„Stillstand ist das Schlimmste, was dir passieren kann" – Saskia Beyer und die Erfolgsgeschichte der ad hoc Gruppe
Stell dir vor, dein Büro liegt mitten in einem Stadion. Nicht daneben, nicht in Sichtweite – mittendrin. Genau dort, in der ad hoc arena im Ernst-Abbe-Sportfeld in Jena, haben wir die neue Folge EASTSIDE HEROES aufgenommen. Unser Gast: Saskia Beyer, Mitgründerin und Vorständin der ad hoc Gruppe – einer Unternehmensgruppe, die 2013 klein in Gera startete und heute mit über 600 Mitarbeitenden alle Themen rund um die Immobilie abdeckt. Ihre Geschichte erzählt davon, was möglich wird, wenn du deiner Heimat treu bleibst und trotzdem groß denkst.
© ESH; Saska Beyer mit Sebastian Meier
Bleiben als Stärke
Saskia Beyer ist in Triptis aufgewachsen, ging in Neustadt zur Schule – und stand nach dem Abitur vor einer Weiche, die viele aus ihrer Generation kennen: gehen oder bleiben? Eigentlich wollte sie Psychologie studieren. Der Numerus Clausus in Jena machte ihr einen Strich durch die Rechnung, und ein Studienplatz in einer anderen Stadt hätte bedeutet, Familie und Freunde zurückzulassen. Für sie keine Option.
„Ich war nicht bereit, meine Familie und meine Freunde aufzugeben. Und somit musste mein berufliches Umfeld sich dem beugen, was ich wollte", sagte Saskia.
Dieser Satz ist mehr als eine Anekdote. Er ist das Fundament ihrer gesamten Laufbahn. Während viele Gleichaltrige in den Westen zogen, drehte sie die Logik um: Nicht sie passt sich dem Arbeitsmarkt an – der Arbeitsmarkt muss zu ihrem Leben passen. Sie entschied sich für ein BWL-Studium an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena, ganz bewusst mit festem Stundenplan und klaren Strukturen.
Ein Praxissemester führte sie für drei Monate nach Südafrika. Geplant waren sechs. Doch je näher Weihnachten rückte, desto klarer wurde ihr, wo sie hingehört. Sie kehrte zurück – und mit ihr die Gewissheit, dass Ostthüringen ihr Zuhause bleiben würde.
Der Satz, der alles ins Rollen brachte
Nach dem Studium startete Saskia bei einem Dienstleister für die Energiewirtschaft. Sie begann als Sachbearbeiterin, wurde Teamleiterin, übernahm Projekte – und führte nach nur zwei bis drei Jahren rund 150 Mitarbeitende. Eine Bilderbuchkarriere, könnte man meinen. Doch genau an diesem Punkt spürte sie: Da geht noch mehr.
„Glück ist wirklich etwas, was man auch auf Arbeit empfinden sollte", sagte Saskia.
In einem Mitarbeitergespräch sprach sie es offen aus: Sie wolle Geschäftsführerin werden. Die Antwort ihres Vorgesetzten fiel ernüchternd aus – auf diesem Stuhl saß bereits jemand. Und manchmal braucht es genau so einen Moment. Einen kleinen Funken, der nicht mehr ausgeht. Wenn der Weg nach oben versperrt ist, baust du dir eben deinen eigenen.
2013 gründete sie gemeinsam mit ihrem Mitstreiter Micha die ad hoc best services GmbH – ohne Investoren, ohne Vorbilder im Umfeld, ohne Beratungsarmada. Nur mit einem Anwalt für Gesellschaftsrecht und einer großen Portion Mut.
„Wir sind ganz, ganz klein gestartet. Wir waren vielleicht auch nicht immer die Professionellsten, aber wir haben es getan", sagte Saskia.
Selbst den Markennamen „ad hoc" hat sie erfunden. Und dass die ersten Jahre auch Belächeln bedeuteten? Geschenkt. Wer in Ostdeutschland gründet, kennt diese Blicke – und weiß, wie gut es sich anfühlt, sie später eines Besseren zu belehren.
Die Logik hinter dem Wachstum
Gestartet als Dienstleister für die Energiewirtschaft – Abrechnung, Datenpflege, Kundenservice – wuchs die Gruppe Stück für Stück entlang der gesamten Immobilien-Wertschöpfungskette. Heute gehören dazu unter anderem Planung und Architektur, Handwerk und energetische Sanierung, Hausverwaltung, Telekommunikation, Marketing und mehr. Jede Unit besetzt eine Stufe, und über allem sitzt die Holding, die zentrale Aufgaben wie Buchhaltung, IT und Personal bündelt.
„Es braucht die Holding, die die zentralen Themen steuert, koordiniert, die das Bindeglied zwischen all diesen Units ist", sagte Saskia. Der Effekt ist Effizienz pur: keine fünf Personalabteilungen, sondern eine. Die operativen Gesellschaften können sich voll auf ihr Geschäft konzentrieren.
Bemerkenswert ehrlich spricht Saskia dabei über Umwege. Gesellschaftsrechtliche Konstrukte, die nachträglich geradegezogen werden mussten. Geschäftsführer, die nicht zur gemeinsamen Vision passten. Und das wohl spannendste Kapitel: der Ausflug in den eSport. Die Idee dahinter war clever – Gamer bringen Eigenschaften mit, die im Unternehmen wertvoll sind: Schnelligkeit, strategisches Denken, geistige Flexibilität. Die Gruppe baute sogar ein Leistungszentrum. Dann kam Corona, die Marketingbudgets der Sponsoren brachen weg, und der Bereich ließ sich nicht so professionalisieren wie erhofft.
