Vom Forschungslabor zum F&E-Zentrum: Wie Konrad Wenzel ein Uni-Spin-off auf die globale Geo-Tech-Landkarte brachte

Wer heute über digitale Zwillinge spricht, denkt an urbane Infrastruktur, Echtzeitdaten und hochautomatisierte Planungssysteme. Was viele dabei vergessen: Diese Systeme brauchen eine technologische Grundlage – und die entsteht nicht im Silicon Valley, sondern oft in stillen Institutsbüros irgendwo in Deutschland. Der aus Erfurt stammende Konrad Wenzel hat genau dort angefangen: an der Uni Stuttgart, als Doktorand mit einem Faible für 3D-Rekonstruktionen. Heute leitet er das Forschungs- und Entwicklungszentrum von Esri, dem weltweiten Marktführer für Geoinformationssysteme.

Konrad Wenzel, Director Esri R&D und Gründer nFrames stammt ursprünglich aus Erfurt und verkaufte sein Startup für 3D Kartierung 2020 an ESRI, eines der weltweit größten Softwarehersteller für Geoinformationssysteme.

Seine Softwarelösung nFrames wurde aus dem akademischen Kontext heraus gegründet – nicht als Dienstleister, sondern als skalierbares Produkt. Und genau das macht diesen Case so relevant: Es geht nicht um schnelles Fundraising, sondern um strukturiertes Wachstum, um kluge juristische Entscheidungen, um den Unterschied zwischen Eigentum und Abhängigkeit. Wenzel hat sein Unternehmen nicht verkauft, weil er „raus“ wollte – sondern weil es strategisch passte. Sein Weg ist kein Einzelfall, sondern eine Blaupause für technologiegetriebene Spin-offs, die sich nicht verbiegen lassen wollen.

Gerade jetzt – in einer Zeit, in der sich viele Deep-Tech-Startups zwischen Ausschreibungslogik und Risikokapital aufreiben – zeigt sein Fall, dass es auch anders geht. Dass Klarheit im Modell, Nähe zur Industrie und technologische Tiefe ein Exit-Vektor sein können, der nicht auf Druck, sondern auf Passung basiert.

Konrad Wenzel ist kein Seriengründer, kein Ex-Berater mit Tech-Ambitionen, sondern ein tief technischer Mensch mit unternehmerischer Haltung. Die erste Kamera bekam er mit zwölf, früh experimentierte er mit Fotogrammetrie und digitalen Bildwelten. Als Student an der Uni Stuttgart entdeckt er ein Open-Source-Tool der NASA, das ihn nicht mehr loslässt: WorldWind. Eine Art Vorläufer von Google Earth – aber offen, manipulierbar, inspirierend. Von da an wird klar: Seine berufliche Zukunft liegt in der visuellen Rekonstruktion von Raum.

Verhandeln und langfristig denken

Entscheidend ist ein Punkt, der bei vielen Forschungsausgründungen schiefläuft: Wenzel und sein Mitgründer Matthias erkennen früh, dass ihr Code Substanz hat – und dass es sich lohnt, statt eines kurzfristigen Honorars von 5.000 € lieber die IP-Rechte zu sichern. Sie verhandeln mit der Universität, klären die rechtlichen Rahmenbedingungen und gründen nFrames noch während der Promotion. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Viele akademische Projekte verschwinden genau an dieser Stelle – zwischen juristischer Unsicherheit und fehlendem Vertriebsansatz.

Wenzel dagegen zieht durch – und steht 2015 vor dem ersten echten Bruchmoment: Die Kasse ist leer, der Markt zäh. Also lernt er Vertrieb. Nicht als LinkedIn-Guru, sondern am Telefon, im 1:1 mit potenziellen Kunden. Er beschreibt diese Phase als brutal, aber formend: „Da habe ich verstanden, dass Vertrieb nicht Tricksen ist – sondern Verstehen.“

Ein Jahr später zahlt sich diese Haltung aus. Die ersten sechsstelligen Lizenzverträge kommen. Der Service-Anteil bleibt bewusst niedrig. Wenzel will ein Softwareprodukt bauen – nicht ein Projektteam managen. Diese Entscheidung zieht sich durch bis zum Exit.

nFrames entwickelt „SURE“ – eine Software, die aus 2D-Fotos vollautomatisch hochpräzise 3D-Modelle erzeugt. Der Clou: Sie ist robuster, schneller und speicheroptimierter als viele bestehende Lösungen – und damit vor allem für große Luftbildmengen geeignet. Kunden sind Landesvermessungsämter, Infrastrukturbehörden, Versorger, Forstbetriebe. Heute nutzen 14 von 16 Bundesländern die Software.

Das Geschäftsmodell ist klassisch SaaS – aber mit Tiefe: Lizenzverkauf, optionaler Support, keine projektbasierten Individualanpassungen. Diese Fokussierung schützt die Firma vor dem Dienstleistungssog, der viele Tech-Teams von der Produktentwicklung ablenkt. Wenzel spricht offen über diese Versuchung: „Wir hätten locker Millionen in Services machen können – aber dann wären wir nie international geworden.“

Die Internationalisierung kommt ohnehin: USA, Japan, China, Australien – teils direkt, teils über Partner. Der Zugang zum Markt erfolgt oft über Bildfluganbieter, die SURE als Produktbaustein integrieren. So entsteht ein Ökosystem, ohne dass nFrames selbst in jeder Region präsent sein muss.

