oliver Steinacker: Wie ein Schwimmbad-Chef am Erfurter Kreuz zum Powerkönig wurde
Manchmal beginnt eine Unternehmergeschichte nicht mit einem Businessplan, sondern mit einem Termin im Schulungszentrum. Genau dort, beim Einräumen der Geschossspüler, sprach ein Firmenchef einen jungen Mann an und sagte sinngemäß: „Mensch, du bist so ein Typ, du könntest mal so eine Firma übernehmen." Der junge Mann nahm es zunächst als netten Spruch. Heute steht er an der Spitze der Leuchtwert Service GmbH in Thörey, hat eine eigene Marke aufgebaut und träumt von der ersten Batterie „Made in Thüringen". Sein Name ist Oliver Steinacker — und seine Geschichte macht Mut.
Der Bademeister, der Unternehmer werden wollte
Wenn du Oliver heute triffst, würdest du kaum vermuten, dass seine berufliche Heimat einmal ein Schwimmbad war. Über mehrere Jahre leitete er das Arnstädter Sport- und Freizeitbad, war dort Abteilungsleiter und Prokurist. „Wie meine Freunde heute noch sagen, der Oberbademeister", sagte Oliver schmunzelnd. Ein sicherer Job, gute Bezahlung, kommunaler Rückhalt. Und trotzdem brodelte etwas in ihm.
Eigentlich hatte er einen ganz anderen Traum. „Im ersten Studium habe ich tatsächlich Tourismusmanagement studiert, weil ich immer den Traum hatte, rauszugehen, in die Welt zu gehen", sagte Oliver. Das Leben kam anders: ein Jobangebot in Arnstadt, dann ein Kind, dann die Verwurzelung in der Heimat. Was wie ein Umweg klingt, wurde zur Grundlage für alles, was danach kam. Denn im Bäderbetrieb lernte er, einen personal- und kostenintensiven Betrieb zu führen, in der Öffentlichkeit zu stehen und Netzwerke zu knüpfen.
Den Anstoß zur Veränderung gab ausgerechnet eine schwierige Zeit. Während Corona suchte Oliver Schulungsmöglichkeiten für seine rund 20 Mitarbeiter — und sein Vater gab ihm den entscheidenden Tipp: In Thüringen gebe es eine Firma, die Batterien verkaufe und ein Schulungszentrum betreibe. So kam Oliver zum ersten Mal nach Thörey, zur Firma Leuchtwert, und lernte ihren Gründer Michael Herda kennen. Aus einem geschäftlichen Termin wurde ein Gespräch über die Zukunft.
Dazu kam ein persönlicher Wendepunkt. Ein Streit um ein neues Schwimmbad-Projekt, eine Masterarbeit, die schon Zustimmung in den Gremien gefunden hatte und dann doch vom Tisch sollte. „Dann war das für mich der Zeitpunkt zu sagen, dann mach's allein, und hatte gekündigt", sagte Oliver. Mitten in einer Zeit voller Unsicherheit setzte er auf sich selbst.
Ein Kaffee, ein Jahr Bedenkzeit und eine mutige Entscheidung
Michael Herda meinte es ernst mit seinem Angebot. Er suchte einen Nachfolger und sah in Oliver genau den Typ Mensch, dem er sein Lebenswerk anvertrauen wollte. Oliver aber ist kein Mann der schnellen Schüsse. Fast ein Jahr lang prüfte er das Fundament der Firma, schaute in alle Unterlagen, ließ den Unternehmenswert gleich doppelt ermitteln — einmal durch die Steuerberaterin, einmal unabhängig durch die IHK.
Das Ergebnis verblüffte ihn. „Beide Seiten haben ehrlich gearbeitet", sagte Oliver — die beiden Werte lagen nur wenige tausend Euro auseinander. Für ihn war das die Bestätigung, dass hier niemand überteuert verkaufen wollte. Seit dem 30. Dezember 2021 ist er Geschäftsführer und Inhaber. Diese partnerschaftliche Übergabe wurde 2022 mit einem Podestplatz beim ThEx Award in der Kategorie „Nachfolgen" gewürdigt.
Das Schönste an der Geschichte: Michael ging nicht einfach. Er blieb als Prokurist an Bord, in der zweiten Reihe, als Stütze. „Sobald ich verkaufe, dreh dich in die zweite Reihe, Oli, dann hast du das Sagen, aber ich steh dir immer zur Verfügung", hatte Herda gesagt, erinnerte sich Oliver. Und genau so lebt das Duo es bis heute. „Er ist wie ein Vater auf Arbeit für mich", sagte Oliver. Für jeden, der vor einer Nachfolge steht, ist das eine der wichtigsten Botschaften: Das Zwischenmenschliche kann wertvoller sein als jede Bilanzkennzahl.
Vom Handelshaus zum Energie-Entwickler
Oliver übernahm ein kleines, stabiles Handelsunternehmen für Batterien und Beleuchtung. „Ein kleines süßes familiäres Unternehmen, wo man Lust hatte, die guten Sachen zu behalten und diesen Diamanten noch ein bisschen zu schleifen", sagte er. Und dieses Schleifen begann sofort.
