Wenn Hände begreifen, was Bildschirme nie können – Steffen Hildebrandt und die Mission von eitech
Ein Kind sitzt am Tisch, in jeder Hand ein Metallteil. Es dreht. Es wartet. Es probiert nochmal. Und dann – ein leises Klicken – sitzt die Schraube. Das Modell steht. Dieser Moment ist kein Like, kein Achievement, kein Pixel. Er ist aus Stahl, aus Geduld, aus der Freude über eine Aufgabe, die die eigenen Hände gelöst haben.
Genau für diesen Moment arbeitet Steffen Hildebrandt jeden Tag.
Als Geschäftsführer der Eichsfelder Technik eitech GmbH im thüringischen Pfaffschwende ist er der Mann hinter einem der bekanntesten deutschen Spielzeughersteller – einem Unternehmen mit über 60-jähriger Geschichte, das sich in einer Zeit, in der Kinderaufmerksamkeit zur meistumkämpften Ressource der Welt geworden ist, konsequent für das Analoge entschieden hat. Nicht aus Nostalgie. Sondern aus tiefer Überzeugung.
In der neuen Episode von EASTSIDE HEROES erzählt Steffen Hildebrandt, wie ein Schraubenzieher zur politischen Waffe werden kann, warum er eine Spielzeugmarke aus Spanien nach Thüringen geholt hat – und was ihn wirklich erschreckt, wenn er heute Kinder beim Spielen beobachtet.
Erbe mit Rückgrat
Eitech ist kein Startup. Es ist eine Geschichte, die sich über Generationen aufschichtet wie die Steine eines teifoc-Hauses – Schicht für Schicht, mit Mörtel und Mut. Und wer verstehen will, warum Steffen Hildebrandt so führt, wie er führt, muss einen Moment bei seinem Vater Hans-Jürgen bleiben.
Kurz vor der Wende wurde Hans-Jürgen Hildebrandt als Betriebsdirektor in Pfaffschwende eingesetzt. Er war der Mann, der als erster gegenüber dem Kombinat Sonneberg klare Kante gezeigt hat – im wörtlichsten Sinne: Er schloss die Werkstore. Die LKWs des Kombinats standen vor dem Betrieb und wurden nicht beladen. Ein Akt, der in der DDR ein heikles Unterfangen war. Das Kombinat ließ ihn nach Berlin zum Wirtschaftsminister zitieren. Die meisten hätten klein beigegeben.
Hans-Jürgen Hildebrandt kam mit sämtlichen Preiserhöhungen durch.
„Diese Gene hat er mir ein Stück weit vererbt", sagt Steffen Hildebrandt im Podcast-Gespräch mit einem Lächeln. „Manchmal bringt es einem Probleme – aber manchmal bringt es einem auch Vorteile."
1992/93 kaufte sein Vater das Unternehmen mit einer Investorengruppe. Steffen verkaufte seine eigene Unternehmung, stieg 1994 ein, zahlte 1996 die Investorengruppe aus und übernahm die volle Verantwortung. Seit 2004 führt er das Unternehmen allein – mittlerweile gemeinsam mit seinem Sohn Markus, der die dritte Generation am Steuer repräsentiert.
Mehr als ein Baukasten – eine Philosophie
Wer eitech nur als Hersteller von Metallbaukästen kennt, kennt erst die halbe Geschichte. Das Unternehmen in Pfaffschwende ist heute eine Familie aus drei Marken, die gemeinsam eine ganze Kindheit abdecken können.
Die eitech-Metallbaukästen sind das Herzstück – Schrauben, Bleche, Verbinder, Hebel, Motoren. Kinder lernen hier nicht Physik aus dem Buch, sondern greifen sie mit beiden Händen an. Buchstäblich: Im Gegensatz zu Steckbausystemen lässt sich ein eitech-Modell nur mit zwei Händen bedienen. Die starke und die schwache Hand müssen zusammenarbeiten. Manche Eltern nutzen diese Eigenschaft sogar gezielt, um herauszufinden, welche Hand bei ihrem Kind die dominante ist.
Die Marke teifoc – 2010 von Steffen Hildebrandt aus Spanien übernommen und kurzerhand nach Thüringen verlegt – bringt mit gebrannten Miniatur-Ziegelsteinen und einem Mörtel aus Maisstärke und Spielsand die Architektur ins Kinderzimmer. Das Haus wird wirklich gebaut. Der Mörtel hält wirklich. Und wenn das Kind irgendwann neu beginnen möchte? Wasser löst den Mörtel auf, die Steine werden getrocknet – und ein neues Haus wartet darauf, gemauert zu werden. „Das erste Mal gesehen – das war wie Liebe auf den ersten Blick. Bei Spielzeug funktioniert das bei mir auf jeden Fall", erzählt Hildebrandt über den Moment, als er teifoc zum ersten Mal sah.
Dann ist da noch sanibac – antibakterielles Spielzeug auf Basis von Biokunststoffen aus Kiefernkernholz, entwickelt für die Allerkleinsten und speziell für Kindergärten und Kitas konzipiert. Ein Produkt, das gesellschaftliche Notwendigkeit mit technologischer Innovation verbindet.
