Eins plus eins ist drei: Wie Pierre Beer die GETT Group aus Treuen/Vogtland heraus international aufstellt

Pierre Beer kannte die GETT Gerätetechnik zuerst aus der Bankperspektive. Heute führt er das Unternehmen aus dem Vogtland gemeinsam mit zwei Partnern, mit Standorten in Hongkong, Shenzhen und Houston, einer 4-Tage-Woche und KI in jeder Abteilung. In Folge 107 des EASTSIDE HEROES Podcasts erzählt er, warum die internationale Aufstellung die Arbeitsplätze in Treuen stärkt.

Würdest Du Dir selbst einen Kredit geben? Mit dieser Frage startete unser Gespräch in Treuen, und Pierre musste nicht lange überlegen. „Ich würde jeden Tag bei mir nachfragen, um den Kredit endlich ausreichen zu dürfen“, sagte Pierre lachend.

Hinter dem Scherz steckt eine klare Begründung. GETT arbeitet seit Jahren kontinuierlich daran, sich zu erneuern, zu digitalisieren, neue Produkte zu entwickeln und international zu wachsen. Und das in einem Markt, der weiter an Bedeutung gewinnt: der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

GETT entwickelt und fertigt robuste Industrietastaturen, Hygiene- und Glastastaturen, Touchpanels und Panel-PCs. Überall dort, wo Menschen Maschinen oder Geräte bedienen und es nicht um das klassische Büro geht, ist das Unternehmen zu Hause. Angefangen hat alles 1996 in einer Garage in Mahnbrück.

Pierre Beer hat GETT nicht gegründet, sondern 2013 gemeinsam mit Tino Pietzsch und Steve Möckel übernommen. Seine Geschichte erzählt von Nachfolge, Perspektivwechsel und dem Mut, Neues auszuprobieren.

Der Seitenwechsel: Als Geld zum Hygienefaktor wurde

„Ich bin gebürtiger Karl-Marx-Städter, die Stadt mit den drei O“, sagte Pierre über seine Wurzeln. Er studierte Bankwirtschaft und betreute danach als Firmenkundenbetreuer Unternehmen in Südwestsachsen. Rund fünf Jahre lang gehörte auch GETT zu seinen Kunden.

Den Wechsel hatte er nicht aktiv gesucht. Ein Unternehmensberater sprach ihn an: GETT war auf 100 bis 130 Beschäftigte gewachsen und brauchte mehr Professionalität, vor allem im Finanzwesen. „Willst Du die nächsten 30 Jahre weiter Bilanzen lesen und Firmenkunden beraten, oder hast Du Lust, auch etwas anderes auszuprobieren?“, sagte Pierre über die Frage, die er sich damals stellte.

2011 folgte er dem Ruf der Industrie und wechselte als kaufmännischer Leiter zu GETT. „Ich habe das keine Sekunde bereut“, sagte Pierre.

Auf der anderen Seite des Tisches lernte er schnell dazu. Als Banker war er mit dem Selbstverständnis unterwegs, den Geldkoffer in der Hand zu halten. „Ich habe schon nach wenigen Wochen gemerkt, dass ein Konto, Kredite und liquide Mittel einfach nur ein Hygienefaktor sind“, sagte Pierre.

Was zählt, entsteht im Geschäft selbst. Daraus nahm er den Wert eines Perspektivwechsels mit und eine gewisse Bescheidenheit, die er sich bis heute bewahren möchte.

Ein Buy-out, für das sich die Belegschaft starkmachte

Als Gründer Tobias Möckel 2013 seine Nachfolge regelte, lag auch das Angebot eines Investors aus dem europäischen Ausland auf dem Tisch. Nach Pierres Einschätzung war es finanziell sogar das bessere. Doch die Belegschaft sprach sich aus eigener Initiative dafür aus, dass die Nachfolge lokal bleibt, und das gab den Ausschlag für den Management-Buy-out.

Als vierter Partner war der Wachstumsfonds Mittelstand Sachsen an Bord, ein regional agierender Fonds, der solche Übernahmen erst möglich macht. „Wenn wir über Heroes sprechen, würde ich das GETT-Team, die ganzen Heldinnen und Helden, die wir hier haben, ganz vorn hinstellen“, sagte Pierre. „Ohne das Team hätte die Übernahme nicht geklappt.“

Die ersten Jahre als Unternehmer forderten ihn heraus. „Ich hatte den Anspruch, über alles Bescheid zu wissen, jede Entscheidung zu kennen und überall mitzureden“, sagte Pierre. Bei einer Organisation dieser Größe stößt man damit schnell an Grenzen, auch körperlich.

