Das Schnellboot aus Leipzig: Wie Thomy Roecklin mit Distart Deutschlands Bildungslandschaft neu aufstellt

© DISTART

In der Petersstraße 35 mitten in Leipzig riecht es nach Aufbruch. Wo bis vor Kurzem noch ein Kaufhaus seine Tore schloss, klopft heute eine andere Bewegung an die Mauern: Distart bezieht hier Etage um Etage – als erster Mieter im umgebauten NEO Leipzig. Mittendrin: Thomy Roecklin, 35, gebürtiger Vogtländer, Gründer und Geschäftsführer eines Unternehmens, das in stiller Konsequenz zu einem der schnellst wachsenden Bildungsanbieter Ostdeutschlands geworden ist.

Distart ist kein klassisches Start-up. Kein Venture Capital, kein Hypezyklus, keine glatten Pitchdecks. Stattdessen: rund 42,5 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2025, etwa 120 Mitarbeitende, eine Fluktuation unter vier Prozent – und eine Idee davon, wie Bildung in Deutschland endlich wieder Wirkung entfalten kann.

Vom Vogtland nach Jacksonville – und zurück nach Leipzig

Thomys Geschichte beginnt nicht in Berlin oder Hamburg, sondern dort, wo deutsche Wirtschaftsporträts selten hinschauen: im Vogtland. „Eine sehr strukturschwache Gegend, wie man oft sagt – und das kann ich bejahen. Es ist sehr ruhig gewesen, jedenfalls in meiner Kindheit", sagte Thomy. Mit dem Wechsel nach Leipzig 2012 wollte er Jura studieren – zwei Semester reichten ihm, um zu merken, dass das nichts wird. Stattdessen warf er sich in die Wirtschaftswissenschaften, jobbte im Controlling und verschaffte sich 2015 ein Praktikum bei einem Musikinstrumentenhersteller in Jacksonville, Florida.

Vier Wochen, die alles verschoben. Während Online-Werbung in Deutschland noch mit halbem Herzen betrieben wurde, arbeitete er in den USA bereits mit Value-based Customer Lists, also Kundendaten, die nach ihrem Beitrag zum Umsatz gewichtet wurden. „Die ersten zwei, drei Tage habe ich Excel-Tabellen bereinigt, danach durfte ich Werbung schalten. Es war echt cool", sagte Thomy. Zurück in Leipzig wusste er: Genau das will er hier machen, für deutsche Unternehmen.

Der Pivot, der alles veränderte

Aus dem Auslandsimpuls wurde 2016 die erste Agentur, später die Marke TRDIGITAL. Roecklin betreute kleine Restaurants, einen Online-Shop für Männerkleidung, ein Hotel im Vogtland. Die Aufträge kamen zunächst über Gespräche im Basislager Coworking, später über Google Ads und Facebook Ads, die er zu Lead-Preisen schaltete, von denen heute kaum noch jemand zu träumen wagt.

Doch je länger er Agentur machte, desto klarer wurde das Muster: Er und sein Team kämpften immer wieder gegen denselben Gegner – fehlendes Digitalverständnis bei Entscheidern. „Wir haben uns von unseren größten Kunden getrennt. Die Zusammenarbeit fühlte sich nicht mehr richtig an", sagte Thomy. Wer immer wieder gegen dieselbe Wand läuft, sollte irgendwann anfangen, an die Wand selbst zu gehen. Roecklins Lösung: Statt Marketing für Unternehmen zu machen, lieber Menschen ausbilden, die das Marketing selbst können.

Der Auslöser kam ganz beiläufig. Als Lucia-Miriam Selbert – heute Co-Geschäftsführerin – als erste Vollzeitmitarbeiterin einstieg, bastelte er ihr ein Onboarding zusammen. Eigene Lehrpläne, gekaufte US-Onlinekurse, persönliche Live-Sessions. „Ich konnte sie ja nicht ins Praktikum nach Amerika schicken. Also habe ich überlegt: Wie kriege ich diese Brücke geschlagen?", sagte Thomy. Aus dem persönlichen Onboarding wurde ein didaktisches System. Aus dem System wurde Distart.

