Sven Lindig: „Ich will eher am als im Unternehmen arbeiten“ von LINDIG Fördertechnik

Vom Fünf-Mann-Betrieb zum Dienstleister mit rund 400 Mitarbeitenden: Sven Lindig hat gelernt, Verantwortung abzugeben. Heute steht sein Unternehmen vor der nächsten Veränderung – vom Staplergeschäft zum Anbieter automatisierter Prozesse. Was der Mittelstand daraus lernen kann.

Zwei Roboter fahren durch ein produzierendes Unternehmen. Sie transportieren Material über Strecken zwischen 100 und 450 Metern, sind in zwei Schichten unterwegs und legen laut Sven Lindig täglich fünf bis sechs Kilometer zurück. Die beiden Systeme zusammen kosten nach seiner Angabe weniger als 1.000 Euro Leasing im Monat.

Das ist kein Szenario aus einer Zukunftsstudie. Es ist ein Kundenbeispiel, das Lindig, Geschäftsführer des gleichnamigen Familienunternehmens aus Krauthausen bei Eisenach, als seinen Lieblingsfall beschreibt. Die eigentliche Frage dahinter ist nicht, ob Roboter technisch faszinierend sind. Sondern wie viel Arbeitszeit Unternehmen jeden Tag für Wege, Transporte und Routinen einsetzen, die sich anders organisieren ließen.

LINDIG verkauft und vermietet Gabelstapler und Arbeitsbühnen, schult Mitarbeitende und betreut Technik im laufenden Betrieb. Rund 400 Menschen arbeiten laut Lindig an acht Standorten. Das Unternehmen kennt die Prozesse seiner Kunden und bewegt sich damit an einer Schnittstelle: Dort, wo aus einem einzelnen Gerät zunehmend ein automatisierter Ablauf wird.

Für Lindig verändert das auch das eigene Geschäftsmodell. Langfristige Miet- und Serviceverträge geben Planungssicherheit. Robotikprojekte müssen dagegen analysiert, eingeführt und immer wieder neu gewonnen werden. Die Chance ist groß – aber sie verlangt andere Fähigkeiten als das klassische Gerätegeschäft.

Die Geschichte ist deshalb auch für Unternehmen interessant, die weder Stapler verkaufen noch eine Logistikhalle betreiben. Sie handelt von einer Frage, die fast jeder Mittelständler irgendwann beantworten muss: Wie verändert man ein funktionierendes Unternehmen, bevor der Markt es dazu zwingt?

Vom Schmiedebetrieb zum Staplerdienstleister: Der entscheidende Wechsel kam nach der Wende

LINDIG beginnt 1899 als Hufschmiede und Wagenbaubetrieb. Später repariert die Familie Kraftfahrzeuge und setzt Blattfedern instand. In der DDR bleibt der Betrieb klein. Lindig erzählt, sein Vater habe damals mit einer Handvoll Gesellen gearbeitet und das Unternehmen eng persönlich geführt.

Nach der Wende steht die Familie vor einer grundlegenden Entscheidung. Das bisherige Geschäft mit Blattfedern wird durch den Umbruch im Fahrzeugmarkt infrage gestellt. Eine Möglichkeit wäre gewesen, stärker in den Handel mit Fahrzeugteilen einzusteigen. Die Familie entscheidet sich für ein anderes Feld: Gabelstapler und die Zusammenarbeit mit Linde als Vertragshändler.

Für Sven Lindig wird 1990 ein Besuch bei Linde in Aschaffenburg zum persönlichen Wendepunkt. Als Jugendlicher kennt er bereits die älteren Stapler im eigenen Betrieb. Nun erlebt er neue Technik und ihre präzisere Steuerung. „Ich bin in einer ganz neuen Welt aufgewacht“, sagt er im Gespräch. Der Satz beschreibt weniger eine fertige Strategie als den Moment, in dem aus familiärer Erwartung eigenes Interesse wird.

Nach seiner Ausbildung zum Kfz-Mechaniker und dem BWL-Studium steigt er in den Vertrieb ein. Die erste Phase ist arbeitsintensiv: früh anfangen, abends aufhören, im Tagesgeschäft mitarbeiten. Gleichzeitig entstehen eigene Vorstellungen davon, wie Verantwortung verteilt und ein größeres Unternehmen geführt werden könnte.

