„Schlechter kann es nicht werden — da kannst du nur gewinnen" - Sascha Sauer von Diva-e zur Digitalisierung in Thüringen

„Schlechter kann es nicht werden — da kannst du nur gewinnen"

874 Thüringer Unternehmen, der tiefste Digital-Index seit Messbeginn und ein Unternehmer, der 2003 mitten in der Krise gegründet hat. Folge 105 mit Sascha Sauer und Christian Schädlich.

Es gibt in dieser Folge einen Moment, in dem die Stimmung kippt. Nicht ins Düstere — dorthin hätten die Zahlen leicht geführt. Sondern in die andere Richtung. Es geht um Thüringens letzten Platz bei der Digitalisierung, und Sascha Sauer antwortet trocken: „Schlechter kann es nicht werden, da kann man ja nur gewinnen", sagte Sascha.

Diesen Satz solltest du mitnehmen. Nicht als Beschönigung, sondern als Haltung. Genau darum ging es uns bei dieser Aufnahme in Jena.

874 Unternehmen — und das ist die erste gute Nachricht

Der Thüringer Geschäftsklimaindex hat im Juli 2026 eine Rekordbeteiligung erreicht: 874 Unternehmen aus dem Freistaat. Dazu 861 freiwillig geschriebene Kommentare. „Das ist jetzt nicht vergnügungssteuerpflichtig, in so ein kleines Feld etwas reinzuschreiben — wir haben teilweise wirklich Romane bekommen", sagte Christian.

Menschen, die aufgegeben haben, schreiben keine Romane in Umfragefelder. Diese Beteiligung ist der Gegenbeweis zur These vom müden Osten. Hier will eine ganze Unternehmerschaft gehört werden.

Die Lage ohne Schönfärberei

Die Daten selbst sind hart. Bau und Handwerk verbuchen mit einem Trendwert von −46 den zweitschlechtesten Wert seit 2020, jedes vierte Unternehmen dort sieht sich akut in seiner Existenz bedroht. Die Dienstleister liegen ebenfalls bei −46. Nur die Industrie verbessert sich leicht auf −33.

Und ausgerechnet die Branche, die überall als Hoffnungsträger gehandelt wird, trifft es am härtesten: Die Digitalwirtschaft erreicht mit −35 ihren schlechtesten Trendwert seit Messbeginn, der Investitionstrend fällt auf −43. Die akuten Existenzsorgen springen dort um 16 Prozentpunkte nach oben.

Genau deshalb haben wir uns diesen Gast geholt.

„Kein Krisengewinner, sondern eher mittendrin"

Sascha Sauer ist Mitgründer der Jenaer AGETO, heute Geschäftsführer der diva-e NEXT und Managing Director Cloud bei diva-e Conclusion — einem der größten Digitaldienstleister Deutschlands, entstanden aus zwölf Unternehmen und seit 2025 Teil der europäischen Conclusion-Gruppe. Er ist seit den Neunzigern in der Branche, hat Intershop erlebt, zweimal losgelassen und ist trotzdem in Jena geblieben.

Die erste Frage war die unbequeme: Ist eine der größten Digitalagenturen des Landes in dieser Lage nicht eigentlich Krisengewinner?

„Digitalwirtschaft ist definitiv aktuell kein Krisengewinner, sondern eher mittendrin", sagte Sascha. „Wir arbeiten nun mal immer nur für andere Unternehmen. Wenn es unseren Kunden schlecht geht, dann geht es der Branche irgendwann auch schlecht."

Dazu kommen drei Entwicklungen, die parallel auf die Branche einwirken: Offshoring und Nearshoring, also Leistung, die weltweit zu anderen Kostenstrukturen eingekauft werden kann. Cybersecurity, weil Kunden massiv angegriffen werden. Und künstliche Intelligenz, die Effizienz verspricht und Geschäftsmodelle gleichzeitig in Frage stellt. „Wozu brauche ich noch einen gut ausgebildeten jungen Ingenieur, wenn die KI in drei Monaten das Gleiche lernt, wofür er fünf Jahre braucht?", sagte Sascha.

Sein Fazit fällt trotzdem nicht resigniert aus: Die Branche wird sich verändern müssen, und es gibt „ein paar ganz kleine, zarte Pflänzchen, die anfangen zu wachsen und zu gedeihen", sagte Sascha.

Das Jahr 2003 als Erinnerung daran, was möglich ist

Hier wird es für alle interessant, die gerade selbst im Tief stecken. Sascha hat AGETO 2003 gegründet — im Krisenjahr nach dem Platzen der Dotcom-Blase.

„Damals war natürlich unklar, dass das die tiefste Stelle war. Aber es ist schön, wenn man sich von der tiefsten Stelle nur noch nach oben entwickeln kann", sagte Sascha.

Jena hat diese Erfahrung mehrfach gemacht. Nach der Umstrukturierung bei Zeiss entstanden neue Unternehmen. Nach dem Fall von Intershop ebenfalls — AGETO war eines davon. Dieser Standort hat ein Muster: Aus Brüchen entstehen hier Gründungen.

Was die Unternehmen von der Politik wollen

Die Sonderbefragung im Juli liefert die klarsten Werte, die es bisher gab. 85 Prozent fordern einen Umbau der Wirtschaftsförderinstitutionen. 84 Prozent halten die Krisenmaßnahmen der Landesregierung für unpassend. 77 Prozent sehen ohne Eingreifen des Bundes keinen wirksamen Weg heraus.

