Zwei Jahre Silicon Valley für Goldbeck: Was Danny Dellit über die Zukunft des Bauens gelernt hat
Goldbeck Innovation Manager und Architekt Danny Dellit aus Thüringen auf dem Goldbeck Innovation Hub in Menlo Park, USA | Foto: Danny Dellit
Ein Architekt aus Thüringen zieht für zwei Jahre ins Silicon Valley. Nicht zu Google, nicht zu irgendeinem KI-Startup, sondern im Auftrag eines deutschen Bauunternehmens. Danny Dellits Aufgabe für Goldbeck: herausfinden, welche Technologien in ein paar Jahren verändern könnten, wie Gebäude geplant, produziert und gebaut werden.
Goldbeck ist für diese neuen Technologien ungewöhnlich gut vorbereitet. Denn das Unternehmen hat lange vor ChatGPT angefangen, eine der zentralen Logiken der Baubranche infrage zu stellen: Warum produzieren wir auf jeder Baustelle immer wieder unter wechselnden Bedingungen Dinge, die sich eigentlich standardisieren lassen?
Genau diese Frage könnte auch für Unternehmen außerhalb der Bauwirtschaft ziemlich relevant werden.
Die Baustelle war für Goldbeck schon früh das Problem
Danny Dellit ist Architekt und seit 2007 bei Goldbeck. Bevor er Innovationsmanager wurde, entwickelte er gemeinsam mit Kunden Gebäude und beschäftigte sich mit Entwurf, Visualisierung und neuen Planungstools. Um zu verstehen, warum ein Bauunternehmen jemanden wie ihn ins Silicon Valley schickt, muss man allerdings zurück zu Firmengründer Ortwin Goldbeck. Dellit beschreibt dessen ursprüngliche Beobachtung erstaunlich simpel: Auf Baustellen wiederholen sich bestimmte Prozesse immer wieder. Trotzdem werden beispielsweise Bauteile unter wechselnden Bedingungen, bei Wind und Wetter, direkt vor Ort hergestellt.
Goldbecks Antwort darauf war die Vorfertigung.
„Warum verschiebe ich das nicht in eine geschützte Halle […] und fertige das einfach vor?“
Die Konsequenz daraus beschreibt Dellit sehr konkret: Qualität lässt sich besser kontrollieren, Materialbedarf wird planbarer und Zeitabläufe werden berechenbarer. Vorgefertigte Teile werden anschließend auf die Baustelle transportiert und dort montiert. Was zunächst wie eine Besonderheit der Bauwirtschaft klingt, ist eigentlich ein ziemlich universelles Business-Prinzip:
Suche im individuellen Geschäft nach wiederkehrenden Prozessen – und verwandle sie in ein System.
Softwareunternehmen machen genau das. Plattformen machen es. Franchise-Systeme machen es. Und Goldbeck macht es mit Gebäuden. Heute produziert das Unternehmen unter anderem Beton-, Stahl-, Fassaden- und Fensterelemente selbst. Das ist wichtig, weil damit etwas entsteht, das in der aktuellen KI-Diskussion häufig vergessen wird: Automatisierung braucht standardisierbare Prozesse. Wer jedes Kundenprojekt komplett neu erfindet, kann KI einsetzen. Wer dagegen große Teile seiner Wertschöpfung systematisiert hat, kann KI und Robotik wesentlich tiefer in sein eigentliches Produktionsmodell einbauen.
Fachkräftemangel ist vielleicht gar kein Recruitingproblem
Dellit verweist im Gespräch auf einen weiteren Effekt der Vorfertigung: Sie kann helfen, Arbeitskräftemangel abzufedern. Mehr Arbeit findet kontrolliert in eigenen Produktionsstätten statt und lässt sich dort stärker automatisieren. Das ist ein bemerkenswert anderer Blick auf den Fachkräftemangel. Die klassische Unternehmensantwort lautet häufig: Wir brauchen besseres Recruiting, eine attraktivere Arbeitgebermarke, höhere Gehälter oder mehr Benefits. Alles richtig. Aber möglicherweise beginnt die wichtigere strategische Frage einen Schritt früher: Warum benötigen wir für diesen Prozess überhaupt so viele Menschen?
Das ist keine Forderung nach möglichst vielen gestrichenen Arbeitsplätzen. In Branchen mit strukturellem Arbeitskräftemangel wird es zunehmend darum gehen, vorhandene Fachkräfte dort einzusetzen, wo menschliche Erfahrung tatsächlich einen Unterschied macht. Standardisierung und Automatisierung sind dann keine Alternative zum Recruiting. Sie sind Teil der Fachkräftestrategie.
Der spannendste KI-Case beginnt beim Architekten
Dellit beschäftigt sich im Silicon Valley unter anderem mit einer Frage, die seinen eigenen Beruf unmittelbar betrifft: Wie sieht der Architekturentwurf der Zukunft aus? Heute investiert ein Architekt erhebliche Zeit in Varianten. Ein Grundriss wird verändert, Flächen werden neu verteilt, anschließend entsteht die nächste Variante. Generative Design könnte diesen Prozess fundamental verändern.