Die Übergabe um den Jahreswechsel 2010/2011 schafft dafür den Raum. Lindig beschreibt das Spannungsfeld zwischen den Generationen ohne einfache Schuldzuweisung. Sein Vater habe einen kleinen Betrieb unter Bedingungen geführt, in denen persönliche Kontrolle funktionierte und nötig erschien. Bei deutlich mehr Beschäftigten werde dieselbe Logik zum Engpass.

„Wenn man dann alles über einen eigenen Schreibtisch ziehen will, dann wird man zum Bottleneck“, sagt Lindig. Das ist der Kern seiner Nachfolgegeschichte: Nicht der Wille zur Kontrolle war das Problem, sondern eine Organisation, deren Größe irgendwann nicht mehr zu diesem Führungsstil passte.

Was eine Mitarbeiternote von 4,3 über Wachstum verriet

Zu Beginn der Veränderung steht eine Diagnose, die unangenehm genug ist, um ernst genommen zu werden. Gemeinsam mit künftigen Führungskräften untersucht Lindig das Unternehmen mithilfe der TEMP-Methode. Auf Kundenseite sieht die Gruppe vieles positiv. Im Bereich Mitarbeitende kommt sie nach seiner Darstellung auf eine Durchschnittsnote von 4,3.

Das Ergebnis trifft auch die Menschen, die es erheben. „Das war natürlich bitter, weil wir selber Teil des Systems waren“, sagt Lindig. Der Kundenfokus hatte demnach funktioniert, teilweise aber auf Kosten der Beschäftigten. Die Geschäftsführung stand damit vor der Aufgabe, ein wirtschaftlich gewachsenes Unternehmen zu verändern, ohne seinen Kernnutzen für Kunden zu verlieren.

Zunächst folgen klassische Managementinstrumente: Mitarbeitergespräche, Ideenmanagement und konkrete Maßnahmen. Drei Jahre später, so Lindig, habe bei der Bewertung eine Zwei vor dem Komma gestanden. Die Zahlen sind seine Erinnerung an die interne Selbstbewertung; sie zeigen keine unabhängige Vergleichsstudie. Für den Fall sind sie trotzdem aussagekräftig: Das Unternehmen hat eine Schwäche benannt und über mehrere Jahre bearbeitet.

Die nächste Grenze wird sichtbar, als LINDIG seine Bereiche anders organisiert. Stapler und Arbeitsbühnen waren in getrennten Strukturen unterwegs. Für Kunden, die beides benötigten, wurde das kompliziert. Also setzt das Unternehmen gemeinsame Leitungen für Vertrieb und Kundendienst ein.

Das Ergebnis ist nicht die erhoffte reibungslose Zusammenarbeit. Nach Lindigs Beschreibung entstehen neue Silos: Vertrieb auf der einen, Service auf der anderen Seite. Probleme werden nach oben gegeben, Führungskräfte sollen die Abstimmung übernehmen. Die Struktur war geändert; die Abhängigkeit von übergeordneten Entscheidungen blieb.

LINDIG experimentiert weiter und arbeitet schließlich mit verzahnten Kreisen und dem Konsentprinzip. Grundsatzentscheidungen werden gemeinsam bearbeitet. Ein schwerer Einwand muss begründet werden; die Gruppe verändert den Vorschlag, bis kein solcher Einwand mehr besteht. Das kann zunächst länger dauern. Lindigs Argument: Wer Betroffene früh einbindet, muss später weniger Entscheidungen reparieren und erklären.

Auch dieses Modell hat einen Preis. Lindig räumt ein, dass es anfangs zu viele Meetings gab und operative Themen in Grundsatzrunden landeten. Seine Konsequenz: Organisationsentscheidungen brauchen Beteiligung, das Tagesgeschäft muss dennoch schnell laufen. Gerade diese Trennung macht den Fall glaubwürdig. Selbstorganisation beseitigt Reibung nicht automatisch; sie verlagert die Arbeit der Führung.

Warum LINDIG mit dem Stapler allein noch kein Geschäft gemacht hat

Der Kunde möchte in der Regel keinen Stapler besitzen, weil er Stapler sammelt. Er will Material transportieren und seinen Betrieb funktionsfähig halten. „Es geht natürlich dem Kunden jetzt nicht primär [um] den Besitz des Gabelstaplers, sondern natürlich die Leistungsfähigkeit, die dahinter steht“, sagt Lindig.

