Christian Hunold hat in einer Garage im Eichsfeld angefangen. Heute plant und fertigt seine Ladenbau Hunold GmbH in einer ehemaligen Baumwollspinnerei in Leinefelde Läden für Bäckereien, Fleischereien und viele weitere Branchen. In Folge 110 des EASTSIDE HEROES Podcasts erzählt er, warum Mut allein nicht reicht und welches Wort ihn seit 26 Jahren trägt.
Christian war vielleicht 13 Jahre alt, als sein Vater nachts mit einem befreundeten Tischlermeister nach Hause kam, ihn aus dem Bett holte und kurzerhand „zum Tischler schlug“. Heute lacht Christian über diese Nacht. Wichtiger ist, was daraus wurde: „Ich wusste immer, ich werde Tischler und ich werde mich selbstständig machen“, sagte Christian. Und das schon zu DDR-Zeiten, als eigene Betriebe die Ausnahme waren. In seinem Freundeskreis gab es Eltern mit eigenem Geschäft. Sie arbeiteten viel, aber sie gestalteten selbst. Genau das wollte er auch.
Mit dem Moped zur Lehre
Dann kam die Wende. Christian war 14 oder 15, als auf einem Platz in Leinefelde jemand auf die Bühne trat und verkündete, die Grenze sei offen. Niemand wusste so recht, wie es weitergeht. Christian machte die zehnte Klasse fertig und ging als einer der ersten Lehrlinge aus dem Osten nach Duderstadt ins Berufsgrundjahr.
Rund 20 Kilometer, jeden Tag, mit dem Moped, bei Wind und Wetter. „Da wurde auch nicht gefragt, soll ich dich denn morgens fahren, Junge“, sagte Christian. Mit 15 musste er sich selbst organisieren. Am Ende schloss er als zweitbester Lehrling seines Jahrgangs ab, was er erst bei der Übergabe des Gesellenbriefs erfuhr. Es folgten Gesellenjahre, Meisterschule und viele Aufträge bei Freunden und Bekannten.
Garage, Kredit und eine Bank, die an ihn glaubte
Am 1. Januar 2000 machte sich Christian selbstständig. Die ersten Möbel baute er in der Garage seines kleinen Hauses in Gernrode. Kurz darauf kaufte er eine alte LPG-Halle, in der früher Tiere standen, und baute sie zu einer Werkstatt mit rund 220 Quadratmetern um.
Möglich machte das die Kreissparkasse. Ein junger Mann, gerade ein Haus finanziert, will eine Halle kaufen und für 100.000 Mark eine Tischlerei einrichten. Die Bank sagte ja. „Mit der Bank arbeite ich bis heute noch zusammen“, sagte Christian.
Leicht war der Anfang nicht. Fachkräfte gab es damals reichlich, Aufträge dagegen kaum. Also fuhr das kleine Team nach Leipzig und verbaute als Nachunternehmer Gipskarton in einem Krankenhaus. Christians Ziel im ersten halben Jahr: so viel verdienen, dass Lebensmittel und der Abtrag fürs Häuschen bezahlt sind. Rückblickend war genau diese Zeit wertvoll. Strom, Heizung, Trockenbau: Er hat fast alles schon einmal selbst gemacht. Davon profitiert er heute, wenn sein Unternehmen große Projekte als Generalunternehmer steuert.
„Dann mach doch mal selber“
Den Weg in den Ladenbau öffneten zwei Türen. Ein befreundeter Bäcker fragte, ob Christian ihm einen Sonderstand bauen könne. Und ein Einrichtungsunternehmen buchte sein Team für Montagen. Christians Leute waren schneller als kalkuliert, also bot er Paketpreise an.
Beim Einbauen ärgerte er sich immer wieder über Theken am falschen Platz. Bis ihm ein Architekt sagte: „Christian, wenn du so große Klappe hast, dann mach doch mal selber.“ Christian nahm ein leeres Blatt und einen Grundriss und merkte schnell, wie anspruchsvoll gute Ladenplanung ist. Seitdem schaut er sich in ganz Europa Läden an und fragt: Warum funktioniert dieser, und warum der andere nicht?
Einige seiner Antworten: Eine Theke sollte nie komplett leer sein, denn Bewegung zieht Menschen an. Produktionsbereiche rücken nach vorn, damit jeder sieht, dass hier frisch gebacken wird. Und dann ist da das Licht. „Die Ware in das richtige Licht zu rücken, das ist das Entscheidende“, sagte Christian. Bei einem neuen Kunden in Berlin fiel ihm sofort auf, dass die Auslage von hinten beleuchtet war und vorn im Schatten lag. Dem Kunden selbst war das nie aufgefallen.
Zu seinen langjährigen Partnern gehört die Bäckerei Bergmann aus Frömmstedt. Gemeinsam mit Matthias Bergmann, der selbst zum Netzwerk der EASTSIDE HEROES gehört, hat Christian ausprobiert, wie Theken nach vielen Jahren wieder frisch werden, ohne komplett neu gebaut zu werden. Denn Ladeneinrichtungen halten heute oft 15 Jahre, obwohl ein Relaunch nach sieben bis zehn Jahren sinnvoll wäre. Den größten Hebel sieht Christian dabei nicht im Ladenbau, sondern bei den Personalkosten: Kürzere Wege und Produktion im Sichtfeld der Kundschaft können eine neue Einrichtung mitfinanzieren.
