„Nicht denken, machen" – Was Dr. Emkus aus Gera über Mut, Heimat und Haltung erzählt
Es beginnt mit einer Handbewegung. Markus Hanschke sitzt am Steuer seines Linienbusses, nimmt für einen Moment die Hände vom Lenkrad und winkt in die Kamera. Ein Spaß, mehr nicht. Eine Woche lang passiert nichts. Dann, an einem Samstagabend, schaut er auf sein Handy: 100.000 Aufrufe. Zwei, drei Tage später sind es über zwei Millionen. Der Job als Busfahrer ist weg – und der Weg zu einer Personenmarke mit mehr als 1,2 Millionen Followern auf TikTok ist frei.
Wenn du dich fragst, wie aus einem Geraer Busfahrer der reichweitenstärkste Food-Creator Ostthüringens wird, lohnt sich der genaue Blick. Denn die Geschichte von „Dr. Emkus" ist keine vom großen Glück. Sie ist eine über Haltung, Heimatbindung und die Bereitschaft, einfach anzufangen.
Ein Moment, der alles ins Rollen bringt
„Viele von meinen Kollegen haben damals gesagt, dass mein Potenzial verschwendet ist", sagt Markus. Schon als Jugendlicher lernt er Bürokaufmann, arbeitet nie im Beruf, fährt jahrelang LKW im Fernverkehr und sieben Jahre Bus im Geraer Linienverkehr. Kreativ war er immer, hinaus wollte er auch immer. „Dann habe ich mich halt mal zu weit aus dem Fenster gelehnt – im übertragenen Sinne. Und habe gewunken. Und dann habe ich meine Kündigung gekriegt."
Statt zu hadern, liefert er nach. Erst Busvideos, dann der Geistesblitz: ein Kochvideo, kommentiert im breitesten Thüringer Dialekt. „So rede ich eigentlich gar nicht", sagt Markus. Doch die Leute finden es so gut, dass er weitermacht – ein Kochvideo nach dem anderen. 2021 ist sein Account einer der am schnellsten wachsenden in Deutschland, mit 300.000 bis 400.000 neuen Followern in nur einem Monat. Heute erreicht er über TikTok, Instagram, YouTube, Facebook und Twitch ein Publikum von acht bis achtzig Jahren.
Was du daraus mitnehmen kannst: Der Wendepunkt sah zuerst aus wie ein Rückschlag. Markus hat ihn nicht abgewartet, sondern genutzt.
Heimat als Haltung – der Ostfluencer-Faktor
„Influencer" will er sich gar nicht nennen. „Ostfluencer" trifft es für ihn besser. „Ich bin sehr mit dem Osten verbunden. Das hat aber nichts mit irgendeiner politischen Einstellung zu tun", stellt Markus klar. „Der Osten ist von den Menschen her einfach anders. Es ist viel Solidarität, man hält hier zusammen."
Diese Verbundenheit ist bei ihm kein Marketing-Etikett, sondern Arbeitsprinzip. Wenn er Kooperationen annimmt, sind es meistens Firmen aus dem Osten – Betriebe, die man wieder größer machen kann. „Viele im Osten haben ja noch dieses Made in Germany, was wirklich noch Made in Germany ist", sagt Markus und nennt den Thüringer Senf, dessen Saat 30 Kilometer neben dem Werk wächst und dessen Becher hier recycelt werden. „Ich finde wichtig, dass so etwas lokal bleibt und dass die Firmen wieder mehr Aufmerksamkeit kriegen."
Bemerkenswert ist seine Rechnung dahinter: „Meine Westfirma würde mir das Doppelte oder Dreifache bezahlen für Videos. Aber mir geht es nicht darum, reich zu werden, sondern ich will meinen Spaß dran haben. Und wenn ich dabei noch eine ostdeutsche Firma mitziehen kann, dann reicht mir das völlig aus." Wer Gera kennt – eine Stadt, die nach der Wende viele Einwohner verloren hat – versteht, warum solche Sätze hier mehr bedeuten als anderswo. Markus möchte, dass Gera wieder „als Stern am Himmel wahrgenommen wird, nicht länger als Weltraumschrott".
Authentizität als Geschäftsmodell
Über 40 bis 50 Firmen hatte Markus schon als Kooperationspartner. Trotzdem sagt er regelmäßig ab. Energy-Drinks, Billigware aus Fernost, Briefings, die jeden Satz vorschreiben – alles, was nicht passt, fliegt raus. „Wenn es ein schlechtes Produkt ist, mache ich keine Werbung", sagt Markus. „Ich mache es nur, wenn ich das Produkt selber gut finde."
