GRAFE: Vier Brüder, eine Landkarte und ein Stück Thüringen, das die Welt anzieht
Stell dir vor, du sitzt im Westen Deutschlands, hast ein gutes Auskommen, eine schöne Firma im Rücken – und entscheidest dich trotzdem, alles auf eine Karte zu setzen. Genau so fing die Geschichte an, die heute in Blankenhain weitergeschrieben wird. Vier Brüder aus dem westfälischen Rüthen, eine Familie mit Bierbrauer-Tradition über Generationen, nahmen Anfang der 90er eine Straßenkarte zur Hand und fuhren mit dem Finger die Autobahn A4 entlang. Bei Jena hielten sie inne. „Da gehen wir hin", sagten sie. Von Ostdeutschland hatten sie damals kaum eine Vorstellung – aber jede Menge Mut.
Diese Episode der EASTSIDE HEROES handelt von dem, was aus diesem Mut geworden ist. Und von Sebastian Grafe, der heute die Verantwortung übernimmt.
Wenn ein „Nein" zum Antrieb wird
Die Gründungsgeschichte der GRAFE-Gruppe beginnt mit einem Satz, den so vermutlich jeder schon einmal gehört hat: „Das traue ich euch nicht zu." Der Großvater, selbst Unternehmer in der Kunststoffbranche, sah die Führung seines Geschäfts nicht in den Händen der nächsten Generation. Die Antwort der vier Brüder? „Wisst ihr was, wenn ihr uns nicht wollt, dann machen wir es einfach selber. Wir zeigen euch, wie es geht."
Sie zogen in das gerade wiedervereinigte Thüringen, starteten 1991 in Jena und weihten 1995 ihren eigenen Standort in Blankenhain ein. Aus Rücksicht auf den Vater spezialisierten sie sich bewusst nicht auf dessen Geschäftsfeld, sondern auf Farb-Masterbatches – Farbkonzentrate, die Kunststoffe einfärben, und zwar bis in den Kern. Zerbrichst du ein solches Teil, ist die Mitte immer noch rot. Kein Lack, der nur obenauf liegt. Eine kleine Unterscheidung mit großer Wirkung, denn aus dieser Idee wuchs über drei Jahrzehnte ein Mittelständler mit europaweiter Strahlkraft.
Vertrauen als Geschäftsmodell
Wie hält man so eine Konstruktion über 35 Jahre zusammen, wenn vier gleichberechtigte Brüder am Tisch sitzen? Sebastian Grafe bringt es im Gespräch auf einen schönen Punkt: durch klare Rollen und blindes Vertrauen. Der eine ist der kaufmännische Kopf, der andere kümmert sich um Chemie und Entwicklung, der dritte um die Produktion, der vierte um Investitionen. Jeder mit eigenem Feld, niemand kommt dem anderen in die Quere.
„Man kann blind vertrauen", erzählt er. Wenn einer sagt, wir brauchen diese Maschine, dann wird sie gekauft – die einzige Bedingung des kaufmännischen Bruders war stets, zwei Vergleichsangebote zur Hand zu haben, nicht zum Kaufen, sondern zum Verhandeln. Am Ende des Tages hängen rund 250 Existenzen am Standort allein in Blankenhain daran, dass alle an einem Strang ziehen. Dieses Miteinander ist kein weicher Wohlfühlfaktor, sondern das Fundament, auf dem alles steht.
Acht Jahre, keine Abkürzung
Seit Februar 2026 steht Sebastian Grafe offiziell als Geschäftsführer der GRAFE Polymer Solutions im Handelsregister. Doch dieser Schritt kam nicht über Nacht. Sein Weg führte über die Internationale Schule in Weimar, ein Auslandshalbjahr in England, zwei Master in Madrid und Shanghai mit Schwerpunkt Internationales Management, ein Mandat im Verwaltungsrat eines Schweizer Tochterunternehmens – und im Unternehmen selbst über das Innovationsteam ab 2018, den Export und den Vertrieb.
Spannend ist, dass ihn niemand dazu gedrängt hat. „Die Türen sind offen, wenn du Interesse hast, und wenn nicht, dann halt eben nicht", war die Haltung des Vaters. Als Kind wollte Sebastian erst Feuerwehrmann werden, dann Pilot – bis ihm der Flugsimulator zeigte, dass stundenlanges Geradeausfliegen langweilig ist. Irgendwann in der 8. oder 9. Klasse setzte sich ganz ohne Schalterumlegen der Gedanke fest: Hier liegt eine Gelegenheit, die es wäre schade, nicht zu ergreifen.
An seiner Schulzeit hängt er bis heute. Nicht wegen der Formeln, sondern wegen einer Erkenntnis, die jeden weiterbringt: „Das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist gar nicht das Eins-plus-eins-ist-zwei, sondern das Lernen, wie man lernt." Trotz Legasthenie hat ihn seine amerikanische Deutschlehrerin mit ansteckender Begeisterung durchgebracht. Neugier, Dinge hinterfragen, sich Wissen selbst aneignen – das ist das Rüstzeug, das er mitnimmt.
