Mike Fischer: Warum der Dorfälteste von Gera seine Fahrschule wie eine Pusteblume baut
Drei, vielleicht vier Minuten. So lange hielt es Mike Fischer kurz nach dem Mauerfall in einem Arbeitsamt bei Fürstenau aus. Danach stand fest: Seine Zukunft liegt in Gera. Heute kommen junge Menschen aus ganz Deutschland in sein FischerDorf, um ihren Führerschein in wenigen Tagen zu machen. Und der Gründer der Fischer Academy denkt bereits an eine Zeit, in der Autos ohne Lenkrad fahren. In Folge 109 des EASTSIDE HEROES Podcasts erzählt Mike, warum Angst ein guter Ideengeber sein kann, weshalb ein Chef loslassen muss und was eine Pusteblume mit autonomem Fahren zu tun hat.
Mike wurde uns empfohlen, und sein FischerDorf hat sogar ein eigenes Ortsschild: knallrote Fassaden, Internat, Lernzentrum und Kantine, mitten in Gera. Mike nennt es das kleinste Dorf Deutschlands. Das Prinzip: sieben Tage Ausbildung, am achten Tag die Theorieprüfung, am neunten die Praxis.
Drei Minuten im Arbeitsamt, 1.000 Mark West und ein Trabant
Vorgezeichnet war dieser Weg nicht. Der Vater, Bauingenieur, sah den Sohn als Elektriker. „Ich war wirklich ein grottenschlechter Elektriker“, sagte Mike. Bei der NVA wurde er Hilfsfahrlehrer und merkte, was ihm liegt: vor der Klasse stehen und erklären. 1988 wurde er Fahrlehrer, als einer der jüngsten der DDR. Ein Jahr später fiel die Mauer.
Mike fuhr in den Westen, um zu sehen, wie es dort läuft. Das Arbeitsamt zog ihn so herunter, dass er nach wenigen Minuten ging, mit dem Plan, nach Gera zurückzukehren. Die eingereichten 14 Tage Urlaub nutzte er trotzdem: Er half bei der Renovierung einer Diskothek, für zehn Mark West die Stunde. Am Ende hatte er 1.000 D-Mark in der Tasche. Andere hätten darin ein Argument für den Westen gesehen. Mike kaufte einen Trabant 601 de luxe, sein erstes Fahrschulauto.
„Die Chancen waren im Osten viel größer“, sagte Mike. In der DDR hatte man bis zu acht Jahre auf die Führerscheinausbildung gewartet. Eine kleine Anzeige im Allgemeinen Anzeiger für 300 Mark West genügte: 4.000 Anmeldungen in vier Wochen. Seine Mutter verwaltete alles auf Karteikarten. „Es waren Mutter, mein Trabant und ich“, sagte Mike.
Angst als Ideengeber: Der Geburtenknick in Gera
Die prägende Wende der Fischer Academy begann mit einem Gefühl, über das Unternehmer selten sprechen. „Die Idee kam eigentlich aus der Angst heraus“, sagte Mike. 1989 kamen in Gera rund 1.500 Kinder zur Welt, ein Jahr später nur noch etwa 500. Wer 1990 geboren wurde, sitzt 17, 18 Jahre später in der Fahrschule. Die Rechnung hing wie ein Damoklesschwert über dem Team.
Der übliche Weg wäre gewesen, Preise zu senken, Kosten zu drücken und mehr zu werben. Stattdessen fiel in einem Meeting ein Satz, der den Kurs drehte: Wenn Gera nicht reicht, holen wir die Leute eben aus ganz Deutschland. „Eine Million machen in Deutschland jedes Jahr den Führerschein. Das ist eine ganz andere Zahl“, sagte Mike.
Wie aus Hamburgern Geraer werden
Naiv? „Total naiv“, sagte Mike. Denn die Fahrerlaubnisprüfung wird am Wohnort abgelegt, so regelt es Paragraf 17 Absatz 3 der Fahrerlaubnis-Verordnung. Die Kritiker im Team hatten den Einwand sofort parat, und Mike schätzt sie dafür. „Wenn du nur Bekloppte hast, so wie mich, dann geht alles schief“, sagte Mike.