„Man wirft kein gutes Geld dem schlechten nach", sagte Saskia.
Also wurde konsequent abgewickelt. Ideen mutig verfolgen, Ergebnisse nüchtern bewerten, Konsequenzen ziehen – diese Haltung zieht sich durch das gesamte Gespräch. Und sie ist vielleicht eine der wertvollsten Lektionen für alle, die selbst unternehmerisch unterwegs sind: Scheitern in Teilbereichen gehört zum Wachsen dazu, solange du die Suppe selbst auslöffelst und daraus lernst.
Menschen ausbilden, statt nur um Fachkräfte zu konkurrieren
Wenn es ein Thema gibt, bei dem Saskia hörbar auflebt, dann ist es Personal. Das Geschäft der ad hoc Gruppe ist erklärungsbedürftig – „du kannst nur bei uns arbeiten, wenn du uns kennst", sagte Saskia. Deshalb investiert die Gruppe massiv in ihre Arbeitgebermarke und vor allem in Ausbildung. Im vergangenen Jahr begrüßte sie so viele Azubis wie nie zuvor, kaufmännisch wie handwerklich. Jeder neue Jahrgang startet mit einem Azubi-Tag in der Arena, lernt die gesamte Gruppe kennen und sieht von Anfang an: Hier gibt es Entwicklungswege, die ein ganzes Berufsleben tragen können.
Dahinter steht eine größere Vision: eine eigene ad hoc Akademie. Ein IHK-zertifizierter Kurs für Quereinsteiger in die Energiewirtschaft läuft bereits, langfristig soll sogar ein eigener Ausbildungsberuf entstehen – auch wenn der Weg dorthin in Deutschland fünf Jahre und mehr dauert. Saskia, die ehrenamtlich als Vizepräsidentin der IHK Ostthüringen aktiv ist, kennt die Mühlen. Und geht den Weg trotzdem.
Warum dieser Aufwand? Die Antwort kommt ohne Zögern: „Wir wollen natürlich, dass die Menschen in Ostdeutschland bleiben. Wir haben irgendwann mal gesagt, wir wollen ein Denkmal schaffen", sagte Saskia.
Ein Stadion als Statement
Apropos Denkmal: Die ad hoc arena ist längst mehr als eine Werbefläche. Seit 2024 sitzt der Hauptsitz der Gruppe direkt im Stadion des FC Carl Zeiss Jena – und die Arena selbst gewann den internationalen Publikumspreis „Stadium of the Year 2024", noch vor dem Bernabéu von Real Madrid. Das Sportsponsoring der Gruppe reicht aber viel weiter: An jedem Standort werden Vereine unterstützt, vom Breitensport bis zu den Eispiraten Crimmitschau. Mitarbeitende können Herzensprojekte vorschlagen, die dann gefördert werden.
„Wir erwirtschaften Geld mit unseren Mitarbeitern hier in der Region – und dann geben wir auch gerne etwas zurück", sagte Saskia.
Das ist kein Marketing-Bauchgefühl, sondern Teil des Markenkerns: ein familiäres Unternehmen mit einem Durchschnittsalter von 37 Jahren, das Teamgeist nicht nur sponsert, sondern lebt.
Der nächste Schritt: frischer Blick von außen
Die Folge erwischt die Gruppe in einem besonderen Moment: Zum 1. Juni 2026 erweiterte sich der Vorstand um David Fischer – die erste Führungskraft überhaupt, die von extern dazukommt. Bisher sind alle Führungskräfte intern gewachsen. Für die kommenden Jahre stehen Skalierung, der eigene Zehn-Jahres-Plan und der Umgang mit Künstlicher Intelligenz auf der Agenda. Auch hier denkt Saskia zuerst an die Menschen: KI wird Aufgaben verändern, also wird intern umgeschichtet, weitergebildet und transparent kommuniziert – damit niemand auf der Unternehmensreise verloren geht. Die nötige KI-Expertise holt sich die Gruppe übrigens von einem Erfurter Unternehmen. Ostdeutsch bleibt ostdeutsch, auch bei Zukunftstechnologien.
© Marty Lauchart
Trau dich – gerade hier
Zum Abschluss haben wir Saskia gefragt, was sie unseren Hörerinnen und Hörern mitgeben möchte. Ihre Antwort fasst zusammen, wofür EASTSIDE HEROES steht:
„Sie sollen sich trauen, ihre Träume und Wünsche umzusetzen. Das wird nicht immer leicht sein, das wird auch punktuell Opfer bedeuten. Aber sie sollen sich trauen – hier in Ostdeutschland vor allen Dingen. Denn die Ecke ist sehr, sehr lebenswert", sagte Saskia.
Genau darum geht es. Saskia Beyer hat keine Abkürzung genommen, keinen Investor im Rücken gehabt und keinen fertigen Plan in der Schublade. Sie hat eine Entscheidung getroffen – für ihre Heimat – und daraus Schritt für Schritt eine Unternehmensgruppe mit über 600 Menschen aufgebaut.
Die ganze Folge mit Saskia Beyer hörst du jetzt überall, wo es Podcasts gibt. Reinhören lohnt sich – vor allem, wenn du selbst gerade mit dem Gedanken spielst, in Ostdeutschland etwas Eigenes aufzubauen.