Der Vollblutunternehmer, der zufällig Steuerberater wurde – Ronald Enke aus Jena

Wie aus 900 handgefalteten Briefen eine Kanzlei mit über 50 Mitarbeitenden wurde – und warum Ostdeutschland genau solche Geschichten braucht

September 2009. Ein kleines Büro in Jena, frisch angemietet, auf der grünen Wiese. Drinnen steht ein junger Mann allein, mit Bilanzbuchhalter-Brief, Diplom-Kaufmann-Titel und der gerade bestandenen Steuerberaterprüfung. Draußen wartet niemand auf ihn. Kein Mandant, keine Empfehlung, keine Reputation. Nur eine Überzeugung: „Mir war eigentlich immer klar, dass ich selbstständig werden muss. Es war alternativlos.“

Heute, gut anderthalb Jahrzehnte später, sitzt derselbe Mann in seinen neu hinzugemieteten Büroräumen am Markt 22 in Jena. Um ihn herum: über 50 Mitarbeitende an drei Standorten, fünf zugelassene Steuerberaterinnen und Steuerberater, eine Holding-Struktur mit mehreren Gesellschaften, eine eigene Marke für die digitale Beratung, eine Stiftung für den ländlichen Raum und ein Hobby-Radsportteam, das durch ganz Mitteldeutschland fährt. Sein Name: Ronald Enke. Sein Selbstverständnis: „Ich bin ein Vollblutunternehmer, der durch Zufall Steuerberater geworden ist.“

In der neuen Episode des EASTSIDE HEROES Podcasts erzählt Ronald, wie aus dem 800-Briefe-Marketing die heute größte inhabergeführte Kanzlei im Raum Jena entstanden ist – und warum ihn diese Geschichte selbst manchmal noch staunen lässt.

Ein Werdegang abseits der Trampelpfade

Wer Ronalds Biografie hört, merkt schnell: hier hat jemand seinen eigenen Korridor in den Beruf gegraben. „Wir in der Steuerberatung sind nicht nur akademisch geprägt“, erklärt er im Gespräch. „Man kann tatsächlich auch über den Facharbeiterweg und einen Fachwirt Steuerberater werden. Das wissen viele gar nicht.“

Genau diesen Weg ist er gegangen. Erst eine kaufmännische Lehre, dann der Bilanzbuchhalter (IHK), dann der Diplom-Kaufmann (FH), schließlich die als eine der härtesten in Deutschland geltende Steuerberaterprüfung. Alles berufsbegleitend, mit Lehrheften am Küchentisch. Zur mündlichen Prüfung war er gerade einmal zwei oder drei Tage in einem Vorbereitungskurs. „Das ist relativ einzigartig, weil die meisten sich da mehrere Monate rausnehmen müssen.“

Diese Selbstwirksamkeit, dieses Sich-immer-wieder-neu-Erfinden, ist nicht nur Lebenslauf. Es ist Methode. Und es prägt bis heute, wie Ronald über seine Mandantschaft, seine Branche und seine Heimat Thüringen denkt.

Jena, gefunden über das eigene Familienglück

Dass sein Lebensmittelpunkt heute Jena ist, hat eine wunderbar undramatische Erklärung. „Ich bin durch meine Frau Annett nach Jena gekommen. Ursprünglich komme ich vom Dorf, da gibt es heute noch einen Kanzlei-Ableger.“ Annett ist Diplombiologin und brauchte ein universitäres Umfeld. Also fiel die Wahl auf Jena. Auf der grünen Wiese, ohne Netzwerk, ohne Bekanntheitsgrad – „so ein absoluter No-Name“, beschreibt er sich selbst.

Was folgte, war Marketing der altmodischen Art. Abend für Abend saß das junge Paar am Tisch, faltete Briefe, tütete sie ein und brachte sie zur Post. 800 oder 900 Stück insgesamt. Vier Rückmeldungen. Drei davon Mandanten. Ein klassisches Direktmarketing-Ergebnis, gemessen an heutigen Conversion-Daten sogar überdurchschnittlich. Aus diesen drei wurden Empfehlungen, aus Empfehlungen Netzwerke, aus Netzwerken Spezialisierungen.