Aus dieser Kundenaufgabe entsteht das Angebot: neue und gebrauchte Geräte, Kurz- und Langfristmiete, Wartung, Kundendienst, Schulungen und zunehmend Automatisierung. Laut Lindig entfällt etwa ein Viertel des Umsatzes auf den Kundendienst. Für die Kurzzeitmiete nennt er jeweils mehr als 1.000 eigene Stapler und Arbeitsbühnen. Das sind seine Angaben im Gespräch; eine getrennte Abschlussprüfung liegt für diesen Artikel nicht vor.

Bemerkenswert ist die Akademie. Lindig beschreibt sie als Geschäft, das häufig nur nebenbei betrachtet werde. Bei LINDIG habe sie im Vorjahr mehr als eine Million Euro Umsatz erzielt und über 4.000 Schulungsteilnehmende erreicht. Die Schulung ergänzt das Gerätegeschäft, löst aber zugleich ein eigenes Kundenproblem: Beschäftigte müssen Maschinen bedienen können.

Ein weiterer Hebel ist Kooperation. Über den SYSTEM LIFT-Verbund kann LINDIG nach Lindigs Darstellung auch eine Arbeitsbühne in Hamburg vermitteln, ohne sie selbst aus Thüringen quer durch Deutschland zu transportieren. Ein regionaler Partner übernimmt die Leistung vor Ort. Die Kundenbeziehung kann damit größer sein als die eigene geografische Reichweite.

Im langfristigen Mietgeschäft weiß LINDIG laut Lindig bei manchen Verträgen ungefähr, wie viele Stunden eine Flotte jährlich laufen soll. Das erleichtert die Planung von Servicepersonal über mehrere Jahre. Diese Verlässlichkeit ist wirtschaftlich wertvoll – und sie macht verständlich, warum das Unternehmen beim Übergang zum Projektgeschäft neue Unsicherheit akzeptiert.

Der Vorteil für den Kunden liegt in der Verbindung mehrerer Leistungen. Der Vorteil für LINDIG liegt in wiederkehrenden Kontakten, Service und Wissen über den Betrieb. Die Grenze des Modells ist ebenfalls sichtbar: Eine große Geräteflotte bindet Kapital, und guter Service braucht Menschen und Nähe. Die Stärke entsteht deshalb nicht allein durch Breite, sondern durch die Fähigkeit, sie zuverlässig zu organisieren.

Zwei Stunden bis zur ersten Vorführung – und trotzdem beginnt nicht jedes Projekt mit einem Roboter

Bei Robotik beschreibt Lindig zwei sehr unterschiedliche Ausgangspunkte. Das eine Ende ist ein komplexeres Projekt bei einem Medizintechnikhersteller: Dort sollen fahrerlose Transportsysteme Abläufe vom Eingang produzierter Waren ins Lager bis zum Warenausgang übernehmen. Vorher müsse man die Prozesse analysieren und prüfen, was sich automatisieren lässt.

Am anderen Ende stehen kleinere Reinigungs- und Transportroboter. Bei einer geeigneten Hallenreinigung könne ein Mitarbeiter das Gerät laut Lindig direkt mitbringen, die Umgebung erfassen und eine Vorführung innerhalb von etwa zwei Stunden einrichten. Das ist eine Aussage zu einfachen Fällen – keine Zusage, dass jedes Robotikprojekt in zwei Stunden produktiv läuft.

Genau dieser Unterschied ist für KMU wichtig. Wer einen überschaubaren, wiederkehrenden Weg automatisieren möchte, braucht möglicherweise zunächst einen Test in der eigenen Umgebung. Wer mehrere Lager- und Produktionsprozesse miteinander verbinden will, muss erst verstehen, welche Aufgaben überhaupt zusammenhängen und wo Übergaben entstehen.

Das eingangs beschriebene Transportbeispiel macht die Logik greifbar: Zwei Roboter mit einer Tragfähigkeit von jeweils 300 Kilogramm bedienen laut Lindig Strecken in der Produktion. Zusammen lägen die Leasingkosten unter 1.000 Euro pro Monat. Was im Gespräch offenbleibt, sind unter anderem Einrichtungsaufwand, konkrete Auslastung, Vertragsbedingungen und die gesamten laufenden Kosten. Aus der Leasingrate allein lässt sich deshalb noch keine allgemeine Amortisationsrechnung ableiten.