Die Lösung war ein Fahrschulinternat. Wer sich anmeldet, wohnt für die Zeit der Ausbildung in Gera und legt hier die Prüfung ab. Mike hält die Regel aus den 60er-Jahren für überholt, doch statt auf eine Gesetzesänderung zu warten, suchte er einen anderen Weg. „Wenn der Hamburger bei dir keine Prüfung machen kann, weil er in Hamburg wohnt, dann machst du den Hamburger halt zum Geraer“, sagte Mike.
Die Umdenkfabrik: Warum ein Chef loslassen muss
Auf die meisten Lösungen kommt Mike nicht allein. Seit über 20 Jahren arbeitet die Fischer Academy mit der Umdenkfabrik, einem System für Mitarbeiterideen. Einmal im Monat kocht das Team gemeinsam in der Kantine, danach stellt jede und jeder eine Idee vor, allerdings nur bereits umgesetzte. „Eine gute Idee ist nur eine gute Idee, die selbst geplant, selbst kalkuliert und selbst umgesetzt ist“, sagte Mike. So baute der Hausmeister bei Schneechaos kurzerhand eigene Schneeschieber, als im Handel keine mehr zu haben waren.
Dahinter steht ein klares Menschenbild. Wir kommen mit zwei Grundbedürfnissen auf die Welt, erklärte Mike: Verbundenheit und Wachstum. Motivieren könne ein Chef niemanden, er könne nur das Spielfeld bereitstellen. Heute sieht Mike seine Aufgabe darin, die Potenziale seiner Mitarbeitenden zur Entfaltung zu bringen. „Wenn du mich fragst, was meine Kunst ist: Ich kann super loslassen“, sagte Mike.
Eine richtig schlechte Idee stammt übrigens von ihm selbst. Er ließ die roten Fahrschulautos schwarz machen und wollte einen roten Fisch als Logo, inspiriert vom Nike-Haken. Dann rief eine Agentur an und wies ihn darauf hin, dass der Fisch ein christliches Symbol ist. Alles wurde zurückgedreht. „Die dümmsten Fehler mache sowieso immer ich“, sagte Mike.
„Wenn du einen hast, hast du alle“: Influencer im FischerDorf
Ein entscheidender Impuls kam aus der Familie. Um 2015 drängte Mikes Sohn Lucas, der damals in der Academy seine Ausbildung machte, darauf, Simon Desue nach Gera zu holen. Mike musste erst nachschauen, wer das ist. Desue kam und brachte Shirin David und Paola Maria mit. Im FischerDorf herrschte Ausnahmezustand, für ein Fan-Treffen auf der Terrasse der Pizzeria brauchte es Security. Zwei Tage später meldete sich die Stadtverwaltung: Ab 200 Leuten müsse man so etwas anmelden. „Wenn du einen hast, hast du alle“, sagte Mike. Danach kamen die Influencer von selbst.
Später baute Nancy Bradtke, heute Mit-Geschäftsführerin, einen eigenen YouTube-Kanal auf. Gestartet ist er mit 119 Abonnenten und noch ohne Video, den Großteil stemmt sie allein. Als Mike ihr die Sonntagsarbeit ausreden wollte, drohte sie mit Kündigung, und Mike ließ sie machen. „Lass die jungen Leute mal machen, die Bock haben. Guck denen in die Augen. Wenn die von ihrem Job erzählen und du kriegst Gänsehaut, stell die ein“, sagte Mike.
Pusteblume statt Wasserglas: Mike Fischer und das autonome Fahren
Die nächste Wende kündigt sich bereits an. Zunächst kommt die Führerscheinreform: Das Bundeskabinett hat im Mai 2026 einen Entwurf beschlossen, nach dem die Theorie auch komplett per App gelernt werden kann. Angehörige sollen zudem einen Teil der Fahrpraxis begleiten dürfen. Angepeilt ist 2027.