Und dann der Wert, der eine ganze Debatte beendet: 73 Prozent lehnen die These ab, das Problem der deutschen Wirtschaft sei ein Mangel an Optimismus.

„Wenn ich unsere politischen Fragen in einem Satz zusammenfassen müsste: Das ist eine Absage an ein Weiter so", sagte Christian. Die Betriebe hoffen also weiterhin auf Politik — sie sind nur enttäuscht von dem, was ankommt.

Was konkret fehlt, wird im Gespräch sehr greifbar. Bürokratie steht mit 76 Prozent erstmals an der Spitze der Herausforderungen, vor den Energiepreisen mit 64 Prozent. Sascha macht es an einem Beispiel fest, das jeder Gründer kennt: „Ich habe letztes Jahr eine neue Firma gegründet. Früher hattest du deine GmbH mit überschaubarem Aufwand in wenigen Tagen. Das dauert jetzt Wochen", sagte Sascha. Dazu ein Grundbucheintrag, der anderswo in Tagen erledigt ist und in Thüringen bis zu einem Jahr dauern kann.

Seine Antwort auf die Schlussfrage, was seine Branche braucht, ist entsprechend kurz: „Eine funktionierende Verwaltung wäre schon ganz gut. Und weniger Bürokratie", sagte Sascha. Denn Standortwahl funktioniert heute anders als früher: „Lange war die Frage, wo finde ich die besten Leute. Heute ist die Frage eher, wo finde ich die besten Rahmenbedingungen, wo kann ich am schnellsten loslegen und am freiesten agieren", sagte Sascha.

Der Lichtblick, über den kaum jemand spricht

Und jetzt die Zahl, die in dieser Erhebung untergeht — zu Unrecht.

Während die allgemeinen Investitionen am Boden liegen, gehen die Digitalinvestitionen quer durch alle Branchen nach oben. Die Industrie erzielt mit einem Trendwert von 36 den höchsten Wert für digitale Anschaffungen seit Beginn der Messung. Die Dienstleister erreichen 35, den besten Wert seit Corona. Selbst Bau und Handwerk legen auf +15 zu.

Betriebe, die bei Maschinen und Personal bremsen, geben bei Digitalisierung Gas. Das ist keine Verzweiflungstat, sondern eine Priorisierung — und zwar genau die richtige.

Wie du daran andockst, hat Sascha in einen Satz gepackt: „Du musst heute nicht mehr überlegen, was du selbst machen kannst, sondern zuerst, was die KI machen kann. AI first denken, das ist die Herausforderung", sagte Sascha. Dazu kommt ein zweiter Markt, der gerade entsteht: „Ich glaube, es gibt kein Unternehmen mehr, das sich nicht mit Souveränität beschäftigt", sagte Sascha über die Frage europäischer Unabhängigkeit bei Daten und Cloud.

Warum der Vergleich mit 1994 Mut macht

Den schönsten Perspektivwechsel liefert Sascha zum Schluss. Er erinnert an die Kommerzialisierung des Internets: „1994 hieß es, wir werden alle untergehen, große Untergangsstimmung. Ganz im Gegenteil, es sind ganz viele Arbeitsplätze entstanden. So ähnlich wird es auch mit der KI-Branche möglich sein", sagte Sascha.

Was Thüringen dafür braucht: die vorhandenen Stärken bündeln — die Digitalhistorie seit Intershop, die Universität Jena, die ab Oktober auf den Exzellenzstatus hofft, und die Verbindung von KI und Robotik. Dazu „ein paar interessante neue Gründer, die den Staffelstab aufnehmen und mutig vorangehen", sagte Sascha. Und ein Ende der Standortkonkurrenz im eigenen Land: „Ich sehe Thüringen als einen Standort. Ein Wettkampf zwischen Standorten innerhalb des gleichen Bundeslandes ist kontraproduktiv", sagte Sascha.

Christian setzt den konkreten Arbeitsauftrag dazu: erst die vorhandenen KI-Unternehmen am Standort fragen, was sie brauchen, sie mit Optik und Hightech vernetzen — und dann eine Strategie bauen. Sein Schlusswort ist das beste Zitat der Folge: „Mehr Lothar Späth wagen. Und die Frage an die Politik: Hatte Lothar Späth keine Enkel?", sagte Christian.

Was du mitnehmen kannst

Die Beteiligung ist so hoch wie nie. Die Forderung ist eindeutig. Die Digitalinvestitionen steigen. Und ein Unternehmer, der schon einmal am Tiefpunkt gegründet hat, sagt dir, dass genau dort die Richtung nur eine sein kann.

Was fehlt, sind Verbindungen zwischen denen, die wollen, und denen, die können. Dafür gibt es uns: EASTSIDE HEROES, von der Wirtschaft für die Wirtschaft, unabhängig und politikfrei. Wir warten nicht auf Reformen — wir vernetzen in der Zwischenzeit.

Folge 105 mit Sascha Sauer und Christian Schädlich hörst du überall dort, wo es Podcasts gibt.

 

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Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

Als Nerd für Künstliche Intelligenz und Automatisierung berät Sebastian regelmäßig Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation.

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