Fünf Tage nach der Übernahme stand plötzlich die Lieferkette still

Birgit Knabe und Alexander Hellmundt haben das Druckhaus BohnEtiketten als Angestellte übernommen. Wie aus einer Nachfolge in einem 754-Einwohner-Dorf ein Betrieb wurde, der Etiketten baut, an denen sich andere Druckereien die Zähne ausbeißen.

Wir sitzen draußen. Kirchheilingen, Unstrut-Hainich-Kreis, mitten im Thüringer Land. Im Hintergrund kräht ein Hahn, und wir beschließen früh, ihn einfach mitlaufen zu lassen — er gehört hier dazu wie die Halle, in der eine Buchdruckmaschine aus dem Jahr 2000 neben einer Digitalpresse steht.

Vor mir sitzen zwei Menschen, die zusammen etwas gemacht haben, das in Ostdeutschland in den nächsten zehn Jahren zur Schlüsselfrage wird: Sie haben den Betrieb übernommen, in dem sie vorher angestellt waren. Zum 1. Januar 2022. Keine Familiennachfolge, kein Investor, kein Verkauf nach außen. Zwei aus dem eigenen Team.

Meine Einstiegsfrage ist immer dieselbe: Was macht euch zu einem EASTSIDE HERO?

"Wir sind ein ostdeutsches Unternehmen, 31 Jahre in diesem Jahr", sagte Birgit. "Letztes Jahr haben wir 30 gefeiert. Abgesehen von Alex, der unser Quoten-Wessi ist, sind wir auch alle ostdeutsch."

Alexander lacht und legt nach. Er ist seit dem Sommer 2016 in Thüringen, damals mit seiner Frau nach Bad Langensalza gezogen, die Eltern kamen nach. "Ich bereue das eigentlich keinen Tag", sagte Alexander. "Was ich am Osten ganz besonders mag, ist dieser Pragmatismus. Die Leute hatten zu DDR-Zeiten nicht die Möglichkeit, alles zu bekommen — und haben trotzdem geile Sachen gemacht mit den Mitteln, die sie hatten. Das versuchen wir auch tagtäglich."

Der Blick, der die Nachfolge entschieden hat

Firmengründer Jörg Bohn hatte über Jahre jemanden gesucht, der weitermacht. Am liebsten intern. Birgit hatte zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Jahrzehnte im Haus: erst die Ausbildung zur Mediengestalterin, dann der Wirtschaftsfachwirt, dann Schritt für Schritt immer mehr Aufgaben vom Chef.

Allein wollte sie es trotzdem nicht.

"Ich habe mich allein nicht in der Lage gefühlt, weil mir das Druck-Know-how gefehlt hat", sagte Birgit. Dann kam 2017 Alexander ins Unternehmen, arbeitete sich genau in das Feld ein, das ihr fehlte — Technik, Maschinen, Medienfachwirt. "Irgendwann stand die Frage wieder im Raum, und dann haben wir uns angeguckt. Das war so unausgesprochen. Im Blick war uns klar: Ich glaube, wir zwei machen das."

Von diesem Blick bis zur Unterschrift vergingen zweieinhalb Jahre. Aus dem Einzelunternehmen wurde eine GmbH, die Anteile hälftig geteilt. Sie kannten die Zahlen, sie kannten den Kundenstamm, sie kannten die Branche. Das war die eine Seite. Die andere: Ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen fühlt sich schnell an wie eine Gründung — nur mit Verantwortung ab Tag eins.

Am 5. Januar war das Material weg

Und dann kam der 5. Januar 2022.

Ein großer Lieferant in Finnland, Hersteller des silikonisierten Trägerpapiers, das jedes Haftetikett braucht, stellte die Produktion ein. Streik. Fünf Monate. Der europäische Markt blutete aus. "Das hatte Herr Bohn in seinen 25 Jahren so noch nicht erlebt", sagte Alexander.

Lieferzeiten sprangen von fünf Tagen auf sechs Monate. Der Markt stellte auf PET-Träger um, durchsichtiger Kunststoff, andere Schneidgeometrien, Maschinen mussten umgerüstet werden. Birgit organisierte parallel das Lager neu und eine elektrische Ameise dazu.