Dahinter steckt eine klare Geschäftslogik, die viele Creator übersehen. Ein einzelnes bezahltes Video bringe der Firma wenig, erklärt er. Wirksam werde Werbung erst über Zeit und Vertrauen. „Ich habe mir auf die Fahne geschrieben: Ich will mich als Mensch nicht verändern, ich will nicht vergessen, wo ich herkomme, und ich werde die Leute nicht belügen, die das alles möglich machen." Deshalb setzt er auf langfristige Partnerschaften mit ein, zwei Videos im Monat – und auf die Freiheit, Inhalte selbst zu gestalten. „Die wollten ja mich als Influencer, also lassen sie mich auch arbeiten."
Die Psychologie gibt ihm recht: Menschen kaufen, wenn sie eine Botschaft glauben. Genau deshalb baut Markus Werbung so in seinen Alltag ein, dass man sie auf den ersten Blick kaum als Werbung erkennt. Glaubwürdigkeit ist hier kein netter Nebeneffekt, sondern das Produkt selbst.
Mehrere Standbeine, ein Prinzip
Markus hat sein Einkommen klug verteilt – und damit Risiko gestreut. Da sind die langfristigen Kooperationen. Da ist die Monetarisierung der Plattformen, wobei er einen praktischen Tipp teilt: „Geh zu Facebook, mach dort deinen Kanal – du wirst sehen, da machst du richtig coole Einnahmen." Da ist sein D2C-Shop mit den Eigenmarken Royal East, dr.emkus und Emsteff, den er gemeinsam mit seiner Partnerin Steffi aufbaut. Und da ist die Musik: Seit 20 Jahren legt Markus als DJ auf, bringt eigene Tracks heraus und arbeitet gerade an einem Feature mit einem seiner Jugendidole.
Ein Format wie „Der Jobtester" beim MDR lief über zwei Staffeln. Dass es nach der zweiten endete, sieht Markus nüchtern – und denkt schon weiter, etwa über eigene Serienideen mit einem schlanken Video-Team statt klassischem Fernseh-Apparat. Das Muster bleibt überall gleich: Reichweite wird in kontrollierte, eigene Einnahmequellen übersetzt, und die Wertschöpfung bleibt möglichst in der Region.
Ein Herz für die Region
Markus gibt zurück. Er ist Botschafter des Kinderhospizes Mitteldeutschland, einer Einrichtung, die allein von Spenden lebt. „Ein Ort, der dafür sorgt, dass ein Kind für die restliche Zeit, die es noch lebt, ein schönes Leben hat", sagt Markus. „Die sind ja darauf aus, dass das kein Ort zum Sterben ist, sondern ein Ort des Lebens." Über den Geraer Weihnachtsbus, entstanden in der Corona-Zeit, und Aktionen wie einen Weihnachts-Stream auf Twitch sammelt er Geld für den guten Zweck.
Den Antrieb dahinter formuliert er schlicht: „Anderen geht es nicht so gut wie mir." Auch seine Töchter erzieht er in diesem Geist – eine von ihnen gibt ihr Geburtstagsgeld lieber zurück, damit es gespendet wird. Bescheidenheit als Familiensache.
Die ehrliche Seite des Erfolgs
Markus macht kein Hochglanzbild aus seinem Leben. Er spricht offen darüber, dass ihn der ständige Druck, jeden Tag eine „leere Tafel" füllen zu müssen, und der Hass im Netz in eine schwere Phase gebracht haben – bis hin zu Depressionen. Dass er sich therapeutische Hilfe geholt und sich von Menschen getrennt hat, die ihm nicht guttaten, beschreibt er heute als Wendepunkt. „Seitdem bin ich geordneter", sagt Markus.
Diese Offenheit macht ihn nahbar. Sie erinnert daran, dass hinter den Millionen Aufrufen ein Mensch steht, der dieselben Zweifel kennt wie du. Und sie ist eine stille Einladung: Sich Hilfe zu holen, ist keine Schwäche, sondern Stärke.
Hinweis: Dieser Abschnitt berührt ein sensibles Thema. Wenn es dir selbst gerade schwerfällt, sprich mit einem Menschen deines Vertrauens oder hol dir professionelle Unterstützung – du musst da nicht allein durch.
„Hab einfach Mut – und mach"
Würde Markus mit seinem 15-jährigen Ich sprechen, hätte er eine klare Botschaft. „Ich war tot schüchtern, eine richtig kleine Muschi", sagt er und lacht. Erst als Busfahrer, mit dem Mikrofon vor 57 Jugendlichen, fällt die Angst von ihm ab. Sein Rat an jeden, der zögert: „Überleg doch mal, was dein Worst Case ist. Du lebst danach noch, du hast noch beide Arme und Beine. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass die dich nicht gut finden."
Markus bringt es auf eine Formel, die als Schlusswort kaum besser passt: „Mach dich nicht fertig, mach einfach. Nicht denken – machen."
Genau das ist der Stoff, aus dem EASTSIDE HEROES gemacht sind. Kein VC-Millionen-Märchen, kein akademischer Lebenslauf. Sondern Haltung, Heimat und harte Arbeit – aus Gera, für Gera. Und der Beweis, dass moderner Unternehmergeist im Osten kein Widerspruch ist, sondern ein Versprechen.