Die Teamgröße bleibt schlank, unter 20 Mitarbeitende. Der Support ist effizient organisiert. Die Updates kommen in festen Zyklen. Technologisch bleibt SURE führend – auch, weil das Unternehmen keine Parallelstränge verfolgt, sondern seinen Kern immer weiter optimiert.

Takeaways

  1. IP first: Der Verzicht auf kurzfristiges Geld zugunsten langfristiger Rechte war der strategisch wichtigste Schritt. Ohne eigene IP kein echtes Spin-off – und keine Verhandlungsposition beim Exit.

  2. Vertrieb ist Handwerk, kein Charisma-Spiel: Wenzel hat Vertrieb nicht delegiert, sondern gelernt. Der Erfolg kam nicht durch Glück, sondern durch Struktur, Telefonate, Nachfragen. Das können viele Tech-Gründer:innen übernehmen.

  3. Software only ist schwer – aber lohnend: Der Fokus auf ein Produkt (statt Serviceprojekte) verlangte Disziplin. Aber er zahlte sich aus durch Internationalisierbarkeit, Skaleneffekte und klare Kostenstruktur.

  4. Früh skalieren heißt oft: spät wachsen: nFrames hat erst skaliert, als das Produkt technisch stabil und rechtlich sauber war. Ein späteres Go-to-Market – aber dafür nachhaltiger.

  5. Technologische Tiefe schlägt Storytelling: Während andere mit Visionen pitchen, hat Wenzel lieber Features gebaut. Die Story kam danach – über Anwendungsbeispiele, nicht über Claims.

  6. Exit als Integration, nicht als Absprung: Der Verkauf an Esri war kein Befreiungsschlag, sondern eine Weiterentwicklung. Wenzel ist geblieben – als Leiter des F&E-Zentrums. Ein Modell, das zeigt: Ein Exit muss nicht das Ende sein.

  7. Coaching statt Hustle-Mythos: Wenzel spricht offen über mentale Tiefs, Coachingphasen, Gründerüberforderung. Und über das Vertrauen im Gründungsteam – als stabilstes Asset.

Mein EASTSIDE HEROES Statement

  1. Was sagt dieser Case über den Markt? Zuerst: Geo-Tech ist ein Zukunftsmarkt. Digitale Zwillinge, Stadtmodelle, Katastrophenschutz – überall braucht es belastbare 3D-Daten. Das Geschäft ist zäh, aber langfristig. Wer hier führend ist, sitzt am Tisch, wenn Städte umgebaut oder Infrastruktur neu gedacht wird.

  2. Zweitens: Der Trend zu IP-getriebenen Spin-offs wird zunehmen. Gerade im Universitätsumfeld entstehen viele starke Technologien – aber sie scheitern oft an Transfermodellen, Förderlogik oder Gründerangst. Wenzels Weg zeigt: Wer bereit ist, früh Verantwortung zu übernehmen, kann sich strukturelle Vorteile sichern.

  3. Drittens: Die Geschichte ist ein Kontrapunkt zum VC-getriebenen Wachstumsmodell. Kein Unicorn-Label, kein Blitzscaling – dafür solide Technologie, reale Kunden und ein Exit an einen globalen Player, der das Produkt weiterentwickelt, nicht wegintegriert.

  4. Und viertens: Die Rolle von Plattformen wie Esri wird in Zukunft eher zunehmen. Wer seine Lösung früh an deren Ökosystem andockt, sichert sich langfristige Sichtbarkeit – und wird zum strategischen Baustein in deren Wertschöpfung.

Was bleibt hängen? Dass man nicht laut sein muss, um weit zu kommen. Dass Vertrieb lernbar ist. Und dass Softwareprodukte nicht aus Ideen entstehen – sondern aus wiederholbarer Exzellenz.

Konrad Wenzel hat mit nFrames kein Unternehmen „gebaut“, sondern ein System verstanden – und daraus ein Werkzeug gemacht. Er hat nicht den schnellsten, aber vielleicht den klügsten Weg genommen. Weil er wusste, worauf es ihm wirklich ankommt: Kontrolle, Tiefe, Wirkung.

Und weil seine Geschichte zeigt: Auch in Erfurt beginnt manchmal globale Technologiegeschichte – wenn man sie zu Ende denkt.

Moritz

Moritz ist Mitgründer von EASTSIDE HEROES und der E-Commerce-Marke “No Coffee”. Zuvor war er CEO der Influencer-Marketing-Software IROIN®. Mit seiner Expertise im Digital- und Influencer-Marketing sowie in SaaS-Geschäftsmodellen treibt er die digitale Transformation und Vernetzung von Unternehmen in Ostdeutschland voran. Er hat ein tiefes Verständnis für die Herausforderungen und Chancen der Region und setzt sich leidenschaftlich dafür ein, Ostdeutschland als dynamischen Wirtschaftsstandort zu etablieren und innovative Lösungen voranzutreiben.

https://www.linkedin.com/in/moritz-wasserek
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