Die wirtschaftliche Frage ist trotzdem gut gestellt: Wie viele Wege entfallen für Mitarbeitende, welche Aufgaben bleiben, und was kostet die Lösung einschließlich Betreuung? Ein kurzer Transportweg kann sich summieren, wenn er jeden Tag viele Male anfällt. Umgekehrt kann ein scheinbar passender Roboter wenig bringen, wenn die eigentliche Arbeit in der Übergabe oder Vorbereitung steckt.

Für LINDIG selbst bedeutet Robotik mehr als eine neue Produktkategorie. Das Unternehmen benötigt Beratung, Analyse und Inbetriebnahme. Aus planbaren Miet- und Serviceerlösen wird teilweise Projektgeschäft. Lindig beschreibt den Unterschied nüchtern: Bei langfristigen Verträgen könne man relativ gut voraussehen, was im nächsten Jahr zu tun sei. Bei Projekten müsse man kontinuierlich neue Aufträge gewinnen.

Das ist der strategische Haken an vielen Transformationsgeschichten: Ein neues Angebot kann Kunden stärker binden und zugleich die Planbarkeit des eigenen Geschäfts verschlechtern. Wer in diesen Markt geht, braucht deshalb beides – Kompetenz für die Einführung und eine ehrliche Rechnung darüber, wie Vertrieb, Projektarbeit und laufender Service zusammenpassen.

Von 30 kaum genutzten Lizenzen zu einem selbst gebauten Webshop

Auch bei KI beginnt der Wandel bei LINDIG mit Unzufriedenheit. Lindig berichtet von rund 30 mehr oder weniger ungenutzten Copilot-Lizenzen und einem Anruf-Bot, der aus seiner Sicht nicht überzeugend funktionierte. Die Technik war vorhanden; ein klarer Effekt im Alltag war für ihn zunächst schwer zu erkennen.

Daraufhin experimentiert er selbst mit KI-gestützter Softwareentwicklung. Kurz vor der Vergabe eines Webshop-Projekts probiert er aus, was er mit den Werkzeugen erstellen kann. Nach wenigen Stunden habe er einen vorzeigbaren Stand gehabt. Gemeinsam mit einem Kollegen entscheidet das Unternehmen, den Shop selbst weiterzuentwickeln, statt den Auftrag wie geplant extern zu vergeben.

Die Episode ist keine belastbare Aussage darüber, dass Unternehmen künftig keine Agenturen mehr brauchen. Der Gesprächsverlauf beschreibt vielmehr eine konkrete Entscheidung bei LINDIG: Ein schneller Prototyp verändert die Ausgangslage und macht eine interne Alternative sichtbar.

Dabei stößt Lindig nach eigener Aussage auch auf Grenzen bei IT-Sicherheit und Datenschutz. Für die Entwicklung wird ein separater Rechner genutzt, der nicht mit den anderen Unternehmenssystemen verbunden ist. Das ist ein konkreter Versuch, Experiment und Unternehmensumgebung zu trennen; ob diese Maßnahme für andere Unternehmen ausreicht, lässt sich aus dem Gespräch nicht ableiten.

Später organisiert LINDIG eine interne Schulung. Lindig spricht von mehr als 70 eingesetzten Agenten und einer von der IT gemessenen Copilot-Nutzungsquote von 97 Prozent. Die Kennzahlen beziehen sich auf seine Darstellung; aus dem Gespräch geht nicht eindeutig hervor, auf welche Nutzergruppe und welchen Messzeitraum sich die Quote genau bezieht. Auch eine Nutzungsquote belegt für sich genommen noch keinen wirtschaftlichen Mehrwert.

Lindig benennt die entscheidende Frage selbst: Wird eine E-Mail lediglich schöner formuliert – oder wird ein Prozess tatsächlich anders und besser? Der Lerneffekt liegt nicht in der Zahl der Lizenzen. Er liegt darin, dass Geschäftsführung und Beschäftigte konkrete Aufgaben ausprobieren und anschließend prüfen müssen, ob daraus ein Vorteil entsteht.

Sieben Entscheidungen, die sich auf andere Unternehmen übertragen lassen

1. Eine gute Kundenbeziehung kann schlechte interne Abläufe verdecken.
Bei LINDIG war die Bewertung der Kundenseite positiv, während die eigene Analyse im Bereich Mitarbeitende eine 4,3 ergab. Wer nur auf Umsatz und Kundenzufriedenheit schaut, übersieht möglicherweise, was das Team dafür dauerhaft auffangen muss. Der übertragbare Schritt ist, beide Seiten regelmäßig anzusehen – und aus einer Diagnose konkrete Maßnahmen abzuleiten.

