Kein Chef, kein Hype – und trotzdem ganz vorne: Stefan Queißer über ostec, Holakratie und die KI-Zukunft Dresdens

Was macht jemanden zum echten Eastside Hero? Stefan Queißer, Mitgründer der ostec GmbH und Initiator der „Brains on Silicon"-Konferenz, gibt darauf eine Antwort, die so klar ist wie sein Credo: Mach es gemeinsam. Mach es jetzt. Und fang am besten gestern damit an.

Es ist 1999. Die Dotcom-Blase blähte sich auf, das Internet war für die meisten Menschen noch Neuland, und Aufträge kamen per Faxgerät rein. Genau in diesem Moment gründeten Stefan Queißer und sein Geschäftspartner René Mittag in Dresden ihre erste Firma – damals noch unter dem Namen „Internetassistenz". Der Auftrag: Unternehmen, die „progressiv sein" wollten, ihre erste Website bauen. Und wenn nötig auch gleich den Internetanschluss einrichten und den passenden Computer aufbauen.

„Wir haben uns von Cornflakes und Tütensuppen ernährt. Aber wir hatten eine Mission, wir hatten Lust drauf", sagte Stefan. Keine großen Investoren, kein sicheres Netz – nur zwei junge Männer aus dem Osten mit einer Idee, die damals noch kaum jemand richtig greifen konnte.

Mehr als 25 Jahre später sitzt Stefan im historischen Wahrzeichen der Yenidze in Dresden, führt eine auf über 20 Mitarbeitende gewachsene Fullstack-Web-Agentur mit Kunden wie Universal Music, BIKE24 und Audi – und hat gerade die erste große KI-Konferenz der Stadt mit knapp 1.000 Fachbesuchern veranstaltet. Die Geschichte dazwischen ist eine über radikale Selbstreflexion, Mut zur Veränderung und die feste Überzeugung, dass Ostdeutschland nicht nur mitmacht, sondern anführt.

Mission-kritische Software: Warum Qualität kein Luxus ist

Aus der Internetassistenz wurde über die Jahre die ostec GmbH – und aus dem Anspruch, einfach Websites zu bauen, wurde eine klare Nische: missionskritische E-Commerce-Software für Unternehmen, die mit ihren Systemen wirklich Geld verdienen.

„Wenn so ein Shop-System eine Stunde offline ist, geht richtig viel Geld verloren", sagte Stefan. Das klingt simpel, bedeutet aber eine grundlegende Positionierungsentscheidung: ostec bedient keine Startups auf der Suche nach ihrem Geschäftsmodell. ostec tritt an, wenn das Modell steht und die Software zur kritischen Infrastruktur wird – wenn ein Ausfall eben nicht einfach ein Ärgernis ist, sondern wirtschaftlichen Schaden anrichtet.

Die Rechnung, die Stefan dann gegenüber skeptischen Controllern aufmacht, ist dabei verblüffend direkt: Ja, die Senior-Entwickler der ostec kosten mehr. Aber im Vergleich zum potenziellen Ausfall? Günstig. Und wer 25 Jahre lang E-Commerce-Projekte begleitet hat, hat schlicht jeden Fehler schon einmal gemacht – und weiß, wie man ihn vermeidet. „Wir haben schon jede Architekturentscheidung mal falsch gefällt", sagte Stefan mit einem Schmunzeln. Das ist keine Schwäche. Das ist Erfahrung.

Die Macht abgeben – Holakratie als Systementscheidung

Der vielleicht mutigste Schritt in der Geschichte der ostec hat nichts mit Technologie zu tun. Er hat mit Kontrolle zu tun. Beziehungsweise damit, sie loszulassen.

2017 unterzeichneten Stefan und René Mittag die Holacracy Constitution V4. Buchstäblich. Im Wald. Nach drei Tagen intensiver Transformation mit dem gesamten Team. Was sich wie ein symbolischer Akt anhört, war der Beginn einer konsequenten Neuorganisation: weg von klassischer Hierarchie, hin zu einem System, in dem Entscheidungen dort getroffen werden, wo die höchste Kompetenz sitzt.

„Warum soll ich bestimmen, welches Framework wir einsetzen? Das ist doch die Entscheidung des Entwicklers, der das täglich macht", sagte Stefan. Holakratie sei dabei alles andere als Chaos – eher das Gegenteil. Meetings sind minutiös strukturiert, Rollen klar definiert, das Organigramm eines der am häufigsten aktualisierten Dokumente im Unternehmen. Jeden Monat kann jeder Mitarbeitende an der Struktur mitarbeiten, Prozesse anstoßen oder ändern.

Wer jetzt denkt, das klingt nach Friede, Freude, Eierkuchen: Nein. Etwa 10 bis 20 Prozent der Mitarbeitenden verlassen Unternehmen während so einer Transformation – bei ostec war das nicht anders. „Die haben einfach einen anderen Weg eingeschlagen. Das ist auch total okay", sagte Stefan. Und die, die blieben? Die wurden zu etwas, das Stefan mit einem Satz beschreibt, der viel over sich sagt: „Die können nicht mehr sagen, ich würde das ganz anders machen, wenn ich dürfte. Weil wir dann sagen: Na, dann mach."