„Made in Europe" – ein eigener Akzent
Wo die Gründer auf „Made in Germany" setzten, formuliert Sebastian eine kontinentaleuropäische Identität: „Made in Europe". Das ist mehr als ein Etikett. Es passt zu Produktion und Lieferketten, die längst über mehrere Länder verteilt sind, und es ist ein selbstbewusstes Bekenntnis der nächsten Generation, eigene Wege zu gehen, ohne das Erbe zu verleugnen.
Der Anspruch an die Produkte bleibt dabei kompromisslos. „Man arbeitet nicht für sich, sondern für die Kunden", sagt Sebastian. Bei rund 5.000 Bestandteilen entstehen jährlich über 25.000 unterschiedliche Rezepturen – maßgeschneidert, oft so genau, dass das menschliche Auge die Unterschiede gar nicht mehr erkennt, das Messgerät aber schon. Und wenn etwas schiefläuft, gilt eine einfache Regel: „Wir sind da. Egal, ob wir schuld sind oder ihr oder irgendein anderer – wir lösen das Problem."
Der zweite Pfeiler: Wenn Kunststoff Holz möglich macht
Es gibt diesen wunderbaren Satz des Großvaters: „Junge, eins musst du im Leben wissen – du musst mit Kunststoff so viel Geld verdienen, dass du dir wieder Holz leisten kannst." Daraus wurde das Spa & Golf Resort Weimarer Land. 2006 erwarb die Familie einen verfallenen Gutshof samt 160 Hektar Land, heute steht dort ein 5-Sterne-Superior-Resort mit 45-Loch-Golfanlage und zwei Sterne-Restaurants – mitten in Thüringen, rund um den alten Gutshof herumgebaut.
Was nach einem Kontrastprogramm zur Polymerchemie aussieht, ist ein durchdachtes zweites Standbein. Und es hat Blankenhain weit über die Region hinaus sichtbar gemacht: Zur EM 2024 schlugen hier die englische und die deutsche Nationalmannschaft ihr Trainingslager auf, ARD, ZDF und BBC im Schlepptau. Geschickt sorgte die Familie dafür, dass von den bereitgestellten Mitteln auch die Stadt selbst profitierte – der Schlossvorplatz, der Marktplatz, ein neuer Fußballplatz für die Gemeinde.
Geld von außen nach Thüringen holen
Hier wird Sebastians Denken besonders greifbar – und es lohnt sich, ihm zuzuhören. Tourismus ist für ihn nicht der Blankenhainer, der mit dem Rad nach Ilmenau zur Bratwurst fährt. Das ist schöne Naherholung. Spürbarer Mehrwert entsteht, wenn der Hamburger, der Berliner, der Schweizer oder der Tscheche überzeugt wird: Komm nach Thüringen, bleib hier. „Wir holen das Geld von außerhalb und sorgen dafür, dass es hier bleibt."
Genau diese Haltung wünscht er sich häufiger im Land. Thüringen hat einen enormen Standortvorteil: landschaftlich reizvoll, mitten in Deutschland, von überall gut erreichbar. Und es hat Menschen, die mit anpacken. Wer Gästen ein gutes Rundumangebot bietet und sie ermuntert, über den Tellerrand zu schauen – nach Weimar, nach Erfurt –, der stärkt die ganze Region. Mehr Angebot, mehr Besucher, mehr sichere Arbeitsplätze. Ein kleines Wirtschaftseinmaleins, das große Wirkung entfaltet.
Dazu passt das Boardinghaus gegenüber dem Werk: 40 Wohneinheiten, in denen neue Fachkräfte – auch aus dem Ausland – ankommen, sich einleben und in Blankenhain Wurzeln schlagen können. Denn, wie Sebastian betont: Je mehr Menschen in Thüringen arbeiten, desto besser geht es dem ganzen Bundesland.
Das Ziel bleibt, der Weg darf sich ändern
Eine Linie zieht sich durch das gesamte Gespräch und beschreibt die Grafe-DNA vielleicht am besten: „Wir sind nicht wie die Deutsche Bahn, die ihr Ziel nach unten korrigiert, wenn sie es verfehlt. Wenn wir ein Ziel nicht erreichen, suchen wir uns einen anderen Weg. Wir ändern den Weg – aber nie das, wo wir hinwollen."
Das ist die Einladung, die diese Geschichte für dich bereithält. Du brauchst keinen perfekten Plan und keine Garantie. Du brauchst eine Richtung, den Mut, loszugehen, und die Bereitschaft, Umwege als Teil der Reise zu sehen. Vier Brüder haben mit einer Landkarte angefangen. Die nächste Generation schreibt jetzt weiter – und Blankenhain zeigt jeden Tag aufs Neue, dass im Osten Großes entstehen kann, wenn Menschen an ihre Sache glauben.