2. Verantwortung abgeben heißt, Entscheidungen dorthin zu bringen, wo Informationen liegen.
Lindig beschreibt, wie Probleme in der alten Struktur nach oben wanderten. Das verzögerte Entscheidungen und belastete die Führung. Viele Unternehmen delegieren Aufgaben, behalten aber jede Freigabe beim Chef. Wer Verantwortung ernst meint, muss auch festlegen, welche Entscheidungen ein Team selbst treffen darf und welche Informationen es dafür benötigt.

3. Organigramme lösen keine Abstimmungsprobleme von selbst.
Aus getrennten Stapler- und Bühnenbereichen wurden bei LINDIG zunächst neue Silos für Vertrieb und Service. Der Fehler wäre, eine neue Kästchenstruktur bereits für eine neue Zusammenarbeit zu halten. Vor einer Reorganisation lohnt sich die Frage: Wie läuft ein konkreter Kundenauftrag künftig über die Bereichsgrenzen hinweg?

4. Freiraum braucht Zahlenverständnis.
Lindig berichtet, dass Mitarbeitende Einblick in Kennzahlen erhalten und betriebswirtschaftliche Grundlagen in Workshops erklärt werden. Das ist die logische Ergänzung zu dezentralen Entscheidungen: Wer handeln soll, muss Folgen beurteilen können. Transparenz ohne Verständnis hilft wenig; Verantwortung ohne Zugang zu relevanten Zahlen ebenso wenig.

5. Experimente brauchen vorab klare Bedingungen.
Die Vier-Tage-Woche war bei LINDIG laut Sven Lindig ausdrücklich ein Test mit rund 60 Freiwilligen über ein halbes Jahr. Kundenleistung und Bezahlung sollten erhalten bleiben. Das Ergebnis: Das Modell passte nicht überall; zugleich führte das Unternehmen nach seiner Darstellung eine 38-Stunden-Woche ein. Übertragbar ist die Vorgehensweise: erst die Bedingungen klären, dann testen und auch ein gemischtes Ergebnis zulassen.

6. Fehler vermeiden und Neues lernen sind unterschiedliche Aufgaben.
Bei einer bekannten Wartungsanweisung müssen sicherheitsrelevante Schritte eingehalten werden. Bei einem neuen Markt oder Produkt fehlen dagegen oft sichere Antworten. Lindig bevorzugt deshalb den Begriff Lernkultur. Unternehmen machen sich das Leben schwer, wenn sie jede Abweichung entweder bestrafen oder jede Nachlässigkeit pauschal als Lernchance entschuldigen.

7. Robotik beginnt mit einem Vorgang, nicht mit einem Einkaufskatalog.
Der Fall der beiden Transportroboter zeigt, wie sich eine wiederkehrende Aufgabe beschreiben lässt: Strecke, Häufigkeit, Traglast und Einsatzzeit. Viele Projekte starten bei einem interessanten Gerät und suchen anschließend nach einer Aufgabe. Besser ist, erst einen Engpass messbar zu machen und dann zu testen, ob ein System ihn unter realen Bedingungen löst.

Der nächste Wettbewerb entscheidet sich bei der Einführung

Lindig beobachtet bei humanoiden Robotern zunächst den Hersteller, mit dem LINDIG bereits zusammenarbeitet: Pudu. Er nennt außerdem Agibot und Tesla als Unternehmen, deren Entwicklung er verfolgt. Seine Aussagen sind eine Momentaufnahme seiner Beobachtung. Eine Herstellerbewertung oder eine nachgewiesene Zusammenarbeit mit allen genannten Unternehmen liefert das Gespräch nicht.

Sein kaufmännischer Gedanke ist nachvollziehbar: Zunächst bei einem bekannten Ansprechpartner und einer gemeinsamen Plattform zu bleiben, kann den Aufbau von Know-how erleichtern. Wer sich zu früh mit vielen Herstellern beschäftigt, riskiert, Aufmerksamkeit und Ressourcen zu verteilen, bevor klar ist, welches System tatsächlich einsetzbar ist.