Besonders prägend in dieser Frühphase: die Existenzgründer. „Gründung, Existenzgründer, das war ein absoluter Schwerpunkt. Ich habe die Finanzpläne mit denen gemacht, beim Businessplan teilweise mitgeholfen, bin mit zu den Bankgesprächen gegangen. Das war so ein richtiges All-Inclusive-Paket.“ Die Parallelen zwischen Ronald und seiner Klientel sind dabei kaum zu übersehen: Hier saß ein Gründer, der Gründer beriet. Augenhöhe inklusive.

Die Lücke zwischen Eckkanzlei und Big Four

Um die Geschichte ab 2017 zu verstehen, muss man Ronalds These über den Steuerberatungsmarkt kennen. „Wir haben so eine Zweiteilung. Es gibt die klassische Kanzlei, die kann den Alltag gut bewältigen. Und dann gibt es die ganz Großen, KPMG, Ernst & Young und wie sie alle heißen. Eigentlich gibt es dazwischen nicht viel. Genau dahin wollte ich.“

Diese Lücke schließt er strukturell. Aus der Einzelkanzlei wird eine Holding. Eine Gruppe aus mindestens fünf Gesellschaften – darunter die Ronald Enke Steuerberatungsgesellschaft mbH, die Enke & Pechmann Steuerberatungsgesellschaft mbH, die JenAReal GmbH für Immobilien und die BlackZero-Marken für die digitale Beratung. Wer Mandanten Holding-Strukturen empfiehlt, lebt sie selbst vor. Glaubwürdiger geht Beratung kaum.

Heute betreuen Ronald und sein Team Unternehmer:innen aus dem Mittelstand, IT-Unternehmen, Ärzt:innen, Gründer:innen und vermögensverwaltende Strukturen. Drei Standorte (Jena, Kahla, Remptendorf) und mehr als 50 Mitarbeitende halten den Laden am Laufen. Auf nächstes Jahr peilt Ronald sieben Steuerberater:innen an. „Das ist verrückt. Da ist man manchmal fast ein bisschen baff über sich selber.“

Die heimliche Lebensleistung: Menschen halten

Wachstum auf dem Papier ist das eine. In einem Markt, der vom Fachkräftemangel zerrieben wird, Menschen zu finden, zu binden und langfristig zu entwickeln, ist das andere. „Ich betrachte es als eine meiner größten Lebensleistungen, in einer Phase mit Fachkräftemangel 50 Mitarbeitende aufzubauen. Und sie auch zu halten. Mit ganz viel Geld kann ich Leute locken, aber wenn das Umfeld nicht stimmt, sind sie auch wieder weg.“

Was die Kanzlei zusammenhält, klingt fast altmodisch: Teamleiter-Strukturen, klare Abläufe, eine familiäre Kultur und gleichzeitig eine konsequente IT-Strategie mit papierloser, digitaler Aktenführung. „Wir sind eine Art Mini-Konzern“, sagt Ronald. „Dem muss ich mich komplett stellen. Sonst wird die Firma da nie ankommen.“

KI, Buchhaltung und die Frage nach dem Vertrauen

Spannend wird es im Podcast, wenn Ronald über die Zukunft der Branche spricht. Künstliche Intelligenz hält er für einen massiven Einschnitt. „Die entwickelt sich wahnsinnig weiter. Ich war ganz schön erschrocken, was daraus kommt.“ Was bleibt, ist die Funktion, die er als zentral beschreibt: das Verifizieren, das Abstempeln, das Absegnen von Daten. „Die Bank muss sich auf die Zahlen verlassen können, das Finanzamt, fremde Beteiligte. Wir sind hier eigentlich eine Art zentrale Schaltstellenfunktion.“