Die Bäckerei als Treffpunkt
Bäckereien stehen unter Druck, auch durch die wachsenden Backabteilungen im Handel. Christian rät nicht zum Bauchladen mit Eis und Mittagstisch. Er setzt auf Aufenthaltsqualität. Je digitaler der Alltag wird, desto mehr suchen Menschen Orte, an denen sie sich begegnen. „Wir sind Handwerk, wir sind Mittelstand und wir meinen das noch ernst“, sagte Christian. Ältere Gäste erlebt er dabei nicht als einsame Kaffeetrinker, sondern als Junggebliebene, die solche Orte aktiv nutzen.
Sein wichtigster Rat an Unternehmer: Investiere, wenn das Geschäft am besten läuft, nicht erst, wenn es kippt.
90.000 Quadratmeter Mut
2015 stand Christian zum ersten Mal in der ehemaligen Baumwollspinnerei von Leinefelde, dem Werk, mit dem die Stadt einst gewachsen ist. Sein erster Gedanke: „Das ist ja mega spannend, aber für mich im Leben nicht.“
Zwei Jahre später war er wieder dort, diesmal mit einem Nachbarn, der einen Teil übernehmen wollte. Der Nachbar sprang ab, Christian blieb. Er begann ausgerechnet mit der ehemaligen Färberei, dem am stärksten heruntergekommenen Teil. „Wenn ich es mache, muss ich wenigstens mit dem schlimmsten Teil anfangen“, sagte Christian. Eine Bauruine wollte er nicht hinterlassen.
Für ihn ist das gelebte Nachhaltigkeit: erst schauen, was da ist, bevor neu gebaut wird. Fördergeld gab es dafür nur einmal, für LED-Licht in der Produktion. Heute liegt Photovoltaik auf den sanierten Dächern, dazu kommt nach eigener Recherche die größte nach Süden ausgerichtete PV-Fassadenanlage Deutschlands. Gerade im Winter, wenn die Sonne tief steht, liefert die Fassade wertvollen Strom. An sonnigen Tagen produziert der Standort deutlich mehr, als er selbst verbraucht.
Der Holzwurm-Huni und die KI
So lebhaft Christian über Holz spricht, so begeistert ist er von KI. Direkt nach unserer Aufnahme stand eine Schulung für alle Mitarbeitenden mit Rechnerarbeitsplatz an, durchgeführt von seiner Tochter. Jeder bekommt ein eigenes KI-Tool. Parallel entsteht eine geschützte Unternehmens-KI, intern der „Holzwurm-Huni“, die das Wissen der Firma bündelt.
„Für mich ist die KI Freizeit“, sagte Christian. Jede Aufgabe, die sie abnimmt, schafft Raum. Wichtig bleibt ihm: Ergebnisse prüfen und selbst weiterdenken. Beim Konstruieren auf den Millimeter ist die KI noch nicht so weit. Dafür landen die 3D-Daten aus der Konstruktion inzwischen direkt bei den Mitarbeitenden in der Produktion. Wer bei KI noch zögert, soll spielerisch einsteigen: Alles, was dich nervt, gib es einfach mal rein.
Weitermachen
Ladenbau ist kein Selbstläufer. In diesem Jahr mussten zwei größere Mitbewerber Insolvenz anmelden. Fragt man Christian nach seinem Erfolgsrezept, nennt er Zeit, Wissen und Kontinuität. „Nicht aufhören, nicht aufgeben, weitermachen“, sagte Christian. Auch dann, wenn es mal richtig schlecht läuft.
Dazu gehört Verlässlichkeit: In 26 Jahren wurde jeder Lohn pünktlich gezahlt. Gleichzeitig fordert er Leistung. Und er bleibt experimentierfreudig, etwa mit dem Onlineshop passandu.de für konfigurierbare Maßmöbel oder einem Gewinnspiel, bei dem es im kommenden Jahr um einen kompletten Laden geht.
Warum sich Christian nicht als Held sieht
Auf die Frage, was ihn zu einem EASTSIDE HERO macht, winkt Christian ab. „Da gehört noch ganz viel mehr dazu und ganz viele Menschen“, sagte Christian. Wer seine Geschichte hört, versteht ihn. Die Sparkasse, die einem jungen Tischler vertraute. Der Bäcker, der den ersten Sonderstand bestellte. Der Architekt, der ihn herausforderte. Der Nachbar, der ihn zurück in die Spinnerei brachte.
Die entscheidenden Impulse kommen oft von Menschen, die zur richtigen Zeit die richtige Frage stellen. Genau solche Begegnungen holen wir bei den EASTSIDE HEROES aus dem Zufall heraus: Unternehmerinnen und Unternehmer aus Mittel- und Ostdeutschland, die sich gegenseitig Türen öffnen, voneinander lernen und bei Klassenfahrten hinter die Kulissen anderer Betriebe schauen, so wie wir es bei der Führung durch die Spinnerei erleben durften. Und Christians Rat gilt hier genauso wie für Ladentheken: Investiere, wenn es gut läuft. Ein Netzwerk baust du am besten, bevor du es brauchst.
Die ganze Geschichte von Christian Hunold hörst du in Folge 110 des EASTSIDE HEROES Podcasts.