Gleichzeitig bleibt offen, wie humanoide Roboter im konkreten Kundenbetrieb eingerichtet und betreut werden. Lindig erwartet, dass betriebliche Aufgaben angepasst und trainiert werden müssen. Genau dort könnte für einen regionalen Dienstleister eine Aufgabe entstehen: zwischen Herstellertechnologie und realem Arbeitsprozess zu vermitteln.

Ob diese Rolle wirtschaftlich tragfähig wird, ist noch keine ausgemachte Sache. Der Hersteller könnte direkter verkaufen, Kunden könnten eigene Kompetenzen aufbauen, und manche Aufgaben könnten mit spezialisierten Maschinen einfacher lösbar sein. LINDIG muss seinen Beitrag deshalb dort beweisen, wo der Kunde ihn messen kann: bei Auswahl, Einführung, Verfügbarkeit und Nutzen.

Im Gespräch kommt auch die Frage auf, was mit dem Wissen geschieht, das ein Roboter bei einer betrieblichen Aufgabe erhält. Lindigs Antwort ist bemerkenswert knapp: Er hält das für einen spannenden Punkt und sagt, dass er darauf keine Antworten hat. Für Unternehmen ist das ein Arbeitsauftrag: Vor einem Einsatz sollten sie mit dem jeweiligen Anbieter klären, welche Daten erfasst, übertragen und verwendet werden.

Für Gründer und Nachfolger steckt darin eine größere Lehre. Ein neues Produkt eröffnet nicht automatisch ein neues Geschäftsmodell. Entscheidend ist, welche Verantwortung man übernimmt, welche Kompetenzen man selbst aufbaut und ob Kunden dafür dauerhaft bezahlen. Für einen möglichen Exit gilt dieselbe Frage: Wie viel des Unternehmenswerts steckt in einer belastbaren Kundenbeziehung und funktionierenden Prozessen – und wie viel hängt an einer einzelnen Person?

Die unbequeme Wahrheit: Auch ein guter Chef kann zum Engpass werden

Der stärkste Satz dieses Gesprächs handelt nicht von Robotern. Er handelt vom eigenen Schreibtisch. Lindig hat verstanden, dass persönlicher Einsatz ein Unternehmen aufbauen kann – und dass derselbe Führungsstil später seine Entwicklung begrenzen kann.

Das ist keine Kritik an der vorherigen Generation. Sein Vater führte einen kleinen Betrieb in einer anderen wirtschaftlichen Realität. Sven Lindig musste für eine größere Organisation eine andere Antwort finden. Der interessante Teil ist, dass er dafür nicht nur mehr Führungskräfte eingestellt, sondern Entscheidungswege und Zusammenarbeit mehrfach hinterfragt hat.

Der Fall widerspricht auch der Vorstellung, Wachstum müsse immer mit einer radikalen Neuerfindung oder einem Exit enden. LINDIG verändert sein Angebot Schritt für Schritt, baut auf Kundenbeziehungen und Service auf und nimmt dafür in Kauf, dass neue Felder wie Robotik zunächst andere Risiken und Arbeitsweisen mitbringen.

Zur Mission von EASTSIDE HEROES passt diese Geschichte, weil sie ostdeutsches Unternehmertum weder romantisiert noch auf eine Erfolgskurve reduziert. Sie zeigt einen Betrieb, der durch unterschiedliche wirtschaftliche Systeme gegangen ist und heute Fragen bearbeitet, vor denen viele Mittelständler stehen: Wie geben wir Verantwortung ab? Wie führen wir neue Technik ein? Und woran erkennen wir, ob sie unserem Geschäft wirklich hilft?

Die Antwort liegt bei LINDIG nicht in einem einzelnen Roboter. Sie liegt in der Bereitschaft, das eigene Unternehmen immer wieder so zu organisieren, dass Menschen und Technik gemeinsam ein Kundenproblem lösen können.

Moritz

Moritz Wasserek ist Mitgründer von EASTSIDE HEROES und der D2C-Marke No Coffee. Zuvor hat er die Influencer-Marketing-Software IROIN® als CEO aufgebaut und bis zum Exit geführt. Heute arbeitet er an der Schnittstelle von Digital Marketing, SaaS und Community-Aufbau – mit dem Ziel, Unternehmertum und digitale Geschäftsmodelle in Ostdeutschland sichtbarer und erfolgreicher zu machen.

https://www.linkedin.com/in/moritz-wasserek
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