Fünf Tage im Amt, und die erste Bewährungsprobe war da.

"Es hat uns viel Lehrgeld gekostet, viele Nerven, viel zusätzliche Zeit. Wir hatten eigentlich nur den Telefonhörer am Ohr", sagte Birgit. "Aber wir haben dadurch auch ganz viele neue Lieferanten aufgetan, neue Kombinationen von Trägerpapier, Trägerfolie, Klebstoffen. Wir haben viel gelernt."

Und dann kommt der Satz, der für mich der Kern dieser Folge ist:

"Wir haben uns nicht ergänzt, wir haben uns einfach gegenseitig gestützt", sagte Birgit. "Wir haben uns beide ausgekotzt, den Hörer aufgeknallt. Mir ist immer noch der Spruch von Alex im Ohr: Wenn wir diese Krise meistern, kann uns nichts mehr aus der Bahn werfen."

Das prägt bis heute. Zwei Geschäftsführer, die wissen, dass sie zusammen durch dickes Eis kommen — das kaufst du dir für kein Geld.

Das Schweizer-Taschenmesser-Prinzip

Und was macht das Druckhaus jetzt eigentlich anders als die Online-Druckereien, gegen die man beim Preis nie gewinnt?

"Wir fahren so eine Art Schweizer-Taschenmesser-Prinzip", sagte Alexander. Eine Online-Druckerei punktet über ihr Bestellsystem und muss die Parameter dahinter bewusst schlank halten, damit der Endkunde nicht überfordert wird. In Kirchheilingen läuft es andersherum: über 100 Folien und Papiere im Einsatz, kombinierbar mit unterschiedlichen Klebern und Trägern, dazu rotativer Buchdruck, wasserbasierter Inkjet und Toner unter einem Dach.

Ich frage nach der Fünfjährigen-Version. Birgit antwortet ohne Umweg:

"Wir finden die perfekte Lösung für dein Produkt", sagte Birgit. Ob es im Baumarkt auffallen soll, ob alle Pflichtangaben drauf müssen, ob es seewasserbeständig sein muss, weil es im Container um die halbe Welt fährt.

Konkret heißt das: Prüfmarken, die sich selbst zerstören, wenn jemand daran manipuliert. Fortlaufende, eindeutige Codes — die Bewertungsaufkleber an den Sitzen der Deutschen Bahn stammen zum Beispiel aus dieser Halle. Kleinstformate, wo andere abwinken. Und zunehmend Rezyklate, also Materialien aus dem Kunststoffkreislauf, die deutlich schwieriger zu bedrucken sind, weil man nie ganz genau weiß, was vorher drin war. Ab 2030 schreibt das Verpackungsgesetz Mindestquoten vor. Wer das heute schon kann, hat morgen einen Vorsprung.

Andere Druckereien rufen inzwischen an und sagen: Das ist mir zu speziell, guckt ihr mal.

Prozesse, KI und ein Nadeldrucker im Rückspiegel

Als Alexander 2017 anfing, stand neben seinem Arbeitsplatz noch ein Nadeldrucker mit Durchschlagpapier. Rechnungen wurden gedruckt, der Durchschlag abgeheftet.

Heute liest das Unternehmen CSV-Dateien direkt aus dem SAP eines Großkunden ein und verarbeitet sie automatisiert — bei rund 2.000 bis 3.000 Layouts und 150 Etikettengrößen allein bei diesem einen Kunden. Für Adobe Illustrator haben sie sich eigene Plugins geschrieben, damit Korrekturabzüge und Nutzenaufteilung nicht mehr von Hand entstehen.

"Wir zehren jetzt von den Entwicklungen der letzten Jahre und können mit der KI wunderbar daran anknüpfen", sagte Alexander. Code umschreiben, betriebswirtschaftliche Auswertungen aufbereiten, Renner-Penner-Analysen fahren. "Die Möglichkeit hatte man früher nicht. Das gibt noch mal richtig Schub."

Schön ist, wie das im Team wirkt. "Wenn Alex mit der KI arbeitet und mir erzählt, was es Neues gibt, macht mir das unglaublich Mut, mich selbst mehr daran zu wagen", sagte Birgit. "Ich bin da noch zaghaft."

Der Konferenzraum ist die Welt

Es gibt eine Routine, die mir besonders im Kopf geblieben ist. Einmal am Tag drehen die beiden mit dem Unternehmenshund eine Runde ums Dorf.

"Andere Firmen haben große Konferenzräume. Bei uns ist der Konferenzraum quasi die Welt", sagte Alexander.

Auf dieser Runde wird gebrieft: Wer hat mit wem telefoniert, welches Material ist neu, was ist beim Kunden mit dem Klebstoff passiert, welcher Maschinenkauf steht an, welche Branche könnte spannend sein. "Eigentlich alles", sagte Birgit. "Gerade wenn man 50:50 hat, ist es wichtig, dass man sich ständig auf Stand bringt und dem anderen zuhört."

Streit gehört dazu. "Natürlich haben wir uns auch schon gestritten, und dann muss man gucken, dass man wieder zueinander findet und den Respekt nicht verliert", sagte Alexander. "Aber ich kann nach fast fünf Jahren sagen: Ich möchte nichts anderes machen, und ich möchte es auch mit keinem anderen machen."

Was sie heute anders machen würden

Wir sprechen offen über die Fehler. Und da wird Birgit sehr klar:

"Wir hätten uns wirklich einen guten Unternehmensberater an die Seite holen müssen", sagte Birgit. "Wir haben zu manchen Sachen zu schnell Ja gesagt, beim Firmenwert oder wie das lief. Rückblickend haben wir da einige Fehler gemacht. Wir würden es jedem, der übernehmen will, nur empfehlen."

Mein Zusatz dazu: Sprich zuerst mit jemandem, der eine Nachfolge schon hinter sich hat. Danach weißt du, worauf du bei der Beratung Wert legst.

Und noch eine Sache, die hängen bleibt. Alexander erinnert sich an einen Berater vom Verband Druck und Medien, der ihn bat, mit dem Finger auf ihn zu zeigen. "Ein Finger auf den Angestellten, zwei auf Sie selber." Dazu passt sein Lieblingssatz, den er sinngemäß von Rallye-Weltmeister Walter Röhrl übernommen hat: "Nur weil ich etwas Besonderes kann, heißt das noch lange nicht, dass ich etwas Besonderes bin."

Als eine Kollegin einmal ein Komma verrutschte und statt 1.000 Laufmetern 10.000 im Lager standen, war für ihn klar, wo die Ursache lag: bei der eigenen Erklärung.

Wohin die Reise geht

Die aktuelle Lage ist ehrlich beschrieben: Kunden halten sich zurück, Auflagen werden kleiner, die Baubranche schwächelt. Also gehen die beiden gezielt in neue Felder wie Elektronik, optimieren Prozesse und akquirieren.

Und die Ziele für die nächsten fünf Jahre klingen unaufgeregt und genau deshalb überzeugend: die ersten Darlehen abtragen, neue Kunden gewinnen, den Angestellten mehr zahlen können. Irgendwann vielleicht selbst eine Nachfolge suchen.

Zum Schluss sagt Birgit einen Satz, der gut in unser Festivaljahr passt:

"Dieses EASTSIDE, der Osten — wir können was. Wir entwickeln uns", sagte Birgit. "Wir kämpfen nicht gegeneinander, sondern miteinander."

Zwei Angestellte, ein Dorf mit 754 Einwohnern, ein Maschinenpark, der zwischen 2000 und heute alles abdeckt. Nachfolge ist die neue Gründung. In Kirchheilingen kannst du dir anschauen, wie gut das ausgeht, wenn zwei Menschen sich das gemeinsam zutrauen.

Die ganze Folge hörst du überall dort, wo es Podcasts gibt. Und Birgit und Alexander triffst du am 15. September beim EASTSIDE HEROES Festival in der Halle 6 im Zughafen Erfurt.

 

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Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

Als Nerd für Künstliche Intelligenz und Automatisierung berät Sebastian regelmäßig Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation.

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