Bootstrapping als strategische Freiheit

Der Sprung zum AZAV-zertifizierten Bildungsträger kam 2020. Coronabedingt öffnete die Bundesagentur für Arbeit den Markt für rein digitale Weiterbildungen, und Distart war eines der ersten Unternehmen, das diese Chance zu nutzen wusste. „Corona war für die ganze Bildungsbranche eine riesige Chance. Es hat sehr, sehr viel verändert", sagte Thomy.

Heute ist Distart ein vollständig digitaler Bildungsträger mit Schwerpunkten in Social Media, Performance Marketing, Digitalisierung, KI und neuerdings Cybersecurity. 7.000 Teilnehmer haben die Weiterbildungen lifetime erfolgreich abgeschlossen. Der Clou: Für die Lernenden sind die Kurse über Bildungsgutscheine, das Qualifizierungschancengesetz oder den Berufsförderungsdienst der Bundeswehr in der Regel komplett kostenfrei.

Bemerkenswert ist die Finanzierungsstruktur. Während andere EdTech-Anbieter Millionen einsammeln, finanziert sich Distart vollständig aus dem eigenen Cashflow. „Wachstum ist organisch und gebootstrapped – das macht uns unabhängig von Exit-Druck", sagte Thomy in einer früheren Gelegenheit. Diese Unabhängigkeit ist kein Selbstzweck. Sie ist die Voraussetzung für etwas, das kein Risikokapitalgeber je mitfinanzieren würde: eine eigene Hochschule.

Der nächste Schritt: die Distart University of Applied Sciences

Im Dezember 2025 ließ Roecklin die Distart University of Applied Sciences GmbH eintragen. Geplant ist eine staatlich anerkannte private Hochschule, die Präsenz und Remote-Studium kombiniert – mit einem klar formulierten Anspruch: Qualität statt Masse. „Ich will keine Hochschule, die sich für quantitative Erfolge feiert. Ich möchte, dass die Leute, wenn sie rauskommen, eine Veränderung erwirken", sagte Thomy.

Vorbild ist für ihn die Code University in Berlin – nicht groß in den Studierendenzahlen, aber stark in dem, was die Absolventen anschließend aufbauen. „Die gründen hier in Deutschland, sie holen Business Angel Investments rein und machen die Dinge groß", sagte Thomy. Genau dort will Distart den Hebel ansetzen. Die Vision bis 2030: 25.000 Alumni, die in Deutschland bleiben, gründen, weiterentwickeln. Und vorzugsweise im Osten.

Warum Leipzig und warum Ostdeutschland

Die regionale Verwurzelung ist bei Roecklin kein Marketingbeiwerk, sondern Strategie. Leipzig bietet ihm das, was er für sein Geschäftsmodell braucht: gut ausgebildete Menschen, wirtschaftliche Dynamik, hohe Nachfrage nach Qualifizierung – bei Berufstätigen, Arbeitssuchenden und Quereinsteigern. „Wer die Chance bekommt, sich weiterzuentwickeln und beruflich anzukommen, bleibt eher in der Region", sagte Thomy. Bildung als Anker gegen Abwanderung – ein Argument, das weit über Distart hinausweist.

Im Interview wird deutlich, wie sehr ihn die strukturellen Schieflagen umtreiben. Er kritisiert die Trägheit etablierter Bildungsträger ebenso offen wie die Distanz mancher IHKs zu lokalen Bildungsanbietern. Er wundert sich, dass von 80 Bildungsträgern bei einer Branchenkonferenz nur vier aktiv KI nutzen – obwohl einige davon KI-Kurse anbieten. Und er insistiert: „Es geht nicht nur darum, mit der Zeit zu gehen – es geht darum, Vorreiter zu sein."