Diese nüchterne, fast philosophische Sicht macht ihn zu einem so guten Sparringspartner für Mandant:innen. Er versteht, wo Technik glänzt – und wo sie an ihre Grenzen kommt. Er sieht die Risiken für Berufseinsteiger:innen, deren Routinejobs wegfallen, und benennt sie offen. Aber er bleibt konstruktiv. Mit der Plattform BlackZero will er anderen Kanzleien helfen, sich aus dem Alltagsgeschäft zu befreien und neue Beratungsansätze zu wagen. „Im allerbesten Falle entsteht da ein kleines Netzwerk, ein Verbund an Kanzleien, die sich unterstützen und dieselbe Denke haben.“

Land.Kultur.Leben und die Eastern Tour

Ronald wäre kein Eastside Hero, wenn sich seine Energie auf die Kanzlei beschränken würde. 2021 errichtete seine Steuerberatungsgesellschaft die Treuhandstiftung Land.Kultur.Leben. Sie fördert Kunst, Kultur, Erziehung, Bildung und Sport im ländlichen Raum. Trägerverein ist der „Zusammengestalten e. V.“ mit Sitz in Hainichen.

Sportlich getragen wird die Stiftung unter anderem durch das hauseigene Radsportteam und die EaStern Tour, eine Jedermann-Radrennserie quer durch Mitteldeutschland. „Ich bin noch mit der Friedensfahrt groß geworden, da habe ich mitgefiebert“, erzählt Ronald. „Später Tour de France, Jan Ullrich. Daher kommt das.“ Was als Hobbyteam mit 15, 16 Sportbegeisterten begann, wirkt heute wie eine Liebeserklärung an Ostdeutschland auf zwei Rädern. Punktewertung, Bergziege, kostenlose Teilnahme für Hobbyfahrer:innen – ein Sportförderprojekt mit Herzblut.

Der Lückenschluss durch Unternehmertum

Am Ende des Gesprächs richtet Ronald den Blick aufs Große. „Wir haben dieses Ost-West-Thema immer noch mit Unterschieden im Vermögen, im Einkommen. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, diese letzten 15 bis 20 Prozent, die uns hier manchmal fehlen, schließen wir nicht durch Fördermittel oder Transferleistungen. Wir schaffen sie nur durch Unternehmertum.“

Sein Bild des ostdeutschen Unternehmers ist ein liebevolles. „Ein fleißiger Typ, der macht und tut.“ Was manchmal fehle, sei ein Quäntchen Mut, ein bisschen mehr Vision, ein offensiveres Marketing. Genau dort will Ronald mitwirken. Mit besseren, sichtbaren Erfolgen. Mit Vorbildern, die auch zeigen dürfen, dass sie Vorbilder sind. Mit dem leisen, aber bestimmten Ehrgeiz, in den nächsten 10 bis 15 Jahren den Lückenschluss zu schaffen.

Sein Wunsch deckt sich übrigens mit unserem. Das erste Thüringer Unicorn, gefunden in seinem Mandantenkreis – warum eigentlich nicht?

Was du aus dieser Episode mitnehmen kannst

Wer Ronald Enke zuhört, bekommt Lust, selbst loszugehen. Sein Werdegang erinnert daran, dass es sich lohnt, den eigenen Korridor zu graben, statt auf den breiten Weg zu warten. Sein Geschäftsmodell macht Mut, Strukturen größer zu denken, statt im Alltagsgeschäft hängen zu bleiben. Sein Engagement für die Stiftung Land.Kultur.Leben und die EaStern Tour erinnert daran, dass Standortverbundenheit nicht Folklore sein muss, sondern Strategie sein darf.

Und sein Schlusssatz, dieses leise „Ich will mitwirken“, ist eine Einladung an alle, die Ostdeutschland nicht als Defizit verstehen, sondern als Möglichkeitsraum. Genau deshalb gehört Ronald Enke in diesen Podcast. Genau deshalb ist er ein doppelter Eastside Hero. Und genau deshalb solltest du dir die ganze Folge anhören.

 

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Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

Als Nerd für Künstliche Intelligenz und Automatisierung berät Sebastian regelmäßig Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation.

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