Den größeren Umbruch sieht Mike im autonomen Fahren. Seine Prognose: Um 2040 fahren wir autonom. Den Anstoß gab ein Buchtitel des Silicon-Valley-Beraters Mario Herger: „Der letzte Führerscheinneuling … ist bereits geboren“. Der Titel reichte Mike. Er rief Herger an, weckte ihn wegen der Zeitverschiebung und ließ ihn später ins FischerDorf einfliegen. Mit der Stadt Gera und der Dualen Hochschule Gera-Eisenach entstand ein Kompetenzzentrum für autonomes Fahren, ein selbstfahrender Shuttle drehte testweise Runden durch Gera. Damals stoppte er bei jeder Schneeflocke. „Wir überschätzen, was in zwölf Monaten passiert, aber wir unterschätzen, was in zehn Jahren möglich ist“, sagte Mike.
Sein Bild dafür: Ein Unternehmen kann wie ein Wasserglas sein, das beim Fallen zerbricht. Es kann robust sein wie eine schwere Kette, die irgendwann doch reißt. Oder es funktioniert wie eine Pusteblume, aus deren Samen Hunderte neue wachsen. Mike bezieht sich dabei auf „Antifragilität“ von Nassim Taleb. „Ich bin so verrückt, dass ich mir als Fahrschule eigentlich selbst den Kopf abhaue, weil ich mich mit autonomem Fahren beschäftige. Aber das ist die einzige Chance, im Spiel zu bleiben“, sagte Mike.
Konkret arbeitet er am Konzept „Fischer Mobility 2040“ mit Akademie, Lab, Hub und Fleet. Schon jetzt bewirbt sich die Academy bei Anbietern der neuen Mobilität als Partner. „Elon Musk wird nicht nach Gera kommen und sagen: So, jetzt machen wir hier eine Flotte. Es braucht Betreiber“, sagte Mike.
Die fünf Menschen um Dich herum
„Zeig mir die fünf Leute, mit denen du dich umgibst, und ich sag dir, wer du bist“, sagte Mike. Liest Du seine Geschichte noch einmal, tauchen diese Menschen an jeder Wende auf: die Mutter mit den Karteikarten, die Kritiker im Meeting, der Sohn mit dem Influencer-Tipp, die Mitarbeiterin mit dem YouTube-Kanal, der Berater, den ein Anruf ins FischerDorf brachte. Kaum eine dieser Wenden hat Mike allein geschafft.
Für viele Unternehmerinnen und Unternehmer in Mittel- und Ostdeutschland liegt genau hier der Engpass. Ideen gibt es genug. Was oft fehlt, sind Menschen, die sie herausfordern, weiterdenken oder die passende Tür öffnen. Deshalb bringen wir in unserer Mitgliedschaft Unternehmerinnen und Unternehmer aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gezielt zusammen: mit Impulsen, Blicken hinter die Kulissen und Kontakten, die zueinander passen.
Daueroptimist mit 63
„Ich bin vom Haus aus Daueroptimist“, sagte Mike. Mit 63 plant er bis 2040 und baut das Spielfeld, auf dem junge Leute die nächste Fischer Academy gestalten. Wir leben vielleicht 80 Jahre auf diesem Planeten, findet er. „Mach doch die beste Zeit draus“, sagte Mike.
Zum Schluss drehte er den Spieß um und lobte, dass wir mit dem Podcast Optimismus aus dem Osten verbreiten. Im Gespräch wurde daraus kurzerhand ein neues Wort: Ostimismus. Über seinen eigenen Podcast „Geraer Stadtgeflüster“ haben wir übrigens noch kein Wort verloren. Klingt nach einer Fortsetzung. Die komplette Folge 109 mit Mike Fischer hörst Du im EASTSIDE HEROES Podcast.