Dellit beschreibt eine Zukunft, in der ein Architekt Anforderungen definiert und ein System daraus zahlreiche Entwürfe generiert. Dabei könnten Faktoren wie Licht, Wind, CO₂-Fußabdruck, Dämmung, Grundrisse und das Zusammenspiel verschiedener Räume berücksichtigt werden. Die Technologie ist laut Dellit noch nicht an diesem ganzheitlichen Punkt. Einzelne Werkzeuge können Teilbereiche bereits abbilden, die umfassende Lösung sucht auch Goldbeck noch.
Der Case zeigt ziemlich gut, wie KI viele Wissensberufe vermutlich zunächst verändert: Nicht der Mensch verschwindet, sondern die Produktion von Optionen wird dramatisch billiger. Der Architekt erstellt dann vielleicht nicht mehr selbst drei Varianten. Ein System produziert 300. Die wertvolle menschliche Leistung verschiebt sich damit vom Produzieren zum Bewerten. Das dürfte nicht nur Architekten betreffen. Marketingverantwortliche, Designer, Entwickler, Strategen und Produktmanager erleben bereits eine ähnliche Verschiebung. Wer bisher dafür bezahlt wurde, Optionen herzustellen, sollte sich deshalb fragen, welchen Wert er künftig beim Auswählen, Bewerten und Entscheiden schafft.
Warum ein herumliegendes Werkzeug zum Robotikproblem wird
Auf Goldbeck-Baustellen wurden bereits unterschiedliche Robotik-Anwendungen getestet. Dellit nennt unter anderem Systeme, die Grundrisse auf Böden übertragen, großflächige Malerarbeiten erledigen oder wiederkehrende Bohrarbeiten übernehmen. Auch Roboter mit Kameras können definierte Wege ablaufen und den Baufortschritt dokumentieren.
Das klingt zunächst so, als wäre die automatisierte Baustelle praktisch schon da. Ist sie aber nicht. Dellit nennt ein wunderbar banales Beispiel: Ein Arbeiter lässt eine Wasserwaage liegen. Für einen Menschen kein Problem. Er geht daran vorbei. Ein Roboter kann daran scheitern.
„Da muss ein Arbeiter einfach mal eine Wasserwaage irgendwo liegen lassen und der Roboter kommt nicht weiter.“
Dann stoppt der Prozess und ein Mensch muss eingreifen. Genau deshalb ist Physical AI für Dellit eines der interessanten nächsten Themen. Maschinen sollen nicht nur eine vorprogrammierte Bewegung ausführen, sondern ihre physische Umgebung interpretieren und auf Veränderungen reagieren. Hindernis erkannt? Dann muss das System selbst eine alternative Route finden und anschließend seine Aufgabe fortsetzen.
Wenn das zuverlässig funktioniert, verändert sich die Wirtschaftlichkeit von Robotik. Die Fabrik war bisher der ideale Ort für Roboter, weil Menschen ihre Umwelt robotergerecht gemacht haben. Physical AI verspricht langfristig das Gegenteil: Roboter könnten lernen, mit einer menschengemachten Umwelt zurechtzukommen. Für Bau, Logistik, Produktion und viele handwerkliche Tätigkeiten wäre das ein gewaltiger Unterschied.
Innovation heißt manchmal auch: den Hype nicht mitmachen
Fast noch lehrreicher ist ein Thema, bei dem Goldbeck offenbar gerade nicht vorne mitlaufen möchte. 3D-Druck von Gebäuden produziert spektakuläre Bilder und entsprechend viel Aufmerksamkeit. Goldbeck hat sich die Technologie laut Dellit angesehen, betrachtet sie für das eigene Kerngeschäft derzeit aber nicht als zentrales Thema.
Warum? Weil bereits Betonwerke, Stahlwerke und entsprechende Produktionsanlagen vorhanden sind. Dellit sieht 3D-Druck deshalb eher für bestimmte Nebenanwendungen wie den Schalungsbau als interessant an. Das ist eine ziemlich gute Lektion für Innovationsverantwortliche.
Die relevante Frage lautet nicht: Was ist gerade innovativ? Sie lautet: Was ist gegenüber unserem bestehenden System tatsächlich besser?
Ein Unternehmen mit einer funktionierenden industriellen Infrastruktur benötigt möglicherweise eine andere Innovation als ein Startup auf der grünen Wiese. Technologie ohne strategischen Fit ist keine Innovation. Es ist im Zweifel einfach teures Spielzeug.
Vielleicht ist Stanford der eigentliche Silicon-Valley-Case
Einer der interessantesten Teile von Dellits Zeit in Kalifornien hat deshalb erstaunlich wenig mit KI zu tun. Goldbeck arbeitet dort mit Stanford University zusammen. Dellit beschreibt eine bemerkenswert direkte Verbindung zwischen Universität und Unternehmen.