© DISTART

Vertrauen statt Kontrolle

Wer in fünf Jahren von drei auf 120 Mitarbeitende wächst, kommt um eine Frage nicht herum: Wie hält man die Kultur zusammen, wenn das eigene Team plötzlich in Abteilungen aufgeteilt ist, die der Gründer nur noch namentlich kennt? Roecklins Antwort ist klar: Systeme bauen, dann loslassen.

„Ich habe schon immer gerne Systeme gebaut und sie dann laufen lassen", sagte Thomy. Am Tag, an dem das Onboarding seiner ersten Mitarbeiterin Lucia abgeschlossen war, schaltete er keine einzige Anzeige mehr selbst. Ein Tipp, den er von einem Leipziger Unternehmer bekommen hatte: Nach dem ersten eigenen Profi nie wieder selbst Hand anlegen. Heute ist Lucia operative Geschäftsführerin, Roecklin selbst eher der strategische Kopf. „Vertrauen vor allem und Verantwortung übergeben – das ist echt schwer. Manchmal sitzt du dort und denkst, ja, greife ich jetzt ein, aber nee."

Die Fluktuation unter vier Prozent ist das messbare Ergebnis dieser Haltung. Klarheit, ein starkes Wertesystem, echtes Vertrauen ins Team statt Mikromanagement – Roecklin formuliert das ohne Pathos, aber mit einer Konsequenz, die in deutschen Mittelständlern selten geworden ist.

Lernbereit bleiben – und den Denkapparat starten

Auf die Frage, was er Hörerinnen und Hörern mitgeben möchte, antwortete Roecklin ohne Zögern. „Das Wichtigste, finde ich, ist lernbereit zu sein. Diese Offenheit zu entwickeln – und mit KI ist es noch mal einfacher geworden", sagte Thomy. Sein Trick: Er lässt sich von KI bewusst widersprechen, um eigene Hypothesen zu testen. Das gleiche Spiel praktiziert er mit Lucia: Einer vertritt eine Position, der andere die exakte Gegenrede – und plötzlich tauchen Argumente auf, die vorher niemand gesehen hat.

Diese Kultur des produktiven Widerspruchs verbindet er mit einem entspannten Verhältnis zum Scheitern. „Man macht viele Fehler im Leben, und die meisten davon würde ich als sehr gut bezeichnen, wenn man immer was daraus mitnimmt und nicht lernresistent ist", sagte Thomy.

Was du aus Leipzig mitnehmen kannst

Das vielleicht wichtigste Signal von Distart ist nicht der Umsatz oder die Hochschule, sondern die Botschaft an alle, die in Ostdeutschland gerade etwas aufbauen wollen: Du brauchst kein Berliner VC-Netzwerk und keine Münchner Cluster-Effekte, um relevant zu werden. Was du brauchst, ist ein klares Problem, ein robustes System, ein Team, dem du wirklich vertraust – und die Bereitschaft, dranzubleiben, wenn andere längst weitergezogen sind.

Roecklin selbst sieht Distart in zehn Jahren breiter aufgestellt: englischsprachige Angebote, eine erste Auslandsniederlassung in einem Land mit gefördertem Bildungssystem, eigene Softwarelösungen für Bildungsträger. „Mehr Qualitäts-KPI statt bürokratischen Bullshit", sagte Thomy zum Abschluss. Ein gutes Schlusswort. Vor allem für eine Region, die solche Stimmen gut gebrauchen kann.

Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

Als Nerd für Künstliche Intelligenz und Automatisierung berät Sebastian regelmäßig Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation.

Profitiere von Sebastians einzigartigem Netzwerk und Erfahrungsschatz: Verbinde dich jetzt auf LinkedIn und werde Teil einer neuen Generation erfolgreicher ostdeutscher Unternehmer.

www.linkedin.com/in/eastsideheroes

Weiter
Weiter

„Wir kaufen Ware, wir verkaufen Ware – und dazwischen passiert ganz viel Zauber": Toni Burger über die KOMSA-Transformation und gesunden Menschenverstand