„Wir haben ChatGPT abgeschaltet": Christian Malik dotSource stellt 50 KI-Kollegen ein

Ein Klapptisch im Grünen, ein Kühlschrank im Camper, Jena im Rücken. Für ein Gespräch über Grafikkarten, Rechenzentren und autonome Software ist das ein ungewöhnlicher Ort. Für Christian Malik ist es der passende. „Die besten Ideen entstehen im Alltag und nicht im Office", sagte Christian. Wer seine Videos auf LinkedIn kennt, ahnt, wie ernst er das meint: Da erklärt einer KI-Architektur vom Fahrrad, vom Motorrad und aus dem Kanu heraus.

Malik ist Mitgründer und geschäftsführender Direktor der dotSource SE. Mit seinem Mitgründer Christian Otto Grötsch haben wir vor einiger Zeit über den Aufbau des Unternehmens gesprochen. Diesmal öffnen wir den Maschinenraum. Denn bei dotSource läuft gerade ein Umbau, der jeden Unternehmer in Ostdeutschland etwas angeht: 400 Mitarbeitende, davon rund 200 in der Softwareentwicklung, über 550 Kunden — und mittendrin die Frage, was passiert, wenn Künstliche Intelligenz ausgerechnet die Arbeit beschleunigt, die man selbst verkauft.

Der 386er vom Jugendweihegeld

Maliks Weg beginnt nicht an einer Business School. Er beginnt mit einem 386er, gekauft vom Jugendweihegeld. „Ich mache das, seit ich 13 bin", sagte Christian über das Programmieren. In der Schule war er derjenige, der den Lehrern den Computerkurs erklärte. Danach folgte die Ausbildung zum Technischen Assistenten für Informatik in Hermsdorf, zwei Drittel davon Elektrotechnik: Leiterplatten ätzen, löten, Schaltungen bauen, SPS und Assembler programmieren. Aus reiner Neugier hat er sich später sogar an einem eigenen Betriebssystem versucht — nur, um zu verstehen, was beim Start eines Rechners eigentlich passiert.

Diese Neugier ist bis heute sein Betriebssystem. Sie erklärt auch, warum er als Geschäftsführer vor rund einem Jahr wieder an den Entwicklertisch zurückgekehrt ist.

Eine Kaffeemaschine als Startpunkt

2018 stellte sich dotSource die Frage, was mit Machine Learning möglich ist. Die Antwort kam aus der Küche. Malik baute mit einem 3D-Drucker einen Arm, schraubte eine Kamera auf die Kaffeemaschine und ließ aufzeichnen, wer welchen Knopf drückt. Erst lernte das Modell, den Griff im Videostream zu erkennen. Dann sagte ein Display voraus, welcher Kaffee als Nächstes gezapft wird. Ein Trainingslauf dauerte damals zehn Stunden.

Ein Geschäftsmodell wurde daraus nicht. Etwas anderes entstand: Bei der Befragung der eigenen Kunden fiel auf, dass vielen für Prognosen schlicht die Datenbasis fehlte, häufig sogar ein sauberes Reporting. Heute arbeiten 15 Menschen bei dotSource im Business-Intelligence-Team. Und intern wurde klar, dass die eigenen Daten über Ticketsystem, Wiki, Buchungs- und Planungssysteme verstreut lagen. Also baute das Team eine Business-Object-API, um überhaupt an Kunden, Mitarbeitende und Projekte heranzukommen.

Es ist ein Muster, das sich durch 20 Jahre dotSource zieht: erst etwas für sich selbst bauen, daran lernen, es dann Kunden anbieten. So lief es schon 2007 mit dem Live-Shopping-Experiment preisbock, aus dem das E-Commerce-Wissen für die spätere Ausrichtung der Agentur kam.

Warum der Server zurück in den Keller kommt

Jahrelang wanderte alles in die Cloud. dotSource geht gerade den umgekehrten Weg und betreibt eigene KI-Hardware im Haus. Aus einem Rechner für rund 80.000 Euro sind inzwischen drei Maschinen geworden, jede mit acht Grafikkarten. Wer im Serverraum steht, wenn die Last hochfährt, hört nach Maliks Beschreibung einen startenden Düsenjet.

Der Grund dafür ist weniger Technikverliebtheit als Rechenkunst. Bei 200 Softwareentwicklern, die täglich mit KI arbeiten, entsteht ein Kostenblock. „Der Betrieb dieser Modelle ist hoch subventioniert", sagte Christian. Die Anbieter zögen die Preise inzwischen an, oft verdeckt über kleinere Kontextfenster und verbrauchsabhängige Abrechnung, teilweise um den Faktor 10 bis 20.

Der zweite Grund wiegt schwerer und lohnt sich für jedes mittelständische Unternehmen zum Mitdenken. Wer KI tief in seine Abläufe lässt, gibt nicht nur Dokumente heraus, sondern Prozesswissen. „Prozesswissen ist genau das, was viele Unternehmen vom Wettbewerb unterscheidet", sagte Christian. Ein Angebot schreiben zu lassen, sieht er entspannt. Bei Prozessanalysen und Datenauswertungen wird er vorsichtig. Denn aus diesem Wissen entstehen anderswo die nächsten Geschäftsmodelle — und damit Plattformen, die sich in Wertschöpfungsketten schieben, so wie es Netflix, Uber oder die Hotelportale vorgemacht haben.

Was hinter der Abschaltung wirklich steckt

Im August und September vergangenen Jahres kam bei dotSource die Erkenntnis, dass sich KI auf eigener Hardware sinnvoll betreiben lässt. Bis März lief beides parallel, ChatGPT und die eigene Lösung. Im März schaltete das Unternehmen ChatGPT ab.

Wichtig ist die Differenzierung, die Malik im Gespräch nachschiebt: Abgeschaltet wurde die App, nicht die Modellvielfalt. dotSource nutzt heute seinen eigenen Chatbot als Oberfläche. Dahinter hängen das Open-Source-Modell auf dem eigenen Server und zusätzlich Cloud-Modelle. Die Mitarbeitenden entscheiden pro Aufgabe, was sie nehmen. Sensible Daten bleiben im Haus, für anspruchsvolle Aufgaben mit unkritischen Daten steht ein starkes Cloud-Modell bereit.

50 KI-Agenten bis Jahresende — mit Namen und eigenem Account

Auf einer Weihnachtsfeier sagte Christian Grötsch einmal, aus 500 Mitarbeitenden würden 5.000 werden. Der Satz hat bei seinem Mitgründer etwas ausgelöst. Maliks Ziel für dieses Jahr lautet: 50 KI-Agenten bauen und im Unternehmen einstellen. Aktuell tourt er dafür durch alle Fachbereiche und fragt Entwicklung, QA, HR, IT und Projektmanagement, welchen Agenten sie beisteuern.

Der Unterschied zum nächsten KI-Tool ist ihm dabei wichtig. Ein Tool musst du anstoßen. Ein Agent erkennt am Status eines Tickets, an einem Lebenszyklus, dass er loslaufen kann — ohne dass jemand einen Knopf drückt.

Und dann kommt die Analogie, die im Unternehmen für Klarheit sorgt: Behandelt den Agenten wie einen neuen Kollegen. „Wir stellen einen Trainee ein, der so gut wie keine Ahnung hat", sagte Christian. Man muss ihm alles erklären, manches doppelt, manches vergisst er wieder. Der Aufwand entspricht in etwa dem, drei Jahre lang einen Azubi auszubilden. Jeder Agent bekommt einen knackigen Namen, den jeder im Haus kennt, dazu einen eigenen Account im Ticketsystem, im CRM und in Microsoft 365. So ist auf den ersten Blick erkennbar, wer einen Datensatz angelegt hat, und ein Mensch bleibt in der Schleife. In der Geschäftsleitung wird gerade diskutiert, ob es den ersten Teamleiter geben soll, dessen Team aus Agenten besteht.

Wo du morgen anfangen kannst

Malik macht kein Geheimnis daraus, dass auf diesem Weg auch Lehrgeld fließt. Umso konkreter ist sein Vorgehen für alle, die gerade überlegen, wo sie einsteigen.

Erstens: Welcher Prozess tut weh? Zweitens: Wie oft läuft er? „Wenn ein Agent bei 500 Rechnungen im Monat zwei Klicks für dich übernimmt, hast du jeden Monat etwas gewonnen", sagte Christian. Drittens: klein anfangen, aber die große Vision danebenlegen. Und viertens: nicht sofort in die Technik springen. Wenn ein Kunde eine Lösung bestellt, fragt Malik gern zurück, wie oft man sie eigentlich brauche. „Warum wollt ihr eine goldene Türklinke?", sagte Christian.

Nebenbei entsteht dabei ein Effekt, den viele unterschätzen: Sobald ein Team seine Abläufe für KI beschreibt, fällt auf, wo sie ohnehin klemmen. Die Optimierung kommt oft schon vor dem ersten Agenten.

Standardsoftware bleibt — aber nicht überall

Zwanzig Jahre lang lautete das Credo bei dotSource: Nimm ein starkes Standardsystem und passe deine Prozesse daran an. Dieses Paradigma hat sich geöffnet. Für Standardprozesse bleibt Standardsoftware die richtige Wahl. Für wettbewerbsdifferenzierende Prozesse, also genau die, wegen derer Kunden bei dir kaufen, empfiehlt Malik heute die individuelle Lösung daneben statt teurer Verbiegungen im großen System. Weil KI-gestützte Entwicklung die Kosten dafür senkt, wird dieser Weg gerade für Mittelstand und Verwaltung interessant.

Der Standort denkt schon mit

Bleibt die Infrastrukturfrage. Malik hat hochgerechnet, was passiert, wenn 400 Mitarbeitende immer mehr Anwendungsfälle mit KI lösen: Irgendwann reicht der eigene Keller nicht mehr. dotSource meldet deshalb bereits Bedarf bei Thüringer Unternehmen an, die Rechenzentren für KI planen. Anbieter in Deutschland und Europa zu finden, die KI wirklich betreiben, ist bislang mühsam.

Genau hier liegt eine Chance für Ostdeutschland. Wenn Ministerien, Verwaltungen und Mittelständler künftig Rechenleistung brauchen, entsteht ein Markt, den niemand allein aus den USA oder China bedienen muss. „Wenn alle diesen Weg gehen, dann wird ein Bedarf entstehen", sagte Christian.

Und die gute Nachricht für alle, die das Gefühl haben, spät dran zu sein: „Selbst wenn ab heute kein neues Modell mehr erscheinen würde, sind wir erst bei zehn Prozent von dem, was wir im Unternehmen damit machen können", sagte Christian. Über die eigene Reise sagte er: „Wir sind bei vielleicht 0,1 Prozent von dem, was ich mir vorstelle." Der Rückstand, den viele befürchten, ist also noch kein Rückstand. Er ist Vorlauf, wenn du jetzt startest.

Christian Malik live erleben: Am 15. September 2026 steht er beim EASTSIDE HEROES Festival in der Halle 6 im Zughafen Erfurt auf der Bühne — mit seinem Vortrag „Scheiß auf den Hype: Warum wir ChatGPT gefeuert haben". Er ist den ganzen Tag vor Ort und nimmt sich Zeit für Gespräche über eure konkreten Projekte. Sichere dir dein Ticket

 
Sebastian Meier

Als Brückenbauer zwischen Innovation und Tradition prägt Sebastian Meier die Zukunft des ostdeutschen Unternehmertums. Seine außergewöhnliche Expertise wurzelt in zwei Welten: Als ehemaliger Leiter des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen erkannte er die Bedeutung starker Netzwerke und brachte erstmals die relevanten Akteure der Gründungsszene an einen Tisch. Diese neugeschaffenen Synergien zwischen Wirtschaft, Forschung und Förderung wirken bis heute nach. Als Gründer führte er selbst die myGermany GmbH von der Startup-Vision zum erfolgreichen internationalen Bestandsunternehmen.

Diese einzigartige Kombination aus Startup-DNA und Institutionserfahrung macht ihn zum gefragten Sparringspartner für Unternehmer und Innovatoren. Mit EASTSIDE HEROES verfolgt er heute eine klare Mission: Die Transformation Ostdeutschlands zum dynamischen Wirtschaftsstandort der Zukunft. Sein 15 Jahre aufgebautes Netzwerk aus über 500 aktiven Unternehmenskontakten nutzt er, um etablierte Player mit innovativen Scale-ups zu verbinden und echte Wertschöpfung zu generieren.

Als Nerd für Künstliche Intelligenz und Automatisierung berät Sebastian regelmäßig Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation.

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