Sein erstes Jahr stand ganz im Zeichen von Corona — Tests, Testzentren, mobile Stromspeicher für die Sorge vor dem Blackout. „Für uns war das wirtschaftlich die geilste Zeit", sagte Oliver offen. Dieses Startkapital legte den Grundstein für das, was danach kam. Denn als die Nachfrage einbrach, lernte er die andere Seite des Unternehmertums kennen. „Es hat nicht geschadet, mal richtig hinzufliegen", sagte er rückblickend. Diese Erfahrung prägt ihn bis heute, jeden Euro zweimal umzudrehen.
Statt aufzugeben, entwickelte Oliver das Unternehmen weiter. Heute ruht Leuchtwert auf drei kraftvollen Säulen: dem klassischen Handel, der eigenen Marke Powerkönig und einem 360-Grad-Geschäft rund um Licht, Photovoltaik und Balkonkraftwerke. Der Druck des Marktes wurde zum Antrieb. „Es reicht nicht nur, ein Produkt im Handel anzubieten, sondern wir müssen auch die Dienstleistungen drum herum bauen", sagte Oliver. So wurde aus einem Zwischenhändler ein eingetragenes Handwerksunternehmen, das plant, baut, installiert und wartet.
Der Powerkönig: stark wie eine Ameise
Das Herzstück der Geschichte trägt einen klugen Namen. Eines Abends saß Oliver am Schreibtisch und suchte nach einem Markennamen. „Ich habe einfach mal geguckt, welches Tier steht für Stärke und ist trotzdem leicht", sagte er. Die Antwort war die Ameise — eines der leichtesten und stärksten Tiere überhaupt. So wurde aus einer Idee der Powerkönig, eine Eigenmarke für Lithium-Eisenphosphat-Batterien, die Wohnmobile und Boote autark machen.
Das clevere Detail: In der Untersitz-Batterie für Reisemobile steckt ein GPS-Tracker mit eingebauter SIM-Karte, der selbst dann noch funkt, wenn der Akku leer ist. Eine Diebstahlsicherung, die man nicht extra einbauen muss. Entwickelt wurde die dazugehörige Software gemeinsam mit einem ehemaligen Studenten der TU Ilmenau. „Das ist tatsächlich zu 100 Prozent Made in Germany. Hier gehostet, hier die Idee zusammengesponnen, hier entwickelt", sagte Oliver stolz. „Da können wir auch wirklich stolz sein."
Inzwischen macht der Powerkönig ein Viertel bis ein Drittel des Umsatzes aus — ein ganzes Geschäftsfeld, neu aufgebaut innerhalb eines bestehenden Unternehmens. Sein Rezept dafür ist denkbar bodenständig: „Man muss einfach machen. Ansonsten macht es ein anderer. Mutig sein und machen", sagte Oliver.
Der große Traum am Erfurter Kreuz
Wer Oliver nach seinen Zielen fragt, bekommt eine klare Antwort. Direkt vor seiner Haustür, am Erfurter Kreuz, produziert der Batteriehersteller CATL, ganz in der Nähe sitzt Marquardt. „Ich hatte immer den Traum, die Batterie Made in Thüringen am Erfurter Kreuz zu machen", sagte Oliver. Noch fehlen die Stückzahlen für eine eigene Produktionslinie — doch der Traum lebt, und er treibt ihn an.
Genauso konkret ist sein Ziel für die nächsten Jahre. Oliver möchte Energie- und Versorgungssicherheit zur vierten großen Stärke des Unternehmens machen. In Österreich versorgt Powerkönig bereits landesweit kritische Infrastruktur wie Polizei- und Rettungsfunk. „Wo möchtest du in fünf bis zehn Jahren stehen? Dann genau da, als Thüringens Nummer eins bei Energie- und Versorgungssicherheit", sagte Oliver. Ein Stromausfall sei eben kein Kinderspiel, und in der Vorsorge stecke noch viel Potenzial.
Was du von Oliver mitnehmen kannst
Olivers Weg ist ein Beleg dafür, dass eine Nachfolge der Startschuss für eine ganze Innovationswelle sein kann. Er hat ein verschlafenes Handelshaus entstaubt, mit eigener Entwicklung veredelt und das regionale Netzwerk als Katalysator genutzt. „Ohne Netzwerk geht gar nichts", sagte er — und meint damit nicht nur Aufträge, sondern echtes Vertrauen, das über Jahre wächst.
Vielleicht ist sein schönster Wunsch zugleich seine wichtigste Botschaft an die Region: „Wir sind ein kleines Bundesland, und nicht diesen Neidfaktor nach vorne zu ziehen, sondern sich als Partner zu verstehen und gemeinsam zu agieren", sagte Oliver. Zusammenhalt über Branchen hinweg, die Stärken des anderen ins eigene Unternehmen integrieren — so wächst Thüringen.
Oliver Steinacker ist ein Eastside Hero, wie er im Buche steht: bodenständig, vernetzt, mutig und voller Stolz auf seine Heimat. Seine Geschichte erzählt davon, dass der größte Sprung oft genau dort beginnt, wo man am wenigsten damit rechnet — bei einem Kaffee im Schulungszentrum. Und sie macht Lust, selbst ins Tun zu kommen.