Knapp neun Jahre später ist die Frage, ob Stefan es wieder so machen würde, für ihn keine Frage mehr. „Eindeutig Ja."

Brains on Silicon: Wenn ein Meetup eine Konferenz wird

2023 war Stefan noch dabei, bescheiden anzufangen. Gemeinsam mit einem befreundeten Dresdner Unternehmen startete er das KI Netzwerk Dresden – quartalsweise Meetups in der Yenidze, dienstags abends, Themen rund um künstliche Intelligenz. 80, manchmal 100 Menschen kamen.

Dann passierte das, was passiert, wenn eine Idee auf echten Bedarf trifft: Es wurden mehr. Und mehr. Und mehr.

„Wir haben den Need erkannt. Wir hatten die Ressourcen", sagte Stefan. Im Oktober 2025 öffnete die „Brains on Silicon" zum ersten Mal ihre Türen im Internationalen Congress Center Dresden. Knapp 1.000 Fachbesucher. Über 40 Referenten. Drei Bühnen, ein Hackathon, eine Startup Zone – und eine Energie, die Stefan so beschreibt: „Die Stimmung, der Austausch – der war sehr nach vorne schauend. Es waren viele Menschen da, die Lust auf Zukunft haben."

Was die Konferenz von vielen anderen KI-Events unterscheidet: Sie ist nicht für das Publikum gebaut, das schon alles weiß. Sie ist gebaut für alle, die ankommen wollen. „Tauscht euch aus, macht das gemeinsam. Die Entwicklung ist aktuell so schnell, dass niemand hinterher kommen kann alleine", sagte Stefan.

Der Spirit, den er damit beschreibt, klingt wie eine Haltung. Aber er ist mehr als das. Er ist das, was Dresden gerade passiert.

Future Positive AI: Werkzeug, kein Wunder

Wenn Stefan über künstliche Intelligenz spricht, ist kein Hype zu hören. Aber auch keine Angst. Eher eine sehr klare, sehr pragmatische Überzeugung. „Webentwicklung wird es noch ganz lange geben", sagte Stefan. „Aber die wird nicht mehr von Menschen getippt."

Das ist kein Grund zur Panik – das ist eine Einladung, die eigene Rolle neu zu denken. Wer sein Handwerk wirklich beherrscht, kann besser beurteilen, was eine KI gut macht – und was nicht. Senior-Entwicklung wird nicht überflüssig, sie wird anders. Kontextueller. Architektonischer. Bridging the gap zwischen Businessproblem und technischer Realität – das bleibt menschliche Arbeit.

Und was ist mit all jenen, die noch zögern? Stefan ist direkt: „Es ist nicht optional. Ihr müsst." Das klingt hart. Aber es ist das Gegenteil von Resignation. Es ist ein Aufruf. Denn wer früher anfängt, den Wandel mitzugestalten, hat mehr Spielraum, ihn zu formen.

Konkret heißt das für Stefan: AI Agents verstehen lernen, bevor sie alles übernehmen. Kontext Engineering ernst nehmen. Und gerade als Mittelstand nicht warten, bis die großen Plattformen entscheiden, wie die Zukunft aussieht. „Ich habe noch keine Branche gefunden, die nicht davon profitieren könnte", sagte Stefan.

Was wir von Stefan lernen können

Stefan Queißer ist kein Gründer, der auf Disruption wartet. Er ist einer, der seine Strukturen hinterfragt, bevor der Markt es tut. Der Entscheidungsgewalt abgibt, nicht weil er muss – sondern weil er überzeugt ist, dass das System dadurch stärker wird. Der Netzwerke baut, weil er glaubt, dass niemand alleine schnell genug ist.

Das Bemerkenswerte an seiner Geschichte ist nicht der Erfolg an sich. Es ist die Art, wie er entstand: behutsam, reflektiert, oft gegen den Strom. Holakratie einführen, als noch niemand in Dresden davon sprach. KI-Meetups starten, bevor das Thema Mainstream war. Eine Konferenz organisieren, die beim ersten Versuch knapp 1.000 Menschen anzieht – nicht durch Marketingbudget, sondern durch echten Community-Aufbau über Jahre.

„Wir kommen nur gemeinsam durch diese Welle", sagte Stefan am Ende unseres Gesprächs. Dieser Satz fasst seine gesamte unternehmerische Philosophie zusammen.

Und er zeigt: Aus Dresden, aus dem Osten heraus, lässt sich Zukunft nicht nur beobachten. Man kann sie mitgestalten.

Du möchtest Stefan und die Brains on Silicon hautnah erleben? Die nächste Ausgabe findet am 14. September 2026 im ICD Dresden statt. Alle Infos unter brainsonsilicon.de.

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Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

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