Industriepartner bringen Fragestellungen ein, die sie tatsächlich beschäftigen. Daraus können Forschungsthemen oder wissenschaftliche Arbeiten entstehen. Gleichzeitig erhalten beteiligte Unternehmen Zugang zu Arbeiten, Doktoranden und aktuellem Forschungswissen.
Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn Innovation scheitert häufig nicht daran, dass Wissen fehlt. Es befindet sich nur an der falschen Stelle. Die Universität besitzt Forschungskompetenz. Das Unternehmen besitzt reale Probleme, Daten, Kunden und Anwendungsmöglichkeiten. Startups besitzen Geschwindigkeit. Kapitalgeber besitzen Geld. Der eigentliche Vorteil eines Innovationsstandortes entsteht dann möglicherweise daraus, wie schnell diese unterschiedlichen Ressourcen miteinander verbunden werden.
Dellit stellt gleichzeitig klar, dass sich deutsche Universitäten fachlich keineswegs verstecken müssten. Das macht die Frage gerade für Ostdeutschland und Thüringen interessant. Mit Hochschulen und Universitäten in Ilmenau, Jena, Weimar, Nordhausen, Schmalkalden oder Erfurt mangelt es der Region nicht grundsätzlich an wissenschaftlicher Infrastruktur. Die entscheidende unternehmerische Frage lautet vielmehr: Wie viel davon landet tatsächlich in den Produkten und Prozessen regionaler Unternehmen?
Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Diskussion darüber, ob Deutschland genug forscht – und mehr darüber, wie Forschung und Mittelstand ein gemeinsames Betriebssystem bekommen.
Gebäude könnten irgendwann eher Plattform als Immobilie sein
Am Ende unseres gemeinsamen Gesprächs denkt Dellit noch einen Schritt weiter. Er erwartet stärker modular aufgebaute Gebäude. Ein Unternehmen wächst? Dann könnte zusätzliche Fläche durch weitere Module entstehen. Das Unternehmen schrumpft? Module könnten entfernt und möglicherweise anderweitig verwendet werden. Parallel wird das Gebäude technologischer. KI könnte Energie und Licht steuern oder Räume abhängig vom jeweiligen Nutzer konfigurieren. Dellit skizziert sogar Räume, die Nutzerprofile erkennen und beispielsweise Licht, Farben oder Musik entsprechend anpassen.
Natürlich ist ein Teil davon Zukunftsbild und kein heutiger Goldbeck-Standard. Die Richtung ist trotzdem interessant. Denn dann verändert sich möglicherweise irgendwann auch das Geschäftsmodell einer Immobilie. Ein Gebäude ist traditionell ein relativ statisches Asset mit jahrzehntelanger Lebensdauer. Ein intelligentes, modulares Gebäude ähnelt dagegen zunehmend einem Technologieprodukt: Hardware bildet die Basis, Software optimiert den Betrieb, Daten beschreiben die Nutzung und einzelne Komponenten können verändert werden.
Aus Beton wird deshalb nicht plötzlich Software. Aber Software entscheidet zunehmend darüber, wie wertvoll der Beton genutzt werden kann.
Was Unternehmer aus Goldbecks Modell lernen können
Das vielleicht wichtigste Learning aus Dellits Silicon-Valley-Zeit ist deshalb ausgerechnet keines über Silicon Valley. Technologischer Vorsprung entsteht selten dadurch, dass ein Unternehmen möglichst viele neue Technologien einkauft. Goldbecks Modell zeigt vielmehr eine Reihenfolge:
Erst Prozesse verstehen. Dann Wiederholungen erkennen. Dann standardisieren. Dann automatisieren. Und erst danach wird KI richtig interessant.
Wer einen schlechten Prozess mit KI beschleunigt, hat anschließend wahrscheinlich nur einen schnelleren schlechten Prozess.
Und noch etwas lässt sich aus Dellits Geschichte ableiten: Unternehmen müssen Innovation organisatorisch ernst nehmen. Goldbeck schickt einen erfahrenen Architekten nicht für drei Tage auf eine Tech-Konferenz, sondern für zwei Jahre in eines der dichtesten Innovationsökosysteme der Welt. Dort sucht er Startups, besucht Veranstaltungen, arbeitet mit Universitäten und baut Kontakte auf. Das kostet Geld und Zeit. Aber möglicherweise ist genau das der Punkt: Wenn Innovation für das zukünftige Geschäftsmodell wirklich entscheidend ist, sollte sie im Unternehmen auch so organisiert sein. Und vielleicht ist das die unbequemste Frage, die andere Mittelständler aus dem Goldbeck-Case mitnehmen können:
Wer verbringt bei euch eigentlich seine Arbeitszeit damit, herauszufinden, was euer heutiges Geschäftsmodell in fünf Jahren besser machen – oder überflüssig machen – könnte?