Zusammen decken diese drei Marken eine Altersspanne ab, die kaum ein Konkurrent so konsequent bespielt. Und dahinter steckt keine Marketing-Strategie, sondern eine Haltung: Spielzeug ist ein Werkzeug zum Begreifen der Welt – im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Erschütterung, die man beim Spielen sieht
Steffen Hildebrandt ist Vater von sechs Kindern. Er besucht regelmäßig Endverbrauchermessen, stellt dort Bastelmaterial kostenlos zur Verfügung, beobachtet, was passiert. Dreijährige, die sich am teifoc-Stand setzen und nicht mehr aufstehen wollen. Kinder aller Altersstufen, die sich konzentrieren, ausprobieren, scheitern, neu beginnen.
Aber er beobachtet auch etwas anderes. Etwas, das ihn nicht loslässt.
„Ich habe wirklich schon erlebt, dass Kinder nicht mehr in der Lage waren, die Drehbewegung an einem Schraubenzieher zu machen", sagt er am Ende unseres Gesprächs. Keine rhetorische Übertreibung. Eine Beobachtung.
Die Feinmotorik lässt nach. Wischen, tippen, scrollen – das beherrschen Kinder mit zunehmender Perfektion. Aber das dreidimensionale Handeln, das beidhändige Arbeiten, das geduldige Drehen einer Schraube – diese Fähigkeiten verkümmern dort, wo der Bildschirm früh übernimmt.
Steffen Hildebrandts Appell an Eltern ist klar formuliert: „Vorsicht mit dem Umgang mit Handys. Man sollte wirklich darüber nachdenken, ab wann man dieses Medium einsetzt." Er selbst hat bei seinen Kindern bis zum zwölften Lebensjahr auf Smartphones verzichtet. Keine Ideologie – sondern eine bewusste Entscheidung eines Vaters, der täglich sieht, was auf dem Spiel steht.
STEM in Stahl: Wenn der Baukasten den Lehrplan erfüllt
Was in Pfaffschwende passiert, reicht mittlerweile weit über das klassische Spielzeug hinaus. Gemeinsam mit der Berufsakademie Eisenach hat eitech einen Metallbaukasten entwickelt, der über eine eigene App-Steuerung und eine speziell entwickelte Leiterplatte verfügt – und damit den Physik-, Mechanik-, Programmier- und Elektrotechnik-Lehrplan für die Klassen 9 bis 11 abdeckt.
Auf einer Schulleiterkonferenz Nordthüringens stellte Hildebrandt das System vor. Die Begeisterung war groß. Das Budget der Schulen war es nicht. Ein paradoxer Zustand in einem Land, das iPad-Klassensätze über Landesförderung finanziert, für haptische Bildungstechnologie aber kein Förderprogramm kennt.
„Alle schreien da und keiner macht's", sagt Hildebrandt mit einer Ruhe, die mehr Entschlossenheit verrät als Frust. „Einfach mal machen."
Dieser Satz fällt im Gespräch mehrfach. Er ist keine Floskel. Er ist das Lebensprinzip eines Mannes, der weiß, dass Ideen erst dann zählen, wenn sie gebaut werden – so wie jedes Modell, das in Pfaffschwende entsteht.
Was Pfaffschwende dem Eichsfeld bedeutet
In einer Region, in der Abwanderung und demografischer Wandel seit Jahrzehnten Themen sind, ist eitech mehr als ein Betrieb. Es ist ein Anker. Die Produktion blieb in Deutschland, als die Branche nach Asien zog. Die Arbeitsplätze blieben im Eichsfeld, als es vielerorts einfacher gewesen wäre, auszulagern. Das Stammkapital des Unternehmens wurde aufgebaut, nicht aufgebraucht.
Das Etikett „Made in Germany" ist für Hildebrandt kein Marketingversprechen – es ist eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die mit ihm arbeiten, gegenüber den Qualitätsstandards, die eitech-Produkte regelmäßig mit dem „spiel gut"-Siegel auszeichnen, und gegenüber einer Überzeugung: Dass man Gutes auch unter schwierigen Bedingungen bauen kann, wenn man den Mut aufbringt, nicht zu verbiegen.
„Ich habe mich in meinem ganzen Leben nie verbiegen lassen", sagt Steffen Hildebrandt. Und wer die Geschichte seines Vaters kennt, weiß: Dieser Satz hat im Eichsfeld eine ganz besondere Tiefe.
Jetzt reinhören
Steffen Hildebrandt ist gerade zum ersten Mal – und dieses Jahr sogar ein zweites Mal – Opa geworden. Er freut sich darauf, mit seinem Enkelkind die gesamte eitech-Produktwelt neu zu erleben. „Es gibt keine besseren Hinweisgeber als Kinder", sagt er.
In dieser Episode von EASTSIDE HEROES sprechen wir über Unternehmermut in der DDR, über die Kunst des Begreifens in einer digitalen Welt, über den Sprung von Spanien nach Thüringen und über die Frage, was ein Schraubenzieher mit der Zukunft unserer Kinder zu tun hat.
Jetzt reinhören – und jemandem davon erzählen, dem Hände noch etwas bedeuten.