Hinzu kam eine Belegschaft, die eine stark hierarchische Führung gewohnt war. Die Tür aufzumachen reichte nicht, viele blieben zunächst in ihrem gewohnten „Gehege“ stehen. Schritt für Schritt wurde Pierre so zum Gestalter, der Freiräume schafft und eine klare Vision vorgibt: Mensch-Maschine-Beziehungen gestalten, „egal ob an der Kaffeemaschine oder an der Fräsmaschine“.

Zum Schmunzeln: Im Kreuzworträtsel wird der Vogtländer gern als „zänkisches Bergvolk“ gesucht. Pierre erlebte bei GETT das Gegenteil: Herzlichkeit, Offenheit und Freundlichkeit, die er schon als Banker gespürt hatte.

Eins plus eins ist drei: Treuen, Shenzhen und Houston

Das klassische Tastaturgeschäft verändert sich. Viele Maschinen werden heute über Touchscreens bedient, das Geschäft mit großen OEM-Kunden ist hart umkämpft, und ein Großteil der Elektronikkomponenten kommt aus Asien. GETT stellte sich deshalb die Frage, wer das Unternehmen in Zukunft sein will.

Eine Antwort: dort präsent sein, wo die Lieferketten liegen. 2014 entstand das Asien-Headquarter in Hongkong, 2015 die Fabrik in Shenzhen, in der heute knapp 50 Menschen arbeiten. „Das ist längst keine verlängerte Werkbank, sondern ein Innovations- und Produkttreiber“, sagte Pierre.

Über das Sourcing für europäische Kunden ist zudem ein eigener Geschäftszweig gewachsen. Manche Neukunden kaufen zuerst eine Komponente und sprechen danach über ihr komplettes HMI-System. Shenzhen macht preissensible Großprojekte wettbewerbsfähig.

Treuen punktet dort, wo Sicherheit zählt: Controller und Software entstehen im eigenen Haus, Varianten und Kleinserien montiert das Team in einer Industriemanufaktur per Hand. „Ich spreche gern von der Formel: Eins plus eins ist drei“, sagte Pierre. „Das macht uns als Gruppe deutlich robuster.“

In den USA ist GETT seit 2007 mit einem Vertriebsstandort aktiv. Die Entscheidung, mit eigener Fertigung in Houston mehr Wertschöpfung in die USA zu holen, fiel aus strategischen Überlegungen, bevor die Zolldebatte Fahrt aufnahm. Local-for-local verkürzt Lieferketten, schont Ressourcen und hält das Unternehmen handlungsfähig, wenn sich Märkte abschotten.

Als Hellseher sieht sich Pierre trotzdem nicht. „Ich gehe sicher nicht her und sage, ich habe genau gewusst, dass das so kommt. Das wäre vermessen“, sagte Pierre. „Aber in dem Moment, in dem man sich konsequent Gedanken macht, erhöht sich die Chance, dass gute Entscheidungen dabei sind.“

Für Dich als Unternehmer steckt darin eine ermutigende Botschaft: Gute Strategie braucht keine Glaskugel, sondern Szenarien und Konsequenz.

Parallel wächst GETT ins Lösungsgeschäft hinein. Früher lieferte das Unternehmen sinngemäß das Smartphone ohne Betriebssystem und Apps, heute kommt die Software mit. Daraus entstehen Lösungen für die Digitalisierung von Fabriken, für Anmeldeprozesse in Arztpraxen oder für das digitale Rathaus.

36 Stunden an vier Tagen: Das Team hat entschieden

Seit Herbst 2023 arbeitet GETT 36 Stunden an vier Tagen bei vollem Lohn. Dahinter steht eine nüchterne Rechnung: Die Produktionskosten für Tastaturen, die GETT seit über 20 Jahren baut, haben sich verdoppelt bis verdreifacht. Ein reiner Wettlauf über höhere Löhne würde die Produkte irgendwann unverkäuflich machen.

Gleichzeitig wünschen sich viele Fachkräfte eine andere Balance, gerade in jüngeren Generationen. „Ich persönlich bin kein Freund der Formel: Mehr Arbeit bringt mehr Leistung“, sagte Pierre.

Corona wirkte wie ein unbewusster Testballon, danach folgte ein offizieller Testzeitraum mit weniger Meetings und konsequenter Digitalisierung. Bei jedem Schritt entschied die Belegschaft mit: fünf kürzere Tage, Montag frei oder Freitag frei. Über 80 Prozent wählten nach dem Test vier Tage à neun Stunden.

Pierre bleibt dabei ehrlich. Wer ein Produkt seit 20 Jahren fertigt, wird nicht über Nacht zehn Prozent effizienter, manchmal braucht es zusätzliche Leute, und auch das schafft Arbeitsplätze. Braucht ein Kunde freitags ein Projektmeeting oder muss produziert werden, ist das Team da.

„Dafür stehen wir unternehmerisch: eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der sich die Leute wohlfühlen“, sagte Pierre. „Aber bei uns müssen alle auch leisten.“

KI in jeder Abteilung, Handarbeit in der Fertigung

Digitalisierung ist bei GETT seit Jahren eine strategische Säule, auch weil sie Bürokratie und Compliance-Aufwand abfedert. Heute gibt es einen Chief Digital Officer, KI-Workshops in jeder Abteilung und eine DSGVO-konforme KI-Plattform, gehostet in Deutschland. Einige Anwendungen hat das Team mit Claude Code selbst geschrieben.

Ein Beispiel: KI durchsucht Stücklisten und findet Produkte, die zu 90 Prozent kompatibel sind. Aus drei Produkten wird eines, die Skaleneffekte steigen. „Das ist bei uns nicht nur ein Thema nach dem Motto: Formulieren wir mal die E-Mail“, sagte Pierre. „Das greift sehr tief in unsere Wertschöpfungsprozesse ein.“

Und die Roboter? Automatisierungsfirmen, die in Treuen alles automatisieren wollten, gingen meist nach zwei Stunden ernüchtert wieder. Pierre schätzt die menschliche Arbeit, Robotik ergibt für ihn dort Sinn, wo Menschen fehlen oder Tätigkeiten belastend sind.

Für GETT bleibt Robotik trotzdem eine Chance, denn auch ein Schwarm humanoider Roboter braucht ein Operator-Panel. „Dann sind 19 grün und einer ist rot, und da weiß man: Den muss ich mal auf die Schulter klopfen“, sagte Pierre.

Neue Ideen sammelt GETT systematisch, mit KI-gestützten Webcrawlern, Lieferantengesprächen und einem Innovationsfunnel. Den Anstoß gab vor rund zehn Jahren ein Start-up aus der Region, das heute ebenfalls zur EASTSIDE HEROES Community gehört.

„Wenn jetzt Leute zuhören, die sagen, Usability von morgen ist genau unser Ding, dann sprecht uns bitte an“, sagte Pierre.

Zehnkampf statt Einzeldisziplin

Zum Abschluss nannte Pierre den Satz, mit dem ihn viele inzwischen verbinden: Im Mittelpunkt steht der Mensch. Jede Innovation und jede Prozessänderung muss von Menschen gemacht, gelebt und akzeptiert werden. Transformation umfasst für ihn deshalb Kultur, Technologie, Prozesse, Ökosystemdenken und Weltoffenheit.

„Insofern ist das Thema für mich eher ein Zehnkampf und keine Einzeldisziplin“, sagte Pierre.

Wenn Du gerade selbst vor einer Nachfolge, einem neuen Markt oder einem neuen Arbeitszeitmodell stehst, lohnt sich dieser Blick nach Treuen. GETT steht für einen ostdeutschen Mittelstand, der gestaltet: verwurzelt im Vogtland, vernetzt mit der Welt und getragen von einem Team, das 2013 selbst für seine Zukunft eingetreten ist.

Die komplette Folge 107 mit Pierre Beer hörst Du im EASTSIDE HEROES Podcast.

Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

Als Nerd für Künstliche Intelligenz und Automatisierung berät Sebastian regelmäßig Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation.

Profitiere von Sebastians einzigartigem Netzwerk und Erfahrungsschatz: Verbinde dich jetzt auf LinkedIn und werde Teil einer neuen Generation erfolgreicher ostdeutscher Unternehmer.

www.linkedin.com/in/eastsideheroes

Weiter
Weiter

Zwei Jahre Silicon Valley für Goldbeck: Was Danny Dellit über die Zukunft des Bauens gelernt hat