Von Berlinale zu WirGarten — wie Ronny Lessau (Kreativtankstelle) Kulturorte erschafft
Oder: Warum manche Unternehmer keine Firmen bauen — sondern ganze Städte verändern
Es gibt Geschäftsmodelle, die lassen sich sauber erklären: Produkt, Zielgruppe, Vertrieb, Marge. Und dann gibt es Modelle, die wirken zunächst unscharf – weil sie nicht auf ein einzelnes Produkt einzahlen, sondern auf etwas Größeres.
Ronny Lessau gehört genau in diese zweite Kategorie.
Foto: Ronny Lessau
Was er in Erfurt aufgebaut hat – vom Wirrgarten über die Kreativtankstelle bis hin zum Dreienbrunnenbad – ist kein klassisches Unternehmen. Es ist ein Zusammenspiel aus Orten, Community und Atmosphäre. Und genau deshalb lohnt es sich, diesen Case genauer zu verstehen.
Denn während viele über Fachkräftemangel und Standortprobleme sprechen, stellt sich hier eine andere Frage: Warum bleiben Menschen überhaupt in einer Stadt – oder gehen weg?
Die Antwort liegt oft nicht im Job. Sondern im Gefühl.
Ronny Lessau hat dieses Gefühl zu seinem unternehmerischen Spielfeld gemacht. Sein „Produkt“ ist kein einzelnes Angebot, sondern die Erfahrung, Teil eines Ortes zu sein. Und damit bewegt er sich in einem Markt, der gerade erst entsteht: dem Markt für sogenannte „dritte Orte“ – Räume zwischen Zuhause und Arbeit, die soziale Bindung schaffen.
Die spannende unternehmerische Frage dahinter ist nicht, wie man das skaliert. Sondern: Wie baut man so etwas überhaupt?
Was diesen Case besonders macht: Er beginnt nicht mit einer Idee, sondern mit einer Irritation.
Ronny Lessau kommt ursprünglich aus dem Beamtensystem. Ein Umfeld, das für Stabilität, Planbarkeit und Sicherheit steht. Für viele ist das ein Ziel. Für ihn wurde es zur Sackgasse.
Der entscheidende Punkt ist weniger die Tätigkeit selbst, sondern die Perspektive darauf. Die Vorstellung, schon heute zu wissen, wie die nächsten 30 Jahre aussehen werden. Kein Risiko, aber auch kaum Gestaltungsspielraum.
Der eigentliche Bruch passiert dann nicht durch Druck, sondern durch Inspiration. Ein Besuch in Berlin, am Holzmarkt – improvisierte Atmosphäre, wenig Infrastruktur, aber viele Menschen, die genau deshalb zusammenkommen.
Wenig später steht er vor einer Baugrube in Erfurt.
Und sieht darin nicht das Problem, sondern die Möglichkeit.
Das ist der Moment, der viele unternehmerische Geschichten verbindet:
Nicht „Ich habe eine Idee“, sondern „Ich sehe etwas, das fehlt.“
Der Wirrgarten entsteht aus genau dieser Logik heraus. Ohne großes Kapital, ohne perfekte Planung, aber mit einem klaren Gefühl dafür, was Menschen brauchen könnten.
Und mit einem entscheidenden Unterschied:
Das Projekt ist von Anfang an temporär gedacht.
Wer versucht, das Geschäftsmodell hinter der Kreativtankstelle oder ähnlichen Projekten zu verstehen, läuft schnell in eine klassische Denkschleife: Was ist hier eigentlich das Produkt?
Die Antwort ist: Es gibt nicht das eine.
Das Modell basiert auf mehreren Ebenen, die ineinandergreifen. Ein Café, das als Anker dient. Veranstaltungen, die zusätzliche Erlöse bringen. Vermietungen, die das Modell stabilisieren. Und darüber hinaus externe Einnahmequellen, die es überhaupt erst ermöglichen, solche Orte aufzubauen.
Der entscheidende Punkt: Keine dieser Säulen würde für sich allein funktionieren.
Ein Café, in dem Menschen lange sitzen und wenig konsumieren, ist betriebswirtschaftlich schwierig. Das weiß jeder, der sich mit Gastronomie beschäftigt. Die Lösung liegt hier nicht im klassischen Optimieren, sondern im Neu-Denken des Nutzungskontexts.
Die Kreativtankstelle ist kein Café im engeren Sinne, sondern eine Plattform. Eine Plattform für Begegnung, für Veranstaltungen, für Austausch. Der Kaffee ist eher Eintritt als Produkt.
Das ist eine Verschiebung, die man auch in anderen Branchen beobachten kann:
Das eigentliche Geschäftsmodell liegt nicht im sichtbaren Angebot, sondern in der Nutzung drumherum.
Ein zweiter, oft unterschätzter Baustein ist die Quersubventionierung. Ronny Lessau finanziert seine Projekte über eine parallele Tätigkeit im Eventbereich – unter anderem bei großen Film- und Entertainmentproduktionen.
Das sorgt für eine unternehmerische Freiheit, die viele nicht haben:
Nicht jede Entscheidung muss kurzfristig wirtschaftlich gerechtfertigt werden.
Was in der Theorie schlüssig klingt, wird in der Praxis schnell unbequem.
Bauverzögerungen, ausbleibende Einnahmen, unerwartete Kosten – all das gehört zu diesem Modell dazu. Gerade beim Dreienbrunnenbad wird das deutlich: Geplante Eröffnungstermine verschieben sich, Einnahmen bleiben aus, Kosten laufen weiter.
Für viele wäre das der Punkt, auszusteigen.
Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied im Mindset. Ronny denkt nicht in kurzfristigen Erfolgskennzahlen, sondern in langfristiger Wirkung. Die Frage ist nicht: Rechnet sich das heute? Sondern: Was entsteht hier, wenn es funktioniert?
Das ist riskant. Und gleichzeitig der Grund, warum solche Projekte überhaupt entstehen.
Ein weiterer zentraler Faktor ist die Rolle, die er selbst einnimmt. Er beschreibt sich nicht als Spezialist, sondern als jemand, der Dinge zusammenbringt. Menschen, Ideen, Ressourcen. Weniger Umsetzer im Detail, mehr Orchestrator im Gesamtbild.
Diese Rolle wird im klassischen Unternehmertum oft unterschätzt. Dabei ist sie gerade in komplexen Projekten entscheidend.
Denn nicht alles selbst zu können, ist kein Nachteil – solange man weiß, wen man braucht.
Der größte Fehler wäre, diesen Case als „kreative Ausnahme“ abzutun.
Denn viele der zugrunde liegenden Prinzipien lassen sich übertragen.
Erstens: Erfolgreiche Geschäftsmodelle beginnen selten mit der Frage „Was kann ich bauen?“, sondern mit „Was fehlt?“. Diese Perspektive verschiebt den Fokus vom Produkt auf den Bedarf.
Zweitens: Community ist oft das erste echte Kapital. Gerade in frühen Phasen können Menschen, die an eine Idee glauben, mehr bewegen als ein klassisches Budget.
Drittens: Ein einzelnes Angebot reicht in vielen Fällen nicht aus. Erst das Zusammenspiel mehrerer Einnahmequellen macht ein Modell tragfähig.
Viertens: Marke entsteht nicht erst im Wachstum, sondern von Anfang an. Selbst temporäre Projekte profitieren davon, eine klare Identität zu haben.
Fünftens: Durchhaltevermögen ist kein Soft Skill, sondern ein harter Wettbewerbsvorteil. Gerade in unsicheren Projekten entscheidet oft nicht die Idee, sondern die Ausdauer.
Und vielleicht der wichtigste Punkt: Nicht jedes Projekt muss sofort profitabel sein, um sinnvoll zu sein. Vorausgesetzt, es ist Teil eines größeren unternehmerischen Gesamtbilds.
Was dieser Case besonders interessant macht, ist die Einordnung in einen größeren Trend.
Die klassischen Trennlinien zwischen Arbeit, Freizeit und sozialem Leben verschwimmen. Menschen suchen Orte, an denen sie sich aufhalten können, ohne eine klare Funktion erfüllen zu müssen.
Coworking-Spaces, Cafés, Eventflächen – all das entwickelt sich weiter in Richtung hybrider Räume.
Der Begriff „dritter Ort“ beschreibt genau das: Orte, die weder Zuhause noch Arbeitsplatz sind, aber für Lebensqualität entscheidend werden.
Gleichzeitig ist dieser Markt noch nicht klar definiert. Viele Angebote sind entweder rein kommerziell oder stark subventioniert. Modelle wie das von Ronny bewegen sich dazwischen. Das macht sie schwer skalierbar – aber gleichzeitig schwer kopierbar. Und genau darin liegt ihre Stärke.
Wenn man diesen Case mit typischen Startup-Geschichten vergleicht, fällt ein zentraler Unterschied auf. Hier geht es nicht um schnelles Wachstum. Nicht um Skalierung. Nicht um Exit. Es geht um Wirkung. Städte werden attraktiver. Attraktivität zieht Menschen an. Menschen brauchen städtischen Wohnraum.
Das klingt zunächst weich, ist aber in vielen Fällen langfristig relevanter. Denn Orte, die funktionieren, erzeugen Bindung. Und Bindung ist in vielen Märkten der eigentliche Engpass.
Zwei Gedanken bleiben besonders hängen:
Erstens: Viele Städte unterschätzen, wie stark Lebensqualität ein wirtschaftlicher Faktor ist.
Zweitens: Nicht jedes erfolgreiche Unternehmertum muss sich in Zahlen der ersten Jahre messen lassen. Ronny Lessau baut keine klassischen Unternehmen. Er baut Rahmenbedingungen, in denen andere gerne leben, arbeiten und bleiben.
Und vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, das festzuhalten: Nach rund zehn Jahren Wirrgarten, Kreativtankstelle und Co. wird sichtbar, dass solche Ideen nicht nur kurzfristige Experimente sind – sondern beginnen, eine Stadt nachhaltig zu prägen. Wer das selbst erleben will: Am 1. Mai 2026 startet im Dreienbrunnenbad Erfurt mit dem „Kulturbaden – Summer Opening“ die nächste Iteration dieses Ansatzes – als Mischung aus Kultur, Gastronomie und Community. Mehr Infos